Der Brexit – ein Sieg des Establishments

der-brexit-–-ein-sieg-des-establishments

08-02-20 10:40:00,

Stimmen sammelnd mit Fahrrad und Rucksack, in Japan aber mit Aston Martin: Boris Johnson

Jürg Müller-Muralt / 08. Feb 2020 –

Der Brexit mag auch ein Alarmruf der Unterprivilegierten gewesen sein. Doch gestärkt wird ausgerechnet die Elite.

«Der Brexit war der erste Stein, der aus der Mauer des Establishments herausgeschlagen wurde»: Dies sagte Nigel Farage, Chef der Brexit-Partei, im Jahr 2018. Man mag vom Brexit halten, was man will; dass er aber ein schwerer Schlag für das britische Establishment war, stimmt nicht. Eher das Gegenteil trifft zu: Grossbritannien ist nach wie vor eine ziemlich verhockte Adels-, Privilegien- und Klassengesellschaft mit wenig sozialer Mobilität. Zumindest daran wird der Austritt aus der EU kaum etwas ändern.

Die Wortführer aus der Londoner City

Die Brexit-Debatte lief zwar über weite Strecken entlang der klassischen Argumentationslinien des Rechtspopulismus: Ihre Vertreter stilisierten sich zu den alleinigen Vertretern «des Volkes», als Verteidiger der «Zukurzgekommenen»: Die vielen Migrantinnen und Migranten, die Personenfreizügigkeit und überhaupt die ganze EU mit ihren einengenden Vorschriften vermiesen den hart arbeitenden britischen Familien den Aufstieg. Doch: «Es ist ein hartnäckiges Vorurteil, der Brexit sei das Werk von Abgehängten. Die Wortführer des ‹Leave› kommen aus der City of London», also vom Finanzplatz. Dies schreibt der frühere deutsche Diplomat Rudolf G. Adam in der NZZ. Adam hat zwei Bücher zum Brexit verfasst.

Vermögensverwalter, Investmentbanker, Rohstoffhändler

Premierminister Boris Johnson war schon seit seiner Zeit als Londoner Stadtpräsident bestens mit der City of London vernetzt. Diverse Herrschaften unterstützten ihn und die Brexit-Kampagne grosszügig mit Spenden. Sajid Javid etwa war 18 Jahre lang Banker. «Als Investmentbanker der Deutschen Bank hatte er mit einem Jahresgehalt von drei Millionen Pfund die hochriskanten Derivate mitzuverantworten, die zum globalen Finanzcrash 2007/2008 beitrugen», schreibt der Tagesspiegel. Heute ist Sajid Javid Schatzkanzler im Kabinett von Boris Johnson. Dem Schatzkanzler unterstehen im britischen Regierungssystem das Finanz- und das Wirtschaftsministerium. Er gilt deshalb neben dem Premierminister als mächtigster Posten in der Regierung.

Auch Kabinettsmitglied Jacob Rees-Mogg, Verfechter eines harten Brexits, kommt als Vermögensverwalter und Anlageberater aus der Finanzbranche. In der Regierung ist er Leader of the House of Commons und Lord President of the Council. Der britische Unternehmer Arron Banks wiederum war einer der massgebenden Geldgeber der Austrittskampagne und spendete gemäss der Süddeutschen Zeitung mehr als acht Millionen Pfund;

 » Lees verder