Armutszeugnis: Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt

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10-04-20 07:12:00,

Armutszeugnis:

Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt

von Prof. Bernd Gäbler / Otto-Brenner-Stiftung (OBS-Arbeitspapier 40)

TV-Konsum-Gehirnwaesche-Massenverbloedung-Massenverdummung-Konditionierung-betreutes-Denken-Kritisches-Netzwerk-ARD-aktuell-Tagesthemen-Tagesschau-Denkfaulheit Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat mehr als hundert Stunden RTL II geschaut und Sendungen wie „“Hartz und herzlich”“ und „Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?“ unter die Lupe genommen. Aber auch Formate von RTL wie „Zahltag! Ein Koffer voller Chancen“ und Berichte von ARD und ZDF, in denen Armut thematisiert wird, werden beschrieben und bewertet. Das Arbeitspapier will u.a. einen Anstoß geben, über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen nachzudenken. Autor und Stiftung rufen Journalisten- und Sozialverbände auf, gemeinsam mit den Betroffenen einen „Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung“ zu erstellen.

► Vorwort von Jupp Legrand, Geschäftsführer der OB:

Armut ist ein politisch umstrittener Begriff, der auf vielschichtige Fragen verweist, facettenreiche Inhalte zum Ausdruck bringt und auch Probleme anreißt, die immer wieder diskutiert werden müssen. Es geht um Weltbilder, Werte, Interessen und Vorstellungen von Gerechtigkeit, die nicht selten aufeinanderprallen. In demokratischen Gesellschaften ist dabei das durch Medien erzeugte Bild von Armut und sozialer Ungerechtigkeit für gesellschaftliche Aushandlungen zentral. Doch welches Bild zeichnen die Medien in Deutschland von Armut? Welches Zeugnis dieser gesellschaftlichen Realität legen sie ab?

Diesen Fragen geht das vorliegende Diskussionspapier der Otto-Brenner-Stiftung anhand der Darstellung von Armut im Massenmedium Fernsehen nach – und lässt im doppelsinnigen Titel „Armutszeugnis“ zugleich sein Urteil erkennbar werden.

Dass es in Deutschland Armut gibt, wird zwar nur selten geleugnet, aber Konjunktur hat die Berichterstattung darüber dennoch nicht. Im Fokus stehen meist andere Themen. Gegenwärtig dominieren Klimapolitik, Globalisierung und Digitalisierung, Flucht und Integration sowie bis auf Weiteres die Corona-­Pandemie die politische und mediale Agenda. Wenn aber das fundamentale Problem der sozialen Ungleichheit ins Hintertreffen medialer Aufmerksamkeit gerät, dann verrät dies eine eingeschränkte Perspektive. Denn es ist beispielsweise keineswegs gesichert, dass der anstehende ökologische Umbau auch sozial verträglich gestaltet wird und dass die fortschreitende Globalisierung soziale Gegensätze verringert.

Von Armut Betroffene haben keine starke Lobby, die ihre Belange in den Diskurs einspeist und ihre Interessen durchsetzt. Darum bleibt es wichtig, dass Medien die soziale Frage immer wieder stellen, Armut konsequent im Blickfeld halten und fortlaufend über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen streiten. Der berufsethische Anspruch der Medien, auch „eine Stimme für die Stimmlosen zu sein“, ist hier von besonderer Relevanz.

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Armutszeugnis: Im Land der Ungleichheiten

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07-10-19 12:02:00,

Regelmäßig stellen Studien eine skandalöse Ungleichheit in Deutschland fest, wie ganz aktuell ein Bericht der Hans-Böckler-Stiftung. Ebenso regelmäßig werden diese Befunde ignoriert, die Ursachen der Symptome werden vernebelt. Man könnte die Ungerechtigkeiten beseitigen – doch dagegen gibt es medialen und politischen Widerstand. Von Tobias Riegel.

Eine der dominierenden „Erzählungen“ vieler großer Medien ist die von der nur „gefühlten“ Ungerechtigkeit: Schließlich gehe es „uns“ gut, die angeblichen Benachteiligungen und gesellschaftlichen Spaltungen existierten nur scheinbar, ansonsten seien es bedauerliche Einzelfälle oder „Fehler“ innerhalb eines prinzipiell bestens austarierten Systems, richtig? Falsch! Regelmäßig wird dieses „Gefühl“ der Ungleichheit und Ungerechtigkeit mit Daten unterfüttert und dadurch als real bewiesen – ganz aktuell einmal mehr vom WSI-Report der Hans-Böckler-Stiftung, der die Einkommensungleichheit untersucht hat. Der Report, der sich unter diesem Link findet, sagt ohne Wenn und Aber: Die Ungleichheit ist real, sie nimmt zu und sie ist auf einem neuen Höchststand. Um Abhilfe zu schaffen, müssen die Löhne und die Steuern rauf.

Der Stiftungs-Report lenkt die Aufmerksamkeit auf ein weiteres fatales gesellschaftliches Phänomen, das auch angesichts anderer Studien zu gesellschaftlichen Defiziten auftritt: Selbst die klare Benennung von skandalösen Missständen hat oft gar keinen Effekt mehr. Dementsprechend verpufft auch aktuell wieder die Eindeutigkeit des Stiftungs-Reports und der sich aufdrängenden Gegenmaßnahmen zur Linderung der Ungerechtigkeiten – die Informationen münden nicht in die entsprechenden logischen Handlungsweisen. Dieses Phänomen haben die NachDenkSeiten kürzlich in diesem Artikel am Beispiel Kinderarmut beschrieben und das Prinzip lässt sich direkt auf die aktuelle Studie der Böckler-Stiftung übertragen:

„Darum zeigen sich hier zwei Skandale: zum einen die Kinderarmut, die in der Studie offenbar wird. Zum anderen die ausbleibenden Reaktionen auf die in der Studie belegten Zustände. (…) Und so war auch an diesem Donnerstag kein Aufschrei angesichts der Studie festzustellen, weder in der Politik noch in den Redaktionen – eher ein müdes Ächzen darüber, dass man sich nun schon wieder mit diesem regelmäßig wiederkehrenden Thema herumschlagen muss. (…) Fragen nach den Ursachen und dem wirtschaftsliberalen System werden nicht gestellt.“

Ungleichheiten – Armutszeugnis für ein reiches Land

Versuchen der Vernebelung zum Trotz – der Befund der Untersuchung macht klar: Nach 2005 hatte sich der Anstieg der Ungleichheit vorerst abgeschwächt. Seit 2010 aber wächst die Einkommensungleichheit wieder deutlich und das ungeachtet der guten konjunkturellen Rahmenbedingungen sowie der günstigen Arbeitsmarktlage.

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