Flüchten oder Standhalten? Anpassung, Überanpassung und die Angst dahinter

fluchten-oder-standhalten?-anpassung,-uberanpassung-und-die-angst-dahinter

11-01-20 01:59:00,

Flüchten oder Standhalten?

Anpassung, Überanpassung und die Angst dahinter

von Udo Brandes | Verantwortlicher: NDS-Redaktion

Horst-Eberhard-Richter-Fluechten-oder-Standhalten-Bedenken-gegen-die-Anpassung-Psychoanalyse-Kritisches-Netzwerk-Ueberanpassung-Konformismus-Unfreiheit-SelbstentfremdungSo heißt ein sozialpsychologischer Klassiker, den der 2011 verstorbene Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter geschrieben hat. Richter fragt darin, wodurch der Mensch eingeschüchtert wird und wie er sich dagegen wehren kann. Dieses Buch, das vor 44 Jahren erstmals erschien, ist heute so aktuell wie 1976. Unser Autor Udo Brandes hat das Buch deshalb noch einmal für die NachDenkSeiten gelesen und ist der Meinung: Auch wenn der Text phasenweise etwas spröde zu lesen ist: Diese Lektüre lohnt sich. Sie ist nicht nur aus politischen Gründen wichtig, sondern kann auch so etwas wie eine philosophische Lebenshilfe sein.

Anpassung, Überanpassung und die Angst dahinter

Ein Essay von Udo Brandes

Sicherlich haben Sie auch schon mal den Nudel-Sketch von Loriot gesehen. Loriot karikiert darin einen Spießer, der seiner Angebeteten Hildegard eine Liebeserklärung macht. Dieser Spießer wirbt unter anderem mit folgenden Worten für sich: „Warum übernehme ich denn in zwei Wochen die Einkaufsabteilung? Weil ich eine saubere Weste habe! Weil ich politisch in Ordnung bin!“

Der eigentliche Witz an diesem Sketch ist, dass er im Grunde keine Karikatur ist, sondern ein Abbild der Realität. Loriots Spießer leidet nicht an dem Anpassungszwang, dem er unterliegt. Nein, er ist im Gegenteil sogar stolz auf seine Anpassungsleistung und sieht darin einen Pluspunkt seines Charakters. Loriots Darstellung dieses Spießers ist für den Zuschauer natürlich nicht dazu angetan, sich mit ihm zu identifizieren. Wahrscheinlich werden auch diejenigen, die sich in der Realität tatsächlich so verhalten, über diesen Spießer lachen. Was Loriot in seinem Sketch so wunderbar in Szene gesetzt hat, ist in der Realität aber nicht amüsant, sondern oft ein Grund zum Verzweifeln und Leiden. Sie haben in ihrem sozialen Umfeld sicher auch schon Zeitgenossen kennengelernt, die immer die richtige Meinung haben. Nämlich die der jeweiligen Chefs, der Mehrheit, der Gruppe, kurz: der Machtautoritäten.

Ein typischer Satz eines solchen Zeitgenossen wäre dieser (hat tatsächlich mal jemand zu mir gesagt!): „Was dem Arbeitgeber nützt, nützt auch dem Arbeitnehmer“. Oder, um im Journalismus zu bleiben: Es gibt politische Journalisten, die perfekt die Kunst beherrschen, nichtssagende Kommentare zu schreiben, ohne jemals wirklich Position zu beziehen. Kommentare, mit denen sie garantiert niemals „oben“ anecken.

Nun muss man fairerweise anmerken,

 » Lees verder