Kleopatra und die Bibliothek von Alexandria

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Kleopatra und die Bibliothek von Alexandria

02-02-24 08:24:00,

Πάντες ἄνϑρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει.
(Aristoteles)

Liebe Leserinnen und Leser,

Vor 14 Tagen habe ich versucht zu zeigen, wie der Einfluss der «Woke-Bewegung» akademische Integrität und wissenschaftliche Standards untergräbt und zu mangelnder intellektueller Strenge führt.

Heute versuche ich zu zeigen, wie die «Woke-Ideologie» bei «meiner» Wissenschaft, der Geschichte vorgeht.

Geschichte ist eigentlich eine Wechselwirkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wir stellen Fragen aus der Gegenwart an die Vergangenheit, zum Beispiel: «Woran sehen wir an der heutigen Struktur der Schweiz den Einfluss der französischen Revolution»? Anschliessend werden sämtliche für die Fragestellung relevanten Fakten gesammelt und interpretiert.

Man nennt das hermeneutische Wissenschaft (gr: ἑρμηνεύειν=erklären, auslegen, interpretieren).

Dieser Werkzeugkasten ist sehr flexibel. Aber nicht alles ist erlaubt. Nicht gestattet ist zum Beispiel, für die Fragestellung relevante Fakten zu unterschlagen oder diese im Hinblick auf ein gewünschtes Ergebnis zu interpretieren oder gar zurechtzubiegen. «Geschichtsklitterung» hat mein Professor dieses Vorgehen genannt.

Gerade diese Tendenz besteht heute aber. Eines der besten Beispiele ist die «Dokumentation» von Netflix über die antike Königin Kleopatra. Sie hat einen griechischen Namen (Κλεοπάτρα), herrschte als letzte Königin der makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer von 51 v. Chr. bis 30 v. Chr. über Ägypten und war somit mit allergrösster Wahrscheinlichkeit weiss. In der besagten «Doku» wird sie aber schwarz dargestellt. Man mag dies als Detail abtun. Aber es steht eine Absicht dahinter – es geht nicht um Hautpigmente.

Die Althistorikerin Mary Lefkowitz, die sich ausgiebig mit Pseudogeschichte beschäftigt hat, entlarvte in ihren Büchern Black Athena Revisited und Not Out of Africa: How Afrocentrism Became an Excuse to Teach Myth as History Mythen des Afrozentrismus, der auf «Geschichtsklitterung» basiert und die Entstehung der griechischen Poliswelt schwergewichtig auf afrikanische Einflüsse zurückführt. Man darf zwar sagen, dass Kleopatra eine ägyptische Herrscherin und Strategin war, aber man darf gleichzeitig nicht negieren, dass sie aus einer europäischen, das heisst griechischen Dynastie stammte und einen griechischen Namen trug.

Aufgrund ihrer Erfahrungen an amerikanischen Universitäten war Lefkowitz überrascht, dass es heute eine Tendenz gibt, Geschichte als eine Form der Fiktion zu behandeln, die von jedem Land und jeder Ethnie anders geschrieben werden kann und sollte. Diese Tendenz geht davon aus, dass alle diese Versionen irgendwie gleichzeitig richtig sind, auch wenn sie sich widersprechen. Daher sollte die vom Afrozentrismus vorgeschlagene Darstellung der alten Geschichte nicht als Pseudogeschichte, sondern als alternative Sichtweise der Vergangenheit betrachtet werden. Sie kann – in dieser Sicht – als ebenso gültig wie die traditionelle Sichtweise angesehen werden, vielleicht sogar als gültiger, weil sie eine «moralische Agenda» hat.

Mary Lefkowitz erlebte diese Wahrnehmung bei mehreren Gelegenheiten, von denen sie eine mit ihren Lesern teilte: Auf einer Geschichtskonferenz hörte sie die ungeheuerliche Behauptung, Aristoteles habe seine Philosophie aus der Bibliothek von Alexandria «gestohlen», ein Beispiel für die afrikanischen und «schwarzen» Ursprünge der griechischen Philosophie (denn Alexandria liegt in Afrika). Als sie den Redner darauf hinwies, dass Aristoteles vor der Gründung dieser Bibliothek gestorben war, war die Antwort, die sie erhielt, entwaffnend: «Das ist Ihre Sicht der Dinge.»

Der französische Philosophieprofessor Jean-François Braunstein beurteilt in seinem kürzlich erschienenen Buch La Religion Woke den Einfluss dieser Ideologie im akademischen Bereich äusserst pessimistisch, weil deren sektiererische Art eine wissenschaftliche und rationale Kritik an ihr fast unmöglich macht. Kein Argument übt auch nur den geringsten Einfluss auf sie aus. Wir können versuchen, sie aufzuhalten, aber wir können sie nicht überzeugen.

Ich bin etwas weniger pessimistisch als Braunstein. Denn ich halte es mit dem eingangs zitierten Aristoteles. Übersetzt heisst das: «Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.»

Und nicht nach Ideologie.

Und Kleopatra war weiss.

Herzlich,

Daniel Funk

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