Zombie-Journalismus

zombie-journalismus

27-08-21 03:00:00,

Mir schwirrt der Kopf. Ich möchte verstehen, was los ist. Wie kommt es, dass engste Freunde von mir die Welt so anders sehen als ich und wir über Argumente gar nicht mehr zueinanderfinden. Mein Eindruck ist, dass wir uns in einem Glaubenskrieg befinden.

Wie oft fragte ich mich in der Vergangenheit, wie es für gläubige Menschen möglich war, im Namen der Nächstenliebe in den Krieg zu ziehen. Zumindest liefert mir die aktuelle Situation Antworten auf solche Fragen, denn viele meiner Mitmenschen finden es zurzeit im Namen der Solidarität auch in Ordnung, nicht Geimpfte vom gesellschaftlichen Leben auszugrenzen.

Wenn ich mich in ihr Weltbild hineinversetze, verstehe ich zumindest ihre Logik — wenn Nichtgeimpfte durch ihre freie Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, eine Gefahr für andere wären, dann könnte ich das Ausgrenzen nachvollziehen. Nur zur Beantwortung der Frage, ob Ungeimpfte andere gefährden, verlassen sich viele meiner Mitmenschen auf die Informationen der sogenannten Mainstream-Medien. Von allen meinen Bekannten würde niemand andere absichtlich in Gefahr bringen. Warum also schreiben Journalisten, dass nicht Geimpfte andere Menschen gefährden, wenn die meisten von uns, dies nirgendwo selbst beobachten können und zudem viele Fachleute sich dieser Einschätzung nicht anschließen?

Ich kann verstehen, wie es Menschen, die den Leitmedien ihr Vertrauen schenken, gehen würde, wenn sie ihr Weltbild hinterfragen und es sogar verlieren würden. Damit würden sie auch ihren Halt verlieren, sich vermutlich erst einmal ohnmächtig fühlen und ihre Angst würde größer.

Zwar vertrauen sie den Mainstream-Medien und Politikern nicht immer blind, aber sie trauen ihnen eben auch nicht zu, ohne triftigen Grund und Belege die Grundrechte krass einzuschränken. Oft höre ich, wenn meine Argumente, man könne sich dessen aber nicht so sicher sein, auf zumindest halb geöffnete Ohren stoßen: „Das kann ich nicht glauben, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Und so scheiden sich unsere Geister weiterhin bei der Frage, wem wir vertrauen: Den Leitmedien und Politikern oder unserer eigenen Wahrnehmung im direkt erlebten Alltag sowie Experten und Journalisten, die im Mainstream nicht zu Wort kommen?

Marcus Klöckner ist Soziologe und befasst sich seit Langem mit den Medien. Er beschreibt, was wir alle wissen und doch immer wieder zu vergessen scheinen: Medien und Politik sind kein Spiegel der Realität, sondern eine geschlossene Gesellschaft, die sich hinter hohen Mauern vom Rest der Bevölkerung abgrenzt und die Deutungshoheit über das Weltgeschehen für sich in Anspruch nimmt.

Bereits 2019 veröffentlichte Klöckner das Buch „Sabotierte Wirklichkeit — Oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“, wo er kritisierte, „wie Medien eine verzerrte Wirklichkeit schaffen, die ähnlich der viel gescholtenen Filterblasen der ‚sozialen‘ Medien mit der Realität oft nur noch wenig zu tun hat“. Am 24. August 2021 legte er nun mit „Zombie-Journalismus — Was kommt nach dem Tod der Meinungsfreiheit?“ ein weiteres Werk vor, in dem er mit der Medienindustrie als Propaganda-Maschinerie mit bissigem Humor abrechnet.

Im Exklusiv-Interview mit Jens Lehrich spricht er von den unzähligen blinden Flecken, die zu einem gigantischen blinden Fleck verschmelzen. Die Ursache sieht er darin, dass Journalisten überwiegend aus ähnlichen sozialen Verhältnissen kommen und dadurch auch einen relativ einheitlichen Blick auf die soziale Wirklichkeit haben, der sich dann in ihren Beiträgen widerspiegelt und den Leser-, Zuhörer- und Zuschauerschaft wiederum für einen Spiegel der Realität halten.

Ich kann damit leben, dass meine Mitmenschen, die Welt anders sehen als ich. Unbehagen bereitet mir, dass sie Akteuren vertrauen, die in der Vergangenheit nachweislich oft gelogen oder versagt haben, zum Beispiel in der Ukraine-Krise, der Bankenkrise, im Irak-Krieg, zur Schweinegrippe, und deren Interessen in Bezug auf Profit oder Machtgewinn so offensichtlich sind …

Klöckners Resümee ist klar: Der Mainstream-Journalismus kann nicht reformiert werden.

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