Der falsche Feind

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09-02-20 09:32:00,

Flo Osrainik: Herr Ploppa, seit Oktober ist Ihr neues Buch „Der Griff nach Eurasien: Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland“ erhältlich. Darin beschreiben Sie die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland in den letzten einhundert Jahren. Wie haben sich die Verhältnisse seitdem denn grob umrissen entwickelt?

Hermann Ploppa: Wir müssen uns zunächst einmal die Europakarte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vor Augen führen. Wir sehen dann, dass das zaristische Russland und das von Kaiser Wilhelm II. regierte Deutsche Reich damals direkte Nachbarn waren. Es herrschte reger Austausch. Die Grenzen waren offen. Russische Adlige absolvierten ihren Kuraufenthalt in Deutschland. Deutsche siedelten in den Weiten Russlands. Nicht unerwähnt lassen wollen wir auch die enge Verflochtenheit der Herrscherhäuser beider Länder. Diese Entwicklung wurde auch in Großbritannien und in den USA registriert.

Im Jahre 1904 warnte der englische Geopolitiker Halford Mackinder in einem viel beachteten Vortrag vor den neuen Potenzialen, die sich aus Eisenbahn- und Straßennetzen für kontinentale Nationen ergeben. Festlandstaaten wie Deutschland und Russland könnten mit den neuen Verkehrsmitteln ihre Rohstoffe, aber auch Truppenverbände viel schneller und effizienter hin und her bewegen. Die Wettbewerbsvorteile der Seemacht Großbritannien seien damit aufgebraucht.

Daraus ergibt sich für Mackinder folgende Agenda: Erstens, Großbritannien muss verhindern, dass sich Deutschland und Russland zusammentun. Die Verbindung deutscher Ingenieurkunst mit russischen Rohstoffen ergäbe eine neue Großmacht, gegen die der angloamerikanische Block keine Chance mehr hätte. Zweitens, wenn Großbritannien die enormen Rohstoffvorkommen der eurasischen Kontinentalplatte für sich selber nutzen will, muss es sich zur Unterstützung eine Art „Juniorpartner“ auf dem europäischen Festland suchen, mit dem zusammen die Eroberung des von Mackinder so genannten „Herzlandes“ gelingen könnte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird ein Gürtel von neu gegründeten Staaten zwischen Russland und Deutschland gelegt. Trotzdem gelingt den Regierungen Deutschlands und der neuen Sowjetunion mit dem Vertrag von Rapallo im Jahre 1922 eine enge militärische und wirtschaftliche Verbindung, die sich der Kontrolle der Westmächte entzieht. Die Westmächte unternehmen alles, um die Weimarer Republik von diesem Bündnis von Rapallo wegzubringen. Mit dem Dawes-Plan von 1924 und dem Young-Plan von 1930 wird Deutschland in eine direkte Abhängigkeit von US-amerikanischen Banken durch Kredite gebracht.

Es klingt sicher für manche Ohren ungewohnt, was ich jetzt sage:

Mit der Machtergreifung durch Hitler im Jahre 1933 vollzieht sich eine enge Anbindung an die sogenannte westliche Wertegemeinschaft.

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Der Feind im Innern

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14-12-19 11:29:00,

Unsere Demokratie ist nicht in Gefahr — wir leben gar nicht in einer. Die Vorstellung, eine Demokratie zu haben, ist in Gefahr. Der Tiefe Staat — die Generäle, Banker, die Unternehmensberater, Lobbyisten, Geheimdienstchefs, Regierungsbeamten und Technokraten — sind darauf bedacht, den Schein zu wahren.

Es ist schwierig, sich selbst lauthals als den Welthüter der Freiheit dazustellen, wenn Donald Trump gleichzeitig zusammenhanglos über sich selbst faselt, rassistische Gewalt schürt, unsere traditionellen Verbündeten und die Gerichte, die Presse und den Kongress beleidigt, fehlbuchstabierte Albernheiten twittert und impulsiv die Innen- und Außenpolitik der beiden großen Parteien verurteilt oder sabotiert.

Trumps unverzeihlichste Sünde besteht in den Augen des Tiefen Staates jedoch in seiner Kritik an den endlosen Kriegen des Imperiums, wenngleich es ihm auch an den intellektuellen organisatorischen Fähigkeiten mangelt, einen Rückzug zu bewerkstelligen.

Der Tiefe Staat beging den größten strategischen Fehler der US-amerikanischen Geschichte, als er in Afghanistan und den Irak einfiel und diese besetzte. Man nennt solche fatalen militärischen Fiaskos — ein Kennzeichen scheiternder Imperien — Handlungen eines „Mikro-Militarismus“:

Sterbende Imperien verschleudern für gewöhnlich das letzte Kapital, das sie besitzen — wirtschaftliches, politisches und militärisches Kapital — in vergeblichen, unlösbaren und nicht zu gewinnenden Konflikten, bis sie zusammenbrechen.

In diesen Mikro-Militarismus-Aktionen versuchen sie, frühere Vorherrschaft und verloren gegangene Größe zurückzuerobern. Es kommt zu einer Katastrophe nach der anderen — die Architekten unserer imperialen Todesspirale sind jedoch unantastbar.

Die ahnungslosen Generäle und Politiker, die das Imperium in wachsendes Chaos und den finanziellen Ruin treiben, sind in einer Sache erfolgreich: sich selbst zu erhalten.

Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Eine servile Presse behandelt diese Mandarine mit fast religiöser Ehrfurcht. Generäle und Politiker, von denen viele einkassiert oder vor Gericht gestellt hätten werden sollen, bekommen nach ihrer Pensionierung lukrative Posten in den Vorständen der Waffenhersteller, für die diese Kriege ungeheuer profitabel sind.

Eine katzbuckelnde Presse fordert sie auf, der Öffentlichkeit eine Analyse des Chaos zu liefern, das sie angerichtet haben. Sie werden als Beispiele der Integrität, des selbstlosen Dienstes und des Patriotismus hochgehalten.

Nach nahezu zwei Jahrzehnten wurde jede Mission, die unsere Kriege im Nahen Osten rechtfertigen sollte, auf den Kopf gestellt. Die Invasion Afghanistans sollte die Al-Qaida auslöschen.

Stattdessen verlegte sich die al-Qaida darauf, das Machtvakuum zu füllen,

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Der gemachte Feind

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26-11-19 10:53:00,

Die Rolle und die Funktion von Hasspredigern bestehen im Generieren von „Dschihadisten“, die entweder am militärischen oder am Online-Dschihad teilnehmen. Hassprediger arbeiten in der Öffentlichkeit und suchen sogar mediale Aufmerksamkeit durch provokative Aktionen. Anwerber hingegen arbeiten diskret, gemeinsam mit Geheimdiensten.

Die Methoden der Anwerbung zum Dschihad hat Geschichte. Sie begann in den 1980er Jahren, als die CIA mit der Hilfe Saudi Arabiens und anderer arabischer Staaten ein weltweites Netz von Anwerbern aufbaute, wie zum Beispiel das Rekrutierungsbüro Maktab al-Khidmat lil-mujahidin al-Arab (MAK), das Freiwillige zum Kampf in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung anwarb.

Allein in den USA wurden 30 Zentren zur Anwerbung von Kämpfern gegründet und hohe Summen deponiert (1). Bereits dort erhielt ein Teil der Angeworbenen eine militärische Ausbildung durch das FBI (2). Über den Aufbau dieser „Fremdenlegion“ ist bereits viel geschrieben worden (3). Deren Söldner, auch als „Arab-Afghanen“ bezeichnet, stellten nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan ein Reservoir von arbeitslosen Kämpfern dar, die in Bosnien (4), im Kosovo (5) und in Tschetschenien (6) von westlichen Geheimdiensten gegen Serbien und Russland eingesetzt wurden. Diese Geschichte wiederholte sich in den vergangenen Jahren mit dem plötzlichen Erscheinen des „Islamischen Staates“ (IS).

Die Saga des Deutsch-Syriers Muhammad Haydar Zammar illustriert bestens diese geheimdienstlichen Vorgänge: Nach seiner Kampferfahrung in Afghanistan und Bosnien kehrte er nach Deutschland zurück, beteiligte sich an der angeblichen Radikalisierung der sogenannten Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta – der übrigens mit dem 9/11 nichts zu tun hatte – und soll Mitglieder dieser Gruppe für eine kurzzeitige Ausbildung in Afghanistan angeworben haben.

Zammar war den deutschen Ermittlern gut bekannt beziehungsweise arbeitete in ihrem Auftrag (7). Nach den Anschlägen des 11. September 2001 wurde ihm von höchster Stelle „gestattet“, von Deutschland nach Marokko auszureisen, damit er nicht für Aussagen im Gerichtsverfahren gegen Mounir al-Motassadeq zur Verfügung stehe. Er hätte sonst seine Rolle als Anwerber zugeben müssen. Später wurde er dann von der CIA mithilfe des marokkanischen Geheimdiensts nach Syrien verschleppt. Die deutschen Behörden bestritten, von diesen Machenschaften etwas gewusst zu haben, wollten ihn aber nicht nach Deutschland zurückzubringen. Stattdessen besuchten deutsche Ermittler ihn in Syrien, um ihn zu vernehmen. Die Protokolle ihrer Vernehmungen sind bis heute Verschlusssache (8).

Das Dossier Zammar war politisch so brisant, dass es das Bundeskanzleramt beschäftigte und dessen damaliger Chef Frank-Walter Steinmeier sich mit dem Fall intensiv befasste.

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Der neue alte Feind

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02-10-19 12:43:00,

Es hätte so wunderbar friedlich werden können auf unserem Planeten nach den politischen Veränderungen des Herbstes 1989 und den Umbrüchen in den ersten Jahren danach. Dass dieses Wunder nicht geschah und warum, darüber schreibt Wolfgang Bittner in seinem gerade erschienenen Buch „ Der neue West-Ost-Konflikt — Inszenierung einer Krise“.

Auf 311 Seiten seziert er die weltpolitischen Machenschaften der USA, deren Ziel es schon seit über einem Jahrhundert ist, die alleinige Weltherrschaft zu erlangen.

Auch nach 1989 hat sich nichts an dieser Strategie geändert. Somit ist der neue West-Ost-Konflikt genau der alte, der vor dem Fall der Mauer noch Ost-West-Konflikt hieß, außer, dass aufgrund der Auflösung der östlichen Großmacht Sowjetunion und deren Militärbündnis die nun „einzige“ Weltmacht ihre Vorgehensweise noch perfider, brutaler, rücksichtsloser und verlogener durchsetzt und überall auf der Welt die „Willigen“ in diese Strategie einbindet,

Längst war es an der Zeit, die wirklichen Ursachen und Hintergründe, Initiatoren und Nutznießer des seit langem immer von neuem befeuerten West-Ost-Konflikts offen zu benennen. Mit seinem 311 Seiten umfassenden Werk hat sich Wolfgang Bittner dieser Aufgabe gestellt und alle Facetten der Politik des westlichen Hegemons der letzten Jahre, Jahrzehnte, ja des letzten Jahrhunderts betrachtet und seziert. Dabei ist es dem Autor wichtig, nicht nur die gegenwärtige, lange schon zu beobachtende Zuspitzung der West-Ost-Krise mit all den ständig hysterisch in den Medien und von den westlichen Politikern verbreiteten, oft absurden Geschichten darzustellen, sondern auch einen Blick auf die Wurzeln, die Anfänge dieser Politik zu werfen.

Er greift deshalb weit in die Geschichte zurück und verortet den Beginn dieser Strategie in die Zeit des Ersten Weltkrieges. In seinem Buch führt er uns kundig, mit vielen Fakten und Quellen unterlegt, durch die über ein Jahrhundert verfolgte Strategie der absoluten „Full Spectrum Dominanz“. Um die heutigen Verhältnisse richtig werten zu können, vermittelt uns der Autor die historischen Fakten. So nutzten die USA diesen Krieg bewusst, um durch die Gewährung immenser Kriegskredite an England und Frankreich die bisherigen europäischen Weltmächte an sich zu binden und ihrem Einfluss zu unterwerfen. Dieses Konzept ist bis heute intakt, was unter anderem an der lange schon besonders auffälligen hündischen Gefolgschaftstreue Großbritanniens zu beobachten ist.

Sowohl die großzügige finanzielle Unterstützung als auch das letztendliche militärische Eingreifen der USA besiegelte die deutsche Niederlage. Deutschland wurde im Friedensvertrag von Versailles vom Juni 1919 als Alleinschuldiger am Krieg erklärt,

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Der Feind allen Lebens

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31-07-19 10:46:00,

Die militärbedingten Eingriffe in die Umwelt erfolgen jedoch bereits seit Hunderten von Jahren. Ökologische Zerstörungen durch das Militär wurden früher nur selten als Bedrohung angesehen; militärische, ökonomische und geostrategische Zielsetzungen hatten Priorität. Dementsprechend beschreibt bereits der römische Naturkundler Plinius der Ältere im 1. Jahrhundert n. Chr. die Abholzung der Wälder und die Verwüstung der Landschaften in Italien, Spanien und Nordafrika, um für den Handel und den Krieg unter anderem Holz, Kupfer und Eisenerz zu gewinnen:

„Man durchgräbt die Erde auf der Jagd nach Reichtum, weil die Welt nach Gold, Silber, Elektron und Kupfer verlangt — dort der Prunksucht zuliebe nach Edelsteinen und Färbemitteln für Wände und Holz, anderswo um des verwegenen Treibens willen nach Eisen, das bei Krieg und Mord sogar noch mehr geschätzt wird als das Gold“ (1).

Die Folgen dieser massiven Eingriffe in die Natur zeigen sich noch bis heute beispielsweise in der Verkarstung großer Teile der italienischen und spanischen Berglandschaft.

Später war der Kolonialismus mit weiteren Umweltzerstörungen und Eingriffen in ökologisch angepasste und funktionierende Systeme der Subsistenzwirtschaft verbunden: Indigene Bauern wurden in den eroberten Gebieten von ihrem Land vertrieben. Eine intakte Umwelt wurde oftmals aufgrund des militärischen Eingreifens der Kolonialmächte zu einer monokulturellen und einseitig ausgerichteten Plantagenwüste.

Die beiden Weltkriege verwandelten zahlreiche Regionen in eine zerstörte und mit Waffenresten verseuchte Landschaft.

Nach Schätzungen des Fraunhofer Instituts liegen ungefähr 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Kampfmittel und circa 200.000 Tonnen chemische Kampfmittel auf den Meeresböden der Ost- und Nordsee. Seeminen, Bomben, Giftgasgranaten rosten, werden porös und geben ihre giftige Ladung in die Umwelt frei, sodass über die Fische das Gift in die menschliche Nahrung gerät (2).

Die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 hatten allein 1945 nicht nur eine Viertelmillion Tote zur Folge, sondern verseuchen diese Regionen bis heute radioaktiv, sodass weiterhin zahlreiche Menschen an Krebs sterben und Kinder mit genetischen Defekten geboren werden.

Auf Anordnung des US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy setzten die Militärs in Vietnam bereits 1961 Pflanzenschutzmittel ein, um den Vietcong die Deckung im entlaubten Regenwald zu nehmen und deren Reisfelder zu zerstören. Ab Februar 1967 verwendeten sie das Pflanzengift ‚Agent Orange‘ zur Entlaubung des vietnamesischen Regenwalds und zur Zerstörung der Reisfelder des Vietcong im Rahmen des größten Chemie-Angriffs der Geschichte im Vietnam-Krieg.

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