„Jederzeit gefügige und aufopferungswillige Untertanen des Kaisers“

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15-08-19 09:21:00,

Heute vor 74 Jahren strahlte das japanische Radio eine mündliche Ansprache des Kaisers Hirohito an das japanische Volk aus, in der er erklärte, dass Japan die Kapitulationsbedingungen der Alliierten annimmt. Dies markierte de facto das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch die 36 Jahre Fremdherrschaft, die Japan über seine Kolonie Korea ausübte. Rainer Werning erinnert für die NachDenkSeiten an Japans Traum von einer „größeren gemeinsamen ostasiatischen Wohlstandssphäre“ und zieht dabei auch Parallelen zu den aktuellen Handelskonflikten zwischen Seoul und Tokio.

Vorbemerkung

Selten war das politisch-diplomatische Verhältnis zwischen Tokio und Seoul dermaßen zerrüttet, wie das seit dem Herbst 2018 der Fall ist. In diesen Tagen, da sich auch die Kapitulation Japans am 15. August zum 74. Male jährt, echauffieren sich japanische Politiker, Geschäftsleute und Diplomaten über ihre südkoreanischen Kolleg/innen, während in Seoul und anderen Großstädten der Republik Korea (ROK – Südkorea) offen „Boycott Japan“ skandiert und sogar zum Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 2020 in Tokio aufgerufen wird.

Kernpunkt des aktuellen Konflikts zwischen den Protagonisten ist und bleibt der Umgang mit und die Deutung von Vergangenem – einer Vergangenheit, die partout nicht vergehen will. Die 36-jährige Kolonialherrschaft, da der japanische Militarismus selbst die feinsten kapillarischen Verästelungen von Koreas Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und seinem Kunstschaffen durchdrang, hat tiefe Spuren hinterlassen. Ein Vermächtnis, das gleichermaßen die ost- und südostasiatischen Anrainer wie die VR China, Vietnam, Myanmar sowie Indonesien und die Philippinen teilen. Die Demütigungen und Wunden, die Millionen von Menschen in Ost-, Südost- und Südasien sowie im Pazifik unter der Knute des japanischen Imperialismus erdulden mussten und ihnen zugefügt wurden, sind noch im Gedächtnis präsent beziehungsweise längst nicht vernarbt.

Nachdem bereits vor über drei Dekaden eine Revisionismus-Debatte in Japan über die dort an Schulen eingesetzten Geschichtsbücher entfacht war und ultrareaktionäre politische Kräfte am liebsten sofort den Artikel 9 der japanischen Nachkriegsverfassung mit seinem ausdrücklichen Friedensgebot ersatzlos gestrichen sähen, werden heute namhafte japanische Großkonzerne mit Klageschriften aus Seoul konfrontiert, die eine Entschädigung der von diesen Firmen einst zwangsrekrutierten koreanischen Arbeiter/innen vorsehen. Ganz zu schweigen vom Los der euphemistisch sogenannten „Trostfrauen“ – Mädchen und Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Soldateska zwangsrekrutiert und in Militärbordellen zur Prostitution genötigt wurden. Da hoffen bislang die verantwortlichen Behörden in Japan – leider wohl nicht ohne Grund – dass sich dieses „Problem“ biologisch löst.

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