Mut zur eigenen Wahrheit

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20-07-19 07:39:00,

Klima, Kriege, Weltuntergang — es geht heiß her um die Themen, die uns bewegen. An allen Fronten werden Schlachten ausgefochten: in der Politik, auf der Straße, am Küchentisch. In Kampfesstimmung stehen wir einander gegenüber und schießen mit scharfem Geschütz. Wie Kanonenkugeln fliegen uns unsere Worte um die Ohren. Jeder fordert sein Recht ein, sich über die Meinung des anderen aufregen zu dürfen.

Währenddessen reiben sich diejenigen die Hände, die die Geschicke dieser Welt lenken. Wenn zwei sich streiten, kann der Dritte unbehelligt seine Geschäfte durchdrücken. Es liegt in seinem Interesse, Verwirrung zu stiften, Tatsachen und Worte zu verdrehen und Fake und Wahrheit so geschickt miteinander zu verweben, dass keiner mehr weiß, was stimmt und wo links und rechts liegen. So wird möglich, dass Präsidenten, die den Friedensnobelpreis bekommen, Kriege führen und dass Friedensaktivisten und Umweltschützer bedroht, verfolgt und ermordet werden.

Immer tiefer werden die Gräben ausgehoben, die uns voneinander trennen. Wir werfen uns gegenseitig Verschwörungstheorien vor und beschimpfen uns abwechselnd als Klimaleugner, Impfgegner, Chemtrail-Seher, Esoteriker, Antidemokraten, Antisemiten oder Nazis. So gibt es über die globalen Probleme keinen Konsens. Jeder braut sein eigenes Süppchen, überzeugt davon, über die richtigen Zutaten zu verfügen.

In einem Schöpfungsmythos des Sufismus heißt es, die Wahrheit sei wie ein in unzählige Teile zerbrochener Spiegel. Jeder Mensch hält eine Scherbe davon in der Hand. Das macht aktuell über siebeneinhalb Milliarden Scherben Wahrheit. Denn jeder nimmt sich selbst und seine Umwelt auf eine Weise wahr, die ihn von allen anderen unterscheidet. Jeder von uns sieht anders, hört anders, fühlt anders, denkt anders, glaubt anders.

Diese Verschiedenartigkeit macht unseren Reichtum aus. Jeder von uns ist besonders. So sind wir gleichzeitig einzigartig und miteinander vereint. Anstatt uns gegenseitig unsere Ansichten vor die Füße zu pfeffern, könnten wir also unsere Wahrheit nehmen, so wie ein Kind einen kostbaren Käfer in die Hand nimmt, den es gefunden hat. Anstatt darauf zu schlagen und das Kostbare zu plätten, könnten wir die Wahrheit des anderen betrachten wie ein possierliches Tierchen: Ach, so siehst du das?

Das würde voraussetzen, dass wir uns die Mühe machen, unsere eigene Wahrheit zu erforschen. Nicht die, die man uns vorgibt, die der Partei, der Medien, der Werbekampagnen, der Freunde, der Familie. Nicht die, die man im Clan oder im Club schon immer hat, sondern unsere ganz eigene,

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