Wie viel zahlen Sie pro Tag für Ihr Essen, Herr Ermotti?

wie-viel-zahlen-sie-pro-tag-fur-ihr-essen-herr-ermotti

12-02-19 08:56:00,

Christian Müller / 12. Feb 2019 –

Nein, diese Frage hat Patrik Müller dem UBS-CEO nicht gestellt. Aber: «Muss der Staat schlanker werden?» «Ja», sagt Sergio Ermotti.

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitungen von CH Media, des neuen Verbundes AZ Medien/NZZ mit allen Regionalzeitungen von Grenchen über Solothurn, Liestal, Aarau und Luzern bis Winterthur, Frauenfeld und St. Gallen. Kein Nobody also.

Und wie man in der Medienszene weiss – auch aufmerksame Leserinnen und Leser dürften es bemerkt haben: Patrik Müller ist, im etwas vulgären Jargon der Journi-Sprache, ausgesprochen promigeil: Nichts macht er lieber, als sich zusammen mit prominenten Interviewpartnern aus der obersten Gesellschaftsetage zu zeigen. So zum Beispiel am 26. Januar 2019, vor zwei Wochen also, mit dem CEO der UBS Sergio Ermotti am WEF in Davos, vier Tage später, am 30. Januar, mit dem ehemaligen Nationalbank-Präsidenten Philipp Hildebrand, und bereits jetzt wieder, am Samstag, 9. Februar, mit Urs Rohner, VR-Präsident der Credit Suisse. Dabei betont Patrik Müller gerne, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, was er da geschafft hat, mit solchen Promis ins Gespräch zu kommen. Dass zum Beispiel Sergio Ermotti am WEF nur ein einziges Interview gegeben hat, nämlich eben dieses mit ihm, Patrik Müller, steht dann – im konkreten Fall – schon im zweiten Satz seines Textes.

Schlimm ist das allerdings nicht, es ist höchstens schade fürs Papier, das für solche Interviews über die Druckerei-Rollen laufen muss. Im Gespräch mit UBS-CEO Sergio Ermotti zum Beispiel – auf der Frontpage der Zeitung seitendominant mit Farbfoto angekündigt – ist nämlich echt wenig herausgekommen. Erstens: Sergio Ermotti findet, in der Schweiz gebe es zu viele «Bedenkenträger» (was immer das auch heissen mag). Und zweitens: Für die Finanzierung der Altersvorsorge gebe es nur eine Lösung, nämlich dass Herr und Frau Schweizer künftig bis 70 arbeiten müssen. Dass Arbeitslose über 55 Jahre schon jetzt kaum eine Chance haben, einen Job zu finden, hat Ermotti offensichtlich noch nicht mitbekommen – ist ja auch nicht das Problem eines 59-jährigen Banken-CEOs mit 14 Millionen Franken Jahreseinkommen.

Riesiges Aufmacherbild der «Schweiz am Wochenende» am 26. Januar 2019: “Die junge Generation soll bis 70 arbeiten.»

Aber Patrik Müllers Tanz auf den Bühnen des Geldadels hat immerhin auch einen Vorteil.

 » Lees verder

Angst essen Israelkritik auf

Angst essen Israelkritik auf

15-01-18 09:41:00,

Es ist an der Zeit, dass Linke, Progressive und Protestbewegungen meinungsfreier, mutiger und politisch informierter über den blockierten Frieden in Nahost debattieren. Denn die Chancen für eine nationale Selbstbestimmung der Palästinenser neben dem israelischen Staat sind günstiger, als es angesichts der Trump-Netanyahu-Allianz erscheinen mag. Die Alternative ist die fortschreitende Zerstörung der Region, inklusive atomarer Risiken.

Die Antisemitismuskeule wird immer heftiger und infamer geschwungen. Eine Universitätslehrerin in Hildesheim verlor vor gut einem Jahr im Zuge von Unterstellungen ihre Seminartätigkeit. Auch eine Politik-Dozentin an der FU Berlin wurde vorläufig von der Lehre entfernt. Beide wurden wegen ihrer Israelkritik als antisemitisch diffamiert.

Der Musiker Roger Waters von Pink Floyd wurde wegen seiner Unterstützung von Boykott-Maßnahmen, die sich gegen die Menschenrechtsverletzungen in Israel richten, an den Antisemitismus-Pranger gestellt. Die ARD beendete daraufhin die Medienpartnerschaft mit ihm und strahlt nun nicht wie geplant sein Konzert aus.

Jüngst traf es den Linkenpolitiker Dieter Dehm. Im Neuen Deutschland entlarvte Daniela Dahn daraufhin die Vorwürfe der Frankfurter Rundschau gegen Dehm nicht nur als haltlos und diffamierend, sondern als perfiden Bruch mit elementaren journalistischen Standards. Natürlich sind die Beschuldigten genauso wenig antisemitisch wie der Papst. Im Gegenteil: Sie engagieren sich für Konfliktlösungen, Frieden und Gerechtigkeit in der Region.

Es ist wie immer: Der Vorwurf des Antisemitismus ist ein wunderbares Instrument, Kritiker, Störenfriede oder Leute, die man nicht mag, zu stigmatisieren. Der Antisemitismus-Vorwurf funktioniert dabei, wie wenn man jemanden mit Dreck bewirft. Es bleibt immer etwas davon hängen. Der Verdacht lässt sich nicht widerlegen, selbst durch noch so inbrünstige Bekenntnisse.

Das Denunziationssystem arbeitet dabei erschreckend effizient und nachhaltig. Als ich vor einigen Jahren auf einem großen Taz-Kongress im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Gespräch mit jungen Studenten auf Noam Chomsky zu sprechen kam, wiesen sie als Erstes darauf hin, dass er doch irgendwie den Holocaust in Frage gestellt habe. Sie spielten auf die sogenannte „Faurisson-Affäre“ an, die fast vierzig Jahre zurückliegt. Chomsky hatte damals die Meinungsfreiheit eines französischen Literaturprofessors verteidigt (wie 600 andere Intellektuelle und Wissenschaftler). Der Hintergrund war, dass Faurisson gewaltsam bedroht, von der Universität deswegen entlassen, dann unter anderem zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, weil er privat ein Pamphlet gedruckt hatte, dass die Existenz der Gaskammern in Frage gestellt hatte.

Chomsky fasste den Sachverhalt später so zusammen:

„He was then brought to trial for ‘falsification of History’,

 » Lees verder