Coronapandemie: „Die Situation der Kinder spitzt sich jetzt dramatisch zu“

26-04-21 03:31:00,

LNSLNS

Die fehlenden sozialen Kontakte durch Schulschließungen und den Shutdown von Sport- und Kulturangeboten in der Pandemie belasten Kinder und Jugendliche schwer. Kinderpsychotherapeuten und -ärzte fordern von der Politik, sofort ein breites Maßnahmenpaket aufzulegen.

Kinder und Jugendliche sind für unsere Gesellschaft sehr systemrelevant“, sagte Benedikt Waldherr, Vorsitzender des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). Schließungen von Kitas, Schulen sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen „finden in der Coronakrise inzwischen reflexartig statt, obwohl sich das zur Eindämmung des Pandemiegeschehens als ‚totes Pferd‘ erwiesen hat“. Dem aus der Einsamkeit, dem Mangel an sozialen Kontakten, der Bewegungsarmut und den großen Defiziten in der Bildung erwachsenen „massiven Leid“ der Kinder und Jugendlichen müsse die Politik sofort mit einem Maßnahmenpaket entgegenwirken.

Der bvvp hat deshalb ein breites Bündnis von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten, Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiatern sowie Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten initiiert, die alle ein entschlossenes Handeln der Politik fordern. In einer Online-Diskussionsveranstaltung am 24. März stellten der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V. (BKJPP), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), die Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP) und der bvvp mit Unterstützung von weiteren 20 psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden ihre Forderungen vor.

„Die Situation von Kindern und Jugendlichen hat sich bereits während der 2. Coronawelle massiv verschlechtert und spitzt sich jetzt dramatisch zu“, sagte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Beate Leinberger vom Vorstand des bvvp. Die aktuelle Online-Umfrage des Berufsverbands zu „Psychischen Belastungen und Lebensumständen bei Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise“ unter 400 teilnehmenden Praxen habe die großen psychischen Belastungen gezeigt: Die Kinder leiden demzufolge sehr häufig an Leistungs- und Versagensängsten, depressiven Verstimmungen, Angst- und Schlafstörungen, Suizidalität, Neigung zu Selbstverletzungen und Substanzstörungen. Betroffen sind vor allem die 12- bis 17-Jährigen. Bestätigt werden diese Aussagen durch die zweite Befragung der COPSY-Studie (Kasten). Darüber hinaus ermittelte die DPtV in einer Blitzumfrage bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Januar, dass im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Patientenanfragen in den Praxen um durchschnittlich 60 Prozent angestiegen sind.

„Soziale Isolation ist grundsätzlich der größte Risikofaktor für die Ausbildung von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, berichtete Dr. med. Thomas Löw, Leiter der Abteilung für Psychosomatik am Universitätsklinikum Regensburg. Weitere Risikofaktoren seien elterlicher Stress, Veränderung der Arbeitsbedingungen der Eltern und eine geringe Resilienz der Kinder. In den Zeiten des coronabedingten Lockdowns fallen diese Faktoren häufig zusammen.

 » Lees verder