Die Angst vor dem Atomkrieg

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15-12-18 04:24:00,

Anfang 2018 stellte die Wochenzeitung DIE ZEIT fest, dass die Atomwaffen eine „verdrängte Wirklichkeit“ seien, aber alles Verdrängte irgendwann wiederkäme. Doch jetzt sei die Angst vor dem Atomkrieg zurückgekehrt, und sie sei berechtigt.

Sie führt drei Ereignisse auf, die das zu bestätigen scheinen: Ein Großalarm in Japan im August 2017, der die Bürger in die Schutzräume trieb, da eine nordkoreanische Rakete über die Insel Hokkaido hinweggerast war. Ein Workshop der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde im Januar 2018, auf dem Ärzte und Regierungsangestellte lernen sollten, wie sie sich bei einer atomaren Explosion verhalten sollten. Und eine Panik, die ebenfalls im Januar 2018 in Hawaii ausgebrochen war, nachdem an einem friedlichen Sonntagmorgen plötzlich auf den Displays aller Mobiltelefone eine Notfallwarnung erschien:

„Ballistische Raketen im Anflug auf Hawaii. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung.“

Mögen diese Ereignisse in der Tat die Rückkehr einer Angst signalisieren, so geben sie aber keinen Aufschluss darüber, ob diese Angst berechtigt ist. Da es sich in Japan und Hawaii um Fehlalarme handelte, könnte man sogar den Umkehrschluss ziehen und die Angst für unberechtigt halten — nur keine Panik.

Ein Ereignis jedoch, welches die Angst als durchaus berechtigt erscheinen lässt, fand nicht den Weg in die Medien. Ebenfalls im Januar 2018 hielt der Generalstabschef der britischen Armee, General Sir Nicholas Carter, vor dem „Royal United Service Institute“ einen Vortrag mit dem Thema „Dynamic Security Threats and the British Army“.

Seine Thesen: Russland sei „der archetypische Vertreter einer Bedrohung für Großbritannien“ und daraus folge die Notwendigkeit, sich auf die Bedrohung vorzubereiten, „den Krieg zu führen, den wir vielleicht führen müssen“.

Seine Worte zeichnen mit ungeschminkter Deutlichkeit ein erschreckendes Feindbild:

„Ich will keinesfalls unterstellen, dass Russland in der traditionellen Definition des Begriffs in den Krieg ziehen will, aber es gibt Faktoren, die sich auf die Frage nach ihren Absichten beziehen und man muss die russische Psyche, ihre Kultur und ihre Philosophie der Prävention verstehen. Ich denke, Russland könnte die Feindseligkeiten früher einleiten, als wir erwarten, und viel früher, als wir es unter ähnlichen Umständen tun würden.

Höchstwahrscheinlich werden sie schändliche Maßnahmen unterhalb der Schwelle gegenseitigen Beistands von Artikel 5 des NATO-Vertrages nutzen, um die Fähigkeit der NATO zu untergraben und die Struktur zu bedrohen, die unsere eigene Verteidigung und Sicherheit bedrohen (…).

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Der geplante Atomkrieg

Der geplante Atomkrieg

30-03-18 12:32:00,

Mehr als 45 Jahre, nachdem ihn die Veröffentlichung der Pentagon Papers berühmt gemacht und er zugleich den Zorn von Präsident Richard Nixon und seiner Klempner auf sich gezogen hatte, ist Daniel Ellsberg nun aufs Neue in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Der Erfolgsfilm “The Post” arbeitet einen Teil der Pentagon-Papers-Geschichte auf und zeigt, wie Ellsbergs Entscheidung, die heuchlerische und streng geheime Indochina-Politik der USA offenzulegen, den Verlauf des Vietnamkriegs und der amerikanischen Geschichte maßgeblich beeinflusste. Und kurz vor der Premiere von “The Post” Anfang Januar erfreute sich außerdem Ellsbergs neuestes Buch “The Doomsday Machine: Confessions of a Nuclear War Planner” großer medialer Aufmerksamkeit.

In dem Buch berichtet Ellsbergs von seiner Karriere als Analyst bei der RAND Corporation in den sechziger Jahren, wo er an der Entwicklung der amerikanischen Atomkriegsstrategie beteiligt war. Diese Pläne sahen zwar im Vergleich zu früheren Entwürfen ein kontrollierteres Vorgehen vor, aber Ellsberg war schon bald klar, dass auch sie letztendlich nichts weiter waren als Blaupausen für die völlige Vernichtung unserer Zivilisation. Ellsberg resümiert: “Indem wir uns so gewissenhaft wie obsessiv an einem falschen Problem abarbeiteten und uns einer illusorischen Bedrohung stellten, hatten ich und meine Kollegen bei RAND nicht nur uns, sondern auch andere von den wahren Gefahren abgelenkt, die das Streben unserer Supermacht nach nuklearen Waffen in Wirklichkeit bedeutete – Gefahren, die alles nur noch schlimmer machen und die uns gleichzeitig um die Möglichkeit bringen würden, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Obwohl es nicht unsere Intention war (was natürlich keine Entschuldigung ist), machten wir unser Land und die Erde stattdessen zu einem unsicheren Ort.”

Seit den Siebzigern hat sich Ellsberg unermüdlich für die Reduzierung der weltweiten Atomwaffenarsenale eingesetzt, wobei das große Ziel letztendlich ihre völlige Eliminierung ist. Anfang des Jahres unterhielten sich er und ich ausführlich darüber, wie der Öffentlichkeit die von den Kernwaffen ausgehenden Gefahren effektiver vermittelt werden könnten. Das folgende Interview ist eine überarbeitete Abschrift von Teilen unseres weitschweifigen Gesprächs.

John Mecklin: Zunächst einmal die Frage für die wenigen Leute, die Ihr Buch noch nicht gelesen haben: Warum haben Sie es ausgerechnet jetzt geschrieben?

Daniel Ellsberg: Ich entwarf den ersten Teil des Buchs bereits vor vierzig Jahren, gleich nach dem Ende des Vietnamkriegs. Mein Verleger teilte mir dann allerdings mit, dass er nur um die 1.400 Exemplare verkaufen könnte,

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