Militarisierung des Alltags

23-08-19 09:15:00,

Ab 1. Januar 2020 können Soldaten in Uniform kostenlos mit der Deutschen Bahn reisen. Probleme sind das neue Gesicht des Militarismus und die erheblichen Demokratiedefizite, die sich bei dieser kleinen Innovation zeigen

Es ist natürlich kein Problem, dass Soldaten mit dem Zug fahren. Ihre Dienstkleidung wird man ihnen nicht verbieten können, jeder darf zum Glück bisher so reisen, wie er mag. Es ist auch in Ordnung, wenn ihnen der Arbeitgeber ein Job-Ticket spendiert, dessen geldwerten Vorteil sie wie andere Bürger in vergleichbaren Fällen versteuern (was bei Soldaten wie schon bisher bei den gratisreisenden Polizisten allerdings nicht vorgesehen ist – Kramp-Karrenbauer sähe dies offenbar als “steuerlichen Nachteil”). Das Ministerium spricht von vier Millionen Euro zusätzlich, die die neue Freizügigkeit kosten soll – darüber allein gäbe es wohl wenig zu diskutieren.

Problematisch ist hingegen die politische Begründung für die neue Form der Freifahrtscheine: Das Militär soll in der Öffentlichkeit sichtbarer werden. Bisher fahren die meisten Soldaten im Zug zivil(isiert) gekleidet – neben der obligatorisch kurzen Haarpracht verrät nur manche der fleckentarnfarbene Rucksack, und natürlich sind wie zu Zeiten der Wehrpflicht die Pulks junger Männer auffällig, die an den mit Kasernen beglückten Orten ein- oder aussteigen.

Künftig sollen diese Soldaten aber in Uniform reisen. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte dazu: “Soldaten in Uniform in unseren Zügen schaffen mehr Sicherheit.”

Damit setzt sich die Militarisierung des Alltags fort. Im letzten Wahlprogramm von CDU und CSU hieß es dazu schon unheilsschwanger:

In besonderen Gefährdungslagen werden wir die Bundeswehr unter Führung der Polizei unterstützend zum Einsatz bringen. Dabei wollen wir zunächst den bestehenden Rechtsrahmen ausschöpfen. Bei der Abwehr eines besonders schweren Terrorangriffs kann die Polizei an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommen. Die Bundeswehr soll dann die Polizei unterstützen. Solche Einsätze unter Leitung der Polizei müssen regelmäßig geübt werden.

Da kann man es nicht mehr nur als übliche Provokationslust abtun, dass AfD-Politiker bereits fordern, Soldaten sollten wie Polizisten bei ihren privaten Bahnreisen bewaffnet sein. Soldaten als Autoritätspersonen, die künftig auch außerhalb ihrer Kasernen herumkommandieren, wenn ihnen das zur Stärkung des Sicherheitsgefühls einzelner geboten scheint? Vermutlich wird es bald nicht mehr als Ulk gelten, wenn Bürger vor den jungen Soldaten am Bahnhof salutieren.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem des augenscheinlich kleinen Geschenks: beim großen Demokratiedefizit,

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Helden des Alltags

15-07-18 07:32:00,

Einzelne Menschen können vieles verändern, wo auch immer sie stehen und wer auch immer sie sind. Sie tun, was ihnen richtig erscheint, im Einklang mit ihrem Denken und Fühlen, mit Verstand und Herz.

Oft ist ihr Handeln nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sie kommen nicht mit Pauken und Trompeten daher, sondern engagieren sich leise und beständig im Kleinen, Bescheidenen, Alltäglichen. Sie wirken in allen Lebensbereichen und setzen sich ein: für die Aufdeckung von Missständen, für mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität, mehr Respekt, für den Aufbau einer harmonischeren und gesünderen Welt.

Der Rubikon interessiert sich für diese Menschen. Den Anfang macht Ursula Wesseler. Sie ist Rubikon-Autorin der ersten Stunde. Jens Lehrich begegnete ihr im Rahmen des Treffens mit Eugen Drewermann. Spontan lud er sie zu einem Interview ein. Denn Ursula Wesseler hat Mut im Alltag. Sie wagt es, in einer materialistisch orientierten Leistungsgesellschaft von Liebe und Fürsorge zu sprechen und Erneuerungen, die uns als erstrebenswert verkauft werden, grundsätzlich zu hinterfragen.

Als Erzieherin und Leiterin einer Kindertagesstätte engagiert sich Ursula Wesseler seit 35 Jahren im Interesse der kleinsten und schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Heute zeigt sie sich alarmiert: Eine neue Gesetzgebung ermutigt Eltern, ihre Kinder schon ab vier Monaten in die Ganztages-Kita zu geben. Viel zu früh, findet sie.

Einerseits klingt es verlockend, vor allem für Frauen: Mütter können schon kurz nach der Geburt ihres Kindes in das Arbeitsleben zurück, ihre Karriere nimmt keinen Schaden. So soll die berufliche Benachteiligung gegenüber Männern eingegrenzt werden. Welche emanzipierte Frau würde sich gegen eine solche Möglichkeit stellen?

Andererseits entstehen Probleme, die sich vor allem auf die Kinder negativ auswirken: In den ersten Lebensmonaten bilden sie noch eine Einheit mit der Mutter und sind viel zu klein, um in Stundenpläne, Entwicklungsraster und Checklisten gepresst zu werden.

Dazu kommt, dass vielen Kitas Zeit, Geld und Personal fehlen und die Kinder nicht altersgerecht betreut werden können.

Durch die immer umfangreicher werdenden und teilweise absurden administrativen Aufgaben, mit denen Erzieher heute zunehmend fertig werden müssen, fehlt ihnen Zeit für ihre eigentliche Arbeit. Die betreuten Gruppen sind oft so groß, dass viele Kinder praktisch eingesperrt werden. Die Betreuer können einfach nicht so viele Babys oder Kleinkinder anziehen, um sie nach draußen zu lassen.

So bekommen die Kinder oft nicht das,

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