Facebooks Algorithmus formt unser Leben. Dieser Hacker will herausfinden wie.

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31-05-19 04:24:00,

Claudio Agosti lacht. Eben hat er beim Kunstfestival Transmediale in Berlin auf der Bühne erzählt, wie Facebook funktioniert. Er hat darüber gesprochen, wie das soziale Medium seine Algorithmen webt, um Menschen wie Fliegen in sein Netzwerk zu ziehen. In seinem melodischen italienischen Akzent hat Agosti in den Saal hineingefragt, wer hier eine Wette abschließen wolle, ob Facebook fair mit seinen User:innen umgehe?

Agosti wartet nicht ab, er gibt gleich selbst die Antwort: „Die Wahrheit ist: Dabei würde niemand gewinnen. In einem System der Unterdrückung ist man der Entscheidung anderer unterworfen.“ Er grinst verstohlen. Das unberechenbare Spiel der Algorithmen, ihre Macht über die Psyche ihrer Milliarden Nutzer – für Agosti ist das ein köstlicher Scherz.

Die Frage, welche Macht Technik über uns hat, beschäftigt Claudio Agosti, 39 Jahre alt, Glatze und breites Kreuz, sein halbes Leben. Er stammt aus der Nähe von Mailand und lebt in Berlin. Welche Bezeichnung man für Agosti wählt, ob man ihn einen Hacker nennt, einen Datenschutz-Aktivisten oder kritischen Forscher, das ist eigentlich egal. Agosti weiß vermutlich mehr über die Wirkungsweise des Facebook-Algorithmus als irgendjemand sonst, der nicht daran mitprogrammiert hat.

Claudio Agosti bei der Transmediale CC-BY-SA 4.0 Laura Fiorio, transmediale

Vor zehn Jahren fragte Agosti sich erstmals, wie Algorithmen uns beeinflussen. Damals habe er bemerkt, dass Google seine Suchergebnisse immer stärker personalisiere. Aus einem Standard an Ergebnissen, der für alle gleich ist, wird eine Filterblase, die uns immer enger in ihre Welt einschließt, fürchtet er.

„Algorithmen entscheiden für dich, was wichtig ist“, sagt Agosti. Das stört ihn, der sich selbst das programmieren beigebracht hat, der es gewohnt ist, Technik zu beherrschen. „Um frei zu sein, sollte ein Individuum volle Kontrolle über diese Logik haben.“ Ein einfacher, aber radikaler Gedanke.

Seit 2016, dem Jahr des Wahlsiegs von Donald Trump, arbeitet Agosti an seinem wohl ambitioniertesten Hack: Er möchte den Facebook-Algorithmus knacken.

Facebook steuert die Nachrichtenauswahl im Newsfeed. Der Algorithmus entscheidet, welche Posts Nutzer:innen sehen und welche nicht. Seine Priorität ist dabei, Menschen möglichst lange auf Facebook zu halten – und ihnen dabei Werbung zeigen zu können. Facebook verdient mit dem Newsfeed Milliarden. Wie der Konzern das genau macht, ist sein bestgehütetes Geschäftsgeheimnis.

Agosti will verstehen, wie das soziale Netzwerk seine Nutzer:innen mit Inhalten füttert.

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Facebooks Griff nach der öffentlichen Forschung in Deutschland

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23-01-19 01:24:00,

Das „soziale Netzwerk“ Facebook finanziert an der Technischen Universität München mit Millionen Euro eine neue Forschungseinrichtung für Künstliche Intelligenz (KI). Der Vorgang wirft Fragen auf: zur Korruption der öffentlichen Forschung durch Privatbetriebe, zur mangelhaften Ausstattung der Unis durch den Staat und zu den Motiven des US-Technik-Konzerns. Von Tobias Riegel.

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Facebook finanziert eine neue Forschungseinrichtung für Künstliche Intelligenz in Deutschland. Das „Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz“ soll an der Technischen Universität München (TU) angesiedelt sein sowie eine Startfinanzierung von 6,5 Millionen Euro über die kommenden fünf Jahre erhalten, wie etwa die „FAZ“ meldet. Viele berichtende Medien sowie die TU München scheinen in diesem Vorgang kein Problem zu sehen. Schließlich „pocht“ die Universität auf ihre Unabhängigkeit: „Das neue TUM Institute for Ethics in Artificial Intelligence wird von Facebook ohne weitere Vorgaben unterstützt“, heißt es in einer Pressemitteilung der TU, ohne ins Detail zu gehen.

Weite Teile des betreffenden Absatzes werden jedoch von Facebook-Manager Joaquin Quiñonero Candela bestritten. Und der gibt zu bedenken: „Bei Facebook ist der verantwortungsvolle und umsichtige Umgang mit der KI für alles, was wir tun, von grundlegender Bedeutung. Die KI wirft jedoch komplexe Probleme auf, die Menschen und die Gesellschaft betreffen und die die Industrie allein nicht beantworten kann.“ Aus Sicht von Facebook scheint also klar: Der Firma soll durch öffentliche Forschung geholfen werden, Antworten auf Fragen zu finden, die der Konzern nicht allein beantworten kann.

„Marktkonforme Forschung“: Facebook „fördert“ Unis und Medien

Die „FAZ“ nennt ein Beispiel: „Facebook nutzt auf seiner Plattform KI-Systeme, um zum Beispiel Bilder zu analysieren, Gesichter zu erkennen und Inhalte auszusortieren, die gegen die Richtlinien des Unternehmens verstoßen. Solche automatischen Systeme werden immer wieder kritisiert (…).“ Da träfe es sich für Facebook gut, wenn an der TU München zukünftig Ideen entwickelt würden, die diese Kritik neutralisieren: marktkonforme Forschung also? Die Frage nach der Unabhängigkeit stellt sich auch jenen US-Medien, die nun mit 300 Millionen Euro von Facebook gesponsert werden sollen. Es ist ein ähnliches Prinzip: Scheinbar selbstlos wird Geld gegeben, und die dadurch selbstverständlich entstehenden Abhängigkeiten werden von beiden Seiten geleugnet.

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