Kuba – Haiti. Ein kurzer historisch-ökonomischer Vergleich

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22-07-21 04:47:00,

Der Anregung eines NachDenkSeiten-Lesers entsprechend baten wir um einen Vergleich der Entwicklung von Haiti und Kuba. Es gab mehrere Angebote. Hier ist der Text von Michael Steinhauser, der sich als erster gemeldet hatte. Steinhauser arbeitet wissenschaftlich im Bereich Entwicklungspolitik. Vielen Dank für die Mühe.

Die Geschichte der beiden Große-Antillen-Staaten gleicht sich auf verblüffende Weise und ist doch ab dem 19. Jahrhundert grundverschieden. In beiden Staaten wurde die ursprüngliche Kultur der Taino, ab der beginnenden spanischen Kolonisierung im Jahr 1493, so gut wie zerstört. Viel zu wertvoll waren die üppigen Ertragsmöglichkeiten durch den Anbau von Kaffee, Zucker und Hölzern den spanischen Besatzern. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts war die native Bevölkerung der beiden Inseln fast ausgerottet. Aus gutem Grund wird sich heute kaum ein Bewohner Kubas oder Haitis, ganz im Gegenteil zum lateinamerikanischen Festland, als Mestize bezeichnen.

Während sich Kuba bis zu Beginn der „langen Revolution“[1] 1868 fest in spanischer Hand befand, mit Ausnahme einer kurzen englischen Herrschaft im Jahr 1762, wurde das Regime auf Haiti 1700 durch Frankreich abgelöst. Der französische König hatte ein ebenso großes Interesse an der Ausbeutung der Insel wie die spanische Krone. Die Bevölkerungen beider Inseln wurden bei allen Entscheidungen selbstredend nicht miteinbezogen. Sie bestanden nunmehr aus weißen Europäern und einem großen Anteil an schwarzen Sklaven aus Westafrika, da die indigene Bevölkerung durch eingeschleppte Seuchen dezimiert wurde. Im Laufe des 18. Jahrhunderts prosperierten beide Inseln, wobei Haiti bereits zur Zeit der Französischen Revolution seinen wirtschaftlichen Höhepunkt erreichte[2], während die kubanische Blütezeit erst mit dem Nordamerikahandel im 19. Jahrhundert begann und Kuba 1868 zur reichsten Kolonie der Welt machen sollte.[3]

Eine extreme Ungleichverteilung des geschaffenen Wohlstands, wie ein Aufkeimen von nationalistischen Ideen, brachte die kubanischen Untertanen 1868 zu einem ersten ernstzunehmenden Aufstand, der sich über zehn Jahre erstreckte und den Spaniern militärisch alles abverlangte. Das Momentum von „Liberté, Égalité und Fraternité“ erfasste Haiti wesentlich früher als Kuba. Spätestens mit dem Sklavenaufstand von 1791, organisiert von „Maroons“, schwarzen, in die unzugänglichen Bergregionen geflohenen Sklaven, die schon seit den 1750er Jahren Guerillaangriffe gegen die Franzosen führten. Beide Umsturzversuche scheiterten. Was jedoch nicht scheiterte, war das Herausbilden eines „unbesiegbaren Hasses gegen die Unterdrücker“, wie es der Dichter des Modernismo, José Martí, ausdrückte. Dieser independentismo ist das, was alle nachfolgenden lateinamerikanischen Revolutionsversuche,

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