Blick in die Wegwerfindustrie: Über das Unbehagen bei der Kehrichtverbrennung

16-11-20 10:07:00,

Blick in die Wegwerfindustrie:

Über das Unbehagen bei der Kehrichtverbrennung

Gedanken über das «Entsorgen» von Sorgen, die wir uns heute selber schaffen.

Helmut Scheben, Zürich für INFOsperber

An einem Samstagmorgen um halb zehn ist in der Zürcher Kehricht-Verbrennungsanlage Hagenholz ziemlich Betriebslärm. Das kracht und splittert, wenn die Leute ihre alten Pfannen, WC-Deckel und Bürosessel in die Mulden werfen. Man muss schon ein wenig laut werden, um sich mit den Einweisern zu verständigen, die einem sagen, wo denn die Spanplatten hinkommen. Und wo die kaputten Lautsprecherboxen, die Kabel und zerbrochenen Kaffeetassen. Die Autos fahren vollbeladen rein in die Halle und erleichtert wieder hinaus. Erleichtert wäre vielleicht auch das Adjektiv, um die Gesichter der Wegfahrenden zu beschreiben, schliesslich befindet man sich an einem Ort, der als «Entsorgung» bezeichnet ist: Recycling und Entsorgung Zürich.

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Ich weiss nicht, wann die moderne Industriegesellschaft das Wort «Entsorgung» erfunden hat, um einen Vorgang zu beschreiben, bei dem Müll von einem Ort an einen anderen geschafft wird. Es muss gegen Ende des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Die Sorge, deren man sich dabei entledigt, ist vermutlich die Sorge, dass der Mensch im grossen Haufen der Gegenstände ersticken könnte, die er sich zugelegt hat.

Die Verbrennungsanlage ist ein faszinierender Ort. Eine merkwürdige Stimmung kennzeichnet die Geschäftigkeit des Wegwerfens. Die meisten Leute sind ruhig und entschlossen. Sie sind auch nicht unhöflich miteinander, aber alle machen schnell vorwärts, man merkt ihre Hast, hier wegzukommen von diesem Friedhof der überflüssigen Dinge. Da ist in manchen Blicken eine Mischung aus Nonchalance und mildem Erschrecken, denn wenn es ein Symbol gibt für die kapitalistische Wegwerfindustrie, dann ist es hier.

Konsum-Konsumismus-Permakultur-Wegwerfgesellschaft-Massenkonsum-Nachhaltigkeit-Konsumgesellschaft-Konsumverweigerung-homo-consumens-Kritisches-Netzwerk

Unser Wirtschaften ist ein System, das die Leute zwingen muss, Gegenstände zu kaufen, die sie bald wegwerfen müssen, damit sie neue Gegenstände kaufen können. Es ist im Grunde eine unaufhörliche Produktion von Sorgen für die Entsorgung. Nirgendwo wird dies so ohrenbetäubend und augenbetäubend sichtbar wie in der Müllverbrennungsanlage samstagsmorgens um halb zehn. Doch das Entsetzen der meisten Leute hält sich in Grenzen.

► Die Vergänglichkeit der Waren

Der Ökonom Marc Chesney von der Uni Zürich machte 2017 in einem Interview auf den fatalen Zirkelschluss unserer Wirtschaft aufmerksam: Schulden seien nötig, um Wachstum zu fördern,

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Der Blick von links

05-11-20 11:37:00,

Ein wichtiges und diskussionswürdiges Buch zur Corona-Krise hat der belgische Publizist Peter Mertens geschrieben. Es ist wichtig, weil es deutlich auf die sozialen Probleme und Folgen der Corona-Krise aufmerksam macht, die bestehende Ungleichheiten vergrößert. Das Buch ist diskussionswürdig, weil der Autor darin das Virus Sars-Cov-2 und die von ihm laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelöste Krankheit Covid-19 als so gefährlich behandelt wie es herrschende Politik und etablierte Medien darstellen.

Beide Eigenschaften des Buches sind wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass Mertens nicht nur Sozialwissenschaftler und Publizist ist, sondern auch Vorsitzender der linken Partei der Arbeit von Belgien (PTB-PVDA). Immerhin äußert sich damit ein linker, marxistisch orientierter Politiker zu grundsätzlichen Fragen der Corona-Krise, was derzeit eher selten ist. Linke Kräfte scheinen selbst so von der Angst- und Panikmache durch die regierenden Kräften paralysiert, dass von ihnen kaum etwas zu vernehmen ist, was den Anschein von grundsätzlicher Kritik hat.

Mertens widmet sich relativ ausführlich der Situation der „Helden“ der Krise, also jenen Menschen, die im Gesundheitswesen und in den Dienstleistungsbereichen das grundlegende gesellschaftliche Leben trotz Shutdown beziehungsweise Lockdown aufrecht erhalten. Der Titel seines im Verlag am Park auf Deutsch erschienenen Buches macht bereits auf sie aufmerksam: „Uns haben sie vergessen — Die werktätige Klasse, die Pflege und die Krise, die kommt“. Darin beschreibt er unter anderem die Lage des Pflegepersonals in Belgien und anderen Ländern, die schon vor der Krise katastrophal war.

„Es brodelt schon lange in der Pflege, und dieses kleine Virus bringt das Fass zum Überlaufen“, stellt Mertens fest.

„Jahrelang wurden die Pflegekosten als ‚Last‘ betrachtet. Laut der politisch korrekten Regeln musste gespart werden.“

Mertens gibt das vorherrschende Gefühl unter jenen wieder, die nun selbst von den für die Krise verantwortlichen Politikern aller Herren Länder als „Helden“ bezeichnet werden:

„Sie haben uns nie ernst genommen: Das ist das Gefühl, das überall existiert. In der gesamten werktätigen Klasse.“

Erst als mit der Corona-Krise die Angst vor dem Tod wieder die Gesellschaft ergriff, seien jene beachtet worden, die sich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen um hilfsbedürftige Menschen kümmern, stellt der Autor fest.

Er weist zwar unter anderem auf die katastrophalen Zustände im Frühjahr in Norditalien und die dadurch entstandenen Bilder von Militärlastern mit Särgen in Bergamo hin. Doch leider ist das für Mertens eher ein Beispiel für die Gefährlichkeit des neuen Corona-Virus.

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Die Zeitgeistmacher: Ein Blick in die Werkstatt moderner Tiefen-Propaganda

02-09-20 10:45:00,

Die Zeitgeistmacher:

Ein Blick in die Werkstatt moderner Tiefen-Propaganda

Exklusivabdruck aus „Die Mega-Manipulation“ von Ullrich Mies. (Hrsg.)

von Roland Rottenfußer

Die Eliten versuchen über die Medien, die philosophischen Grundannahmen unserer Gesellschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen. Konditionierung-Manipulation-Beeinflussung-Gehirnwaesche-Nutzmenschhaltung„Sozial ist, was Arbeit schafft“, „Deutschland geht es gut“, „Leistung muss sich lohnen“, „Wir müssen Humanität und Härte vereinen“. PR-Phrasen sind schwerer als solche zu erkennen, wenn sie sich nicht auf tagespolitische Forderungen beschränken, sondern als allgemeingültige Weisheitssprüche daherkommen.

Schon immer hat politische Propaganda versucht, das weltanschauliche Paradigma einer Epoche in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ist auf diese Weise der Boden bereitet, lassen sich dem „Souverän“ auch harte politische Maßnahmen leichter verkaufen, werden Menschen dazu verführt, ihrer eigenen Entrechtung widerstandslos zuzustimmen. Ein Blick in die Werkstatt moderner Tiefen-Propaganda.

„Es ist nicht leicht, Menschen davon zu überzeugen, dass die Reichen die Armen ausplündern sollen; ein PR-Problem, das bis jetzt noch nicht gelöst wurde“, spottete Noam Chomsky. Das war 2001 in seinem Buch „Profit Over People“ [1]. Chomsky war da vielleicht zu pessimistisch, was die Möglichkeiten der PR betrifft. Wahrscheinlich kannte er die begleitende „Berichterstattung“ zu Hartz IV nicht, die um das Jahr 2002 einsetzte, dem Jahr als die Regierung Schröder (SPD) das Menschenverelendungsprogramm installierte.

Versetzen Sie sich einmal in die Lage von PR-Profis, die vor der Aufgabe stehen, besagtes Problem zu „lösen“. Sie wollen Politiker beraten, die vorhaben, Tausenden Menschen ihre Rechte zu nehmen, sie systematisch zu demütigen und so kaputt zu sparen, dass sie noch um ihr Existenzminimum zittern müssen. Ein leichtes Unterfangen ist das nicht, denn dem steht die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde ebenso entgegen wie das gesunde Empfinden der Mehrheit in der Bevölkerung. Lassen wir die Sache mit dem Grundgesetz mal beiseite. Es haben sich schon immer gerissene Juristen gefunden, die die Grundrechte zurechtbiegen.

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Schwieriger ist es mit der Volksmeinung. Wer die „Sozialromantik“ der Deutschen, dieses unflexible Besitzstandsdenken, schleifen will, braucht schon eine ausgefeilte Strategie — und benötigt die Unterstützung der Medien. Zu grob sollte er dabei nicht vorgehen. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, ist ein Spruch von Franz Müntefering (SPD), den manche in den falschen Hals gekriegt haben [2]. Aber wie wäre es mit „Sozial ist, was Arbeit schafft“? Klingt schon besser,

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«Blick» schürt mit falschen Assoziationen Corona-Angst

31-08-20 09:53:00,

Auf “Blick TV” und “Blick online” (Bild mit Originaltext, 27.8.20; Rechnen kann “Blick” auch nicht.) © ringier

Urs P. Gasche / 31. Aug 2020 –

Das Boulevard-Medium suggeriert, dass positiv Getestete in der Intensivstation landen. Doch die meisten werden nicht einmal krank.

«Blick» verbreitet die Zahl der «neuen Coronafälle» und hinterlegt diese Schlagzeile mit einem Patienten, der in der Intensivstation liegt. Diese optische Dramatisierung hat mit der Realität nicht das Geringste zu tun.

Bei den täglich vom BAG gemeldeten Zahlen handelt es sich um Personen, die in der Schweiz neu auf Sars-CoV-2 positiv getestet wurden. Fast alle diese positiv getesteten Personen – seit Wochen fast nur jüngere – haben höchstwahrscheinlich das Virus erwischt, sind jedoch nicht krank, waren nicht krank und werden nach dem Test auch nicht krank. Noch viel weniger mussten oder müssen sie in Spitalbehandlung, geschweige denn in eine Intensivstation. Doch «Blick» weckt diesen völlig falschen Eindruck. Darauf angesprochen lässt die «Blick»-Chefredaktion ausrichten: «Das erwähnte Foto ist in der Tat unglücklich gewählt. Es wird ab sofort nicht mehr verwendet.»

Wer solche Angstmacherei und andere Irreführungen kritisiert, kommt schnell in den Verdacht, die Corona-Krise verharmlosen zu wollen. Doch es schmälert die Glaubwürdigkeit von Medien und Behörden, wenn sie einseitige, irreführende oder sogar falsche Informationen verbreiten. Wenn das Vertrauen in Medien und Behörden schwindet, sind sie dafür mitverantwortlich. Auch angesehene Medien, einschliesslich ARD und ZDF, würden «oft in irreführender Art und Weise berichten», stellt das unabhängige Deutsche Netzwerk Evidenz-basierte Medizin (EbM-Netzwerk) fest. Das Kritisierte trifft auch für die Schweiz zu.

Seit Ende Mai stecken sich vor allem 20- bis 39-Jährige an

Positiv getestete Männer (blau) und Frauen (rot) pro 100’000 Einwohner. Diese Altersverteilung während der 14 Tage vor dem 29. August ist etwa die gleiche wie bereits seit Mitte Mai. (Auswertung der Zahlen und Grafik: Josef Hunkeler)

Die deutliche Mehrheit aller positiv Getesteten seit Mitte Mai sind jünger als 60 Jahre alt. Am häufigsten angesteckt hat sich die Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen.

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Ein völkerrechtlicher Blick auf das Weltkulturerbe Hagia Sophia

14-07-20 07:31:00,

Die beschlossene Umwidmung der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee wird international viel diskutiert. Unsere Gastautorin betrachtet die Angelegenheit aus einer völkerrechtlichen Perspektive.

„Der türkische Staatsrat hat die 1934 durch einen Regierungserlass erfolgte Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum für unrechtmäßig erklärt. Die Entscheidung vom Freitag macht damit den Weg zur Nutzung des Bauwerks in Istanbul als religiöse Gebetsstätte wieder frei“, lautet die offizielle türkische Berichterstattung.

Die Hagia Sophia bzw. auf Türkisch „Ayasofya“ ist eine der wichtigsten historischen und kulturellen Stätten der Welt. Entsprechend stark waren auch weltweit die Reaktionen. Während das Patriarchat von Moskau und Athen diesen Schritt deutlich kritisierten, bekundete Papst Franziskus, dass ihn diese Entscheidung schmerze. Ebenso meldeten sich zahlreiche Regierungsvertreter zu Wort. Auch türkische Verbände in Deutschland und Österreich gingen mit Verweis auf interreligiöse Toleranz auf Distanz zu dieser Entscheidung. In der Türkei selbst, nicht nur unter Regierungsanhängern, fand die Entscheidung, die von Präsident Recep T. Erdogan oft gefordert und dann wieder verschoben worden war, große Zustimmung. Der Hinweis auf die Mezquita von Córdoba, wo infolge der spanischen Reconquista die Moschee zur Kirche umfunktioniert worden war, wird von Befürwortern der Umwidmung zur Moschee stets vorgebracht.

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Sputnik / Burdshu Okutan

In einer Zeit, in der Emotionen dominieren, mag ein völkerrechtlicher Blick helfen, den Sachverhalt und die möglichen Folgen besser zu verstehen. Das Recht ist zwar keine präzise Wissenschaft, sondern oft eine Frage der Interpretation. Aber wir verfügen über Rechtsinstrumente, die in dieser Debatte nützlich sind. Die UNESCO wird hier noch eine wichtige Rolle übernehmen, wie auch die Generaldirektorin Audrey Azoulay in ihren Stellungnahmen angekündigt hat. Bedauerlicherweise hatte die türkische Vertretung bei der UNESCO weder die Organisation konsultiert noch in irgendeiner Weise vorab informiert. Die Korrespondenz der UNESCO an die Adresse der Türkei erinnert seit geraumer Zeit an die vertraglichen Verpflichtungen.

Die UNESCO-Welterbekonvention

Es war der Bau des ägyptischen Assuan-Staudamms und die Rettung der Tempel von Abu Simbel durch die UNESCO, welche die völkerrechtlichen Beratungen vor rund 50 Jahren auf den Weg brachten. Dieses gemeinsame Unterfangen weckte das Bewusstsein dafür, dass es Denkmäler, Bauten oder Orte auf der ganzen Welt gibt, deren Erhalt im Interesse der gesamten Menschheit steht, da sie einzigartige Zeugnisse der Menschheits-, Natur- und Kulturgeschichte darstellen. Um diese für kommende Generationen zu bewahren,

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