Der Glücks-Faktor

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12-04-19 07:21:00,

„Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen … Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuss gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen…“ — Jorge Luis Borges, argentinischer Dichter

Jedem begegnet das Glück anderswo. Für den einen bedeutet Glück, barfuß im Morgentau über eine Wiese zu laufen, für den anderen, sein Baby im Arm zu halten. Sex kann glücklich machen. Oder ein neues Designerkostüm. Eine Bratwurst oder Mozarts Konzert Nummer 13 für Klavier und Orchester. Oder auch: die Abwesenheit von all dem. Ein Zen-Mönch findet Seligkeit, wenn er sich in die Leere versenkt.

Die leichtgläubige und von Wirtschaft wie Industrie so gern propagierte Annahme, es sei das Geld, das uns glücklich mache, stimmt also nur bedingt. Denn: So manch einer von uns wäre bitter enttäuscht, wenn er auf dem Gabentisch statt des erwarteten persönlichen und mit Bedacht gewählten Geschenks „nur“ einen Briefumschlag mit einem 50-Euro-Schein darin fände.

Geld kann — qua seiner Existenz wie auch in der Konsequenz seines Wieder-Ausgebens — glücklich machen. Muss dies aber nicht. Und so verhält es sich mit allem anderen auch.

Denn: Wichtig, um glücklich zu sein, sind nicht die Dinge oder Begebenheiten an sich, sondern unsere Einstellung hierzu. Eben, dass wir sie wahrzunehmen und wertzuschätzen wissen, ihnen eine eigene Bedeutung zusprechen, die nichts mit Tauschwerten oder Zukünftigem zu tun hat.

Glück lässt sich daher am ehesten als Korrelation zwischen drei Dingen verstehen: Aufmerksamkeit, einem von Vergangenheit und Zukunft losgelösten Moment, den ich mit dem Begriff der Augenblicklichkeit beschreiben möchte, und einem Zusammenspiel aus Eigenwert und Selbstzweck, einer unmittelbaren Bedeutung für uns.

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Abbildung 1: Triadische Korrelation des Glücks

Am besten erklärt sich dies anhand eines der oben gewählten Beispiele: Wer eilig über eine Wiese läuft, dem wird es schwerfallen, diese überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn deswegen glücklich zu sein. Und auch, wer langsam und bedächtig über dieselbe läuft,

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