Chemie im Alltag: Die Industrie zieht am längeren Hebel

chemie-im-alltag:-die-industrie-zieht-am-langeren-hebel

04-09-20 08:41:00,

Red. / 04. Sep 2020 –

Konsumentenschützer decken Verzögerungstaktik der Industrie auf. Umsätze sind wichtiger als Gesundheitsschutz.

Wer glaubt, die EU würde Konsumentinnen und Konsumenten vor gesundheitsschädlichen Substanzen in Alltagsprodukten genügend schützen, täuscht sich gewaltig. Die Industrie ist zwar zur Deklaration auf ihren Produkten verpflichtet und muss der Europäischen Chemikalien Agentur (ECHA) in Helsinki, welche für die Regulierung von Chemikalien in der EU zuständig ist, die nötigen Angaben liefern, damit theoretisch eine Kontrolle möglich wäre. Doch die Industrie liefert eine Flut von häufig unvollständigen Angaben und kann so eine Prüfung jahrelang hinausziehen. Das zeigte ein recherchierter Beitrag des ARD-Magazins «PlusMinus».

Das deutsche Umweltbundesamt UBA wiederum hat nicht einmal die Kompetenz, von der Industrie die Herausgabe aller verwendeten Substanzen zu verlangen. Die Industrie ist am längeren Hebel, obwohl es um die Gesundheit der Menschen geht.

Gesetzeslücken lähmen Behörden

Das UBA ist zwar gesetzlich beauftragt, umweltgefährliche Stoffe in Deutschland zu regulieren. Aufgrund gesetzlicher Lücken weiss diese Behörde aber bis heute nicht, was alles in Alltagsprodukten enthalten ist. «Solange das UBA nicht weiss, wo gefährliche Stoffe enthalten sind, weiss es auch nicht, welche Produkte beschränkt oder verboten werden sollen», erklärte Frauke Stock vom UBA gegenüber «Plusminus». Es sei nicht einmal vorgesehen, dass das UBA solche Daten von den Herstellern erheben dürfte: «Es ist für uns tatsächlich eine Schwierigkeit, dass wir nicht wissen, was wo drin ist. Man könnte schon einmal darüber nachdenken, ob zumindest wir als Behörde solche Daten fordern dürften.»

Die leidige Geschichte des Bisphenol A

Für Gemische in Pulver- oder in flüssiger Form gilt EU-weit die Verpflichtung, gefährliche Produkte zu kennzeichnen. Doch Alltagsprodukte in anderer Form wurden jahrelang nicht als gefährlich eingestuft.

Ein Beispiel sind die meist aus Thermopapier hergestellten Kassenquittungen. Solche enthielten bis vor kurzem Bisphenol A (BPA). Der Stoff ist hormonaktiv und wird mit Entwicklungsstörungen bei Kindern, Unfruchtbarkeit und Brustkrebs in Verbindung gebracht. Das Anfassen genügt: BPA dringt durch die Fettschicht der Haut hindurch. Trotzdem dauerte das Verfahren ein Jahrzehnt, bis die Europäische Kommission 2016 seine Verwendung in Thermopapier verbot, jedoch die Verwendung mit einer grosszügigen Übergangsfrist noch bis Ende 2019 erlaubte.

EU-weit ist die Europäische Chemikalien Agentur ECHA in Helsinki für die Regulierung von Chemikalien zuständig. Grundlage für ihre Arbeit sind diverse Verordnungen. So vor allem die Chemikalien-Verordnung REACH.

 » Lees verder

PFAS: Chemie, die kostet

pfas:-chemie,-die-kostet

11-07-20 11:58:00,

Daniela Gschweng / 11. Jul 2020 –

«Ewige Chemikalien» sind nicht nur Thema für Gesundheits- und Gewässerschutz. Der Umgang mit ihnen wird auf Dauer sehr viel kosten.

Sie finden sich in Kleidung, Kosmetika, Dämmstoffen, Lacken, Reinigungsmitteln, Feuerlöschschäumen, Papier und vielem mehr. PFAS, zu Deutsch: Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, sind fast überall, denn ihre Anwendbarkeit ist schier unendlich. Die bekannteste unter den mehr als 4’000 verschiedenen Verbindungen ist PFOA (Perfluoroctansäure), die bei der Herstellung von Teflon verwendet wird. PFAS sind sehr stabil und äusserst langlebig. Sie werden deshalb als «ewige Chemikalien» bezeichnet. Diese Eigenschaft kostet die Steuerzahler jedes Jahr Milliarden.

Da die Chemikalienklasse der PFAS so allgegenwärtig ist, hat jeder Mensch eine geringe Menge davon auch im Körper. Sie sind im Grundwasser und im Boden und gelangen so in den menschlichen Körper, sofern dieser sie aus damit behandelten Produkten nicht sogar direkt aufnimmt. Im Körper reichern sich PFAS an und werden nur langsam ausgeschieden.

Gesundheitliche Auswirkungen von PFAS («Emerging chemical risks in Europe — ‘PFAS’», EEA)

PFAS können Leber und Niere schädigen, Cholesterinwerte und Blutdruck nach oben treiben, Schilddrüsenkrankheiten und Immunschwäche auslösen. Sie werden mit verschiedenen Krebsarten in Verbindung gebracht, wurden in Muttermilch nachgewiesen und können sogar Ungeborene im Mutterleib schädigen.

Chemie, die hunderte bis tausende Jahre überdauert

Dennoch werden sie noch immer produziert. Wissenschaftler fordern schon lange, ihre Nutzung auf unbedingt nötige Anwendungen zu beschränken. In der Realität werden PFAS mit bekanntem Schädlichkeitspotential oft durch andere ersetzt, über deren gesundheitliche Auswirkungen noch wenig bekannt ist. Viele Verbindungen sind noch nicht hinreichend erforscht und nicht reguliert.

Die Reinigung von Trinkwasser wird dadurch immer aufwendiger. Mit PFAS verschmutzter Boden lässt sich nur schwer, wenn überhaupt, wieder davon befreien. Meist bleibt nichts anderes, als grosse Mengen Erde sicher zu deponieren.

Wirklich zerstören lassen sich PFAS nur durch Verbrennung bei mehr als 1’000 Grad. Dafür aber sind die meisten Müllverbrennungsanlagen nicht ausgestattet. Die EU-Richtlinie schreibt bei Siedlungsmüll nur 850 Grad vor. Wird eine Deponie undicht, gelangen PFAS ebenfalls ins Wasser und in den Boden. Das gilt vor allem für Altlasten.

Die Folgen «ewiger Chemie» trägt meist der Steuerzahler

Noch sind nicht alle Gefahrenherde entdeckt. In Frage kommen ehemalige Fabriken,

 » Lees verder