Crypto AG und der (längst bekannte) „Coup des Jahrhunderts“: Wie Medien mit der massenhaften Ausspähung umgehen

crypto-ag-und-der-(langst-bekannte)-„coup-des-jahrhunderts“:-wie-medien-mit-der-massenhaften-ausspahung-umgehen

14-02-20 01:27:00,

Die aktuell thematisierte Spionage durch BND, CIA und Crypto AG bildet einerseits einen handfesten Skandal – der aber andererseits keineswegs unbekannt war. Der Vorgang betrifft außerdem nicht nur die Geheimdienste, sondern auch viele Medien, denn er provoziert eine teils unangemessene und geheuchelte Berichterstattung. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Podcast: Play in new window | Download

Der BND und die CIA haben über Jahrzehnte Hintertüren in die Verschlüsselungsgeräte des Weltmarktführers Crypto AG eingebaut und konnten dadurch die Kommunikation von mehr als 130 Regierungen und Geheimdiensten mitlesen. Der BND ist in den 90er Jahren ausgestiegen, die CIA führte die Operation bis 2018 fort. Dieser Vorgang ist einerseits ein handfester Skandal: Einmal mehr stellt er die Phrasen vom „guten Westen“ und die aktuelle Aufregung über „Einmischungen“ (etwa in die letzte US-Wahl) auf eine harte Probe und klassifiziert sie als Heuchelei. Der Vorgang selber soll hier nicht Thema sein, Hintergründe dazu finden sich etwa in diesem Artikel auf „Telepolis“, unter diesem Link findet sich eine Stellungnahme der Linkspartei.

„Jahrhundert-Trick“ statt Verbrechen: Die stille Hochachtung vor der Dreistigkeit der Spione

Hier soll vielmehr der Blick auf den medialen Umgang mit den Ausspähungen gelenkt werden. Denn der ist in mehrfacher Weise irritierend. Da ist zum einen eine fehlende Distanz festzustellen: Zahlreiche Medien übernehmen in der Überschrift die CIA-Formulierung zum Vorgang als „Coup des Jahrhunderts“. Diese Formulierung transportiert eine stille Hochachtung vor der Dreistigkeit und dem „Erfolg“ der Operation, die dadurch eher als geglückter Spitzbubenstreich denn als schweres Verbrechen identifiziert wird. Unterhalb dieser verzerrenden Überschriften wird teils durchaus Kritik an der Spionagepraxis geübt. Aber im Titel spricht etwa der Sender n-TV vom „Jahrhundert-Trick von CIA und BND“. Die „Deutsche Welle“ nennt es den „Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts“, ebenso das Magazin „Fokus“ und zahlreiche andere Medien.

Die US-Regierung blieb beim Chile-Putsch „untätig“

Zusätzlich wird indirekt Distanz zu mutmaßlichen Verbrechen des Westens geschaffen, etwa in Bezug auf Chile und Argentinien der 70er Jahre. Durch die Berichterstattung wird etwa teils der Eindruck erweckt, die US-Regierung sei nicht in die Vorbereitungen des Putsches gegen Salvador Allende in Chile 1973 involviert gewesen (sie sei nur „untätig“ geblieben), oder es habe die jetzigen „Enthüllungen“ gebraucht,

 » Lees verder