Forschung am Gängelband

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20-02-20 12:26:00,

Dieser neue Campus ist Ausdruck einer Entwicklung, die Wissenschaft stärker in eine wirtschaftspolitische und letztlich auch rüstungspolitische Strategie einzubinden versucht. Absehbar und inzwischen teilweise bereits bestätigt waren zudem Folgen für die Stadt, unter anderem durch steigende Mieten. Begeistert engagierten sich Unternehmen wie Daimler, Porsche, BMW, ZF Friedrichshafen, die VW-Tochter IAV und Bosch. Es entfaltete sich eine rege Bautätigkeit, durch die unter anderem ein „Artificial Intelligence Competence Center“ mit Büroräumen für Wissenschaftler und die von ihnen gegründeten Startups entstand. Und nun auch noch Amazon, der Weltmarktführer in Sachen Cloud-Dienste.

Christa Schaffmann: Amazon will ein eigenes Entwicklungszentrum errichten, welches ähnlich wie der ganze Campus durchaus umstritten ist. Wie kam es dennoch im November 2019 zum Verkauf großer kommunaler Flächen an Amazon?

Christoph Marischka: Bei der Sitzung des Planungsausschusses des Gemeinderates kamen durchaus die schlechten Arbeitsbedingungen, das unökologische Geschäftsmodell und die Steuervermeidungsstrategien des Konzerns zur Sprache. Trotzdem empfahl der Planungsausschuss dem Gemeinderat mit großer Mehrheit und gegen das Votum des Ortsbeirats der Nordstadt, wo der Forschungscampus entsteht, den Verkauf des Geländes für das Amazon-Entwicklungszentrum. Die offizielle Begründung: Ohne Amazon werde die Anziehungskraft des Forschungsverbundes Cyber Valley und des Technologieparks für internationale Spitzenforscher aus dem Bereich KI schwächer ausfallen.

Geben Sie dem Gemeinderat jetzt die Schuld für die Entwicklung?

Die Bundesregierung hat eine KI-Strategie beschlossen und entwickelt diesbezüglich eine rege Tätigkeit. Vieles dabei ähnelt stark dem, was das Beratungsunternehmen Roland Berger bereits 2016 angeregt hat: Großunternehmen mobilisieren, zentrale Startup-Campi errichten, junge Wissenschaftler zum Gründen bewegen und unproduktives Kapital mobilisieren. Bergers Papiere fließen regelmäßig — manchmal wörtlich, manchmal umschrieben — in Dokumente und Entscheidungen der Bundesregierung ein. Diese Forderungen gehen weit über die KI-Forschung hinaus.

Inwiefern?

Die Firma schlug vor, 100 Prozent der in Startups investierten Summe von der Einkommenssteuer absetzen zu können. Kapitalerträge, die aus dem Investment erwirtschaftet werden, sollen zu 50 Prozent steuerfrei sein. Renten- und Gesundheitskassen empfiehlt das Unternehmen, ihre Rücklagen als Risikokapital anzulegen.

Die Industrie, Beratungsgesellschaften und die von ihnen gesteuerte Politik lassen sich nicht von einem Gemeinderat aufhalten.

Das klingt, als setzten Beratungsgesellschaften die Demokratie außer Kraft.

Und genau das geschieht auf einigen Gebieten. Es ist kein Zufall, dass im Koalitionsvertrag von 2018 über 70-mal das Wort Digitalisierung und siebenmal der Begriff Künstliche Intelligenz vorkommen. Die besondere Rolle von Kapital- und Risikokapitalgesellschaften ist nicht zu übersehen.

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Gekaufte Forschung

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13-07-19 07:45:00,

Bei meinen Internetrecherchen zum Thema Wirtschafts- und Wissenschaftskriminalität entging mir das bereits 2015 erschienene Buch von Christian Kreiß mit dem Titel „Gekaufte Forschung — Wissenschaft im Dienst der Konzerne“ (1). Das kann ich mir nur damit erklären, dass Titel und Inhalt des Bandes keinen ausdrücklichen Bezug zu meinen Schwerpunktthemen haben, die ich unter dem Begriff kriminelle Ökonomie zusammenfasse. Die Algorithmen der von mir benutzten Suchmaschinen kennen mein Interesse schon viele Jahre. Sie empfehlen mir aber, wie ich jetzt feststellen musste, keine Bücher, deren Autoren und Werbetexter Begriffe wie Kriminalität und Verbrechen im Zusammenhang mit der Wirtschaft, der Wirtschaftsordnung und der Wissenschaft vermeiden, obgleich sie zumindest das hoch kriminogene Vorfeld beackern.

Als ich vor einiger Zeit einen wissenschaftskritischen Artikel über die Konzernideologie und ihren verheerenden Einfluss auf markt- und kapitalrelevante Wissenschaften unter der Überschrift „Die Konzern-Marionetten“ im Internetportal „Rubikon“ veröffentlichte, erhielt ich erstaunlicherweise nur zustimmende Zuschriften. Darunter eine des mir bis dahin unbekannten Kollegen und Buchautors Christian Kreiß. Sofort kaufte ich mir sein Buch, das ich nach gründlicher Lektüre jedem empfehlen kann, dem meine Kritik an den von allzu kapitalhörigen Marktwissenschaftlern heruntergewirtschafteten Disziplinen als falsch, zumindest jedoch als stark übertrieben erscheint.

Wer das äußerst sorgfältig recherchierte Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Kreiß gelesen hat, wird — zumal der Autor jahrelang Investmentbanker war — verstehen, weshalb ich von einem konzerngesteuerten Wissenschaftsbetrieb spreche und beklage, dass Wissenschaftler dieses Problem übersehen oder verharmlosen.

In seinem Buch vermeidet Christian Kreiß auch — wie andere Autoren in anderen Zusammenhängen — in seiner doch äußerst kritischen Problemanalyse zur Drittmittelforschung und der Wirtschaftsabhängigkeit sogenannter Stiftungsprofessuren Begriffe, die die Akteure in die Nähe von Kriminellen rücken könnten. Das ist freilich auch nicht zwingend, weil im Bereich Drittmittelforschung und Stiftungsprofessuren nahezu alles, was geschieht, nicht nur legal, sondern sogar politisch erwünscht ist. Aber Kreiß unterscheidet sich mit seiner Kritik doch wesentlich von jenen Wissenschaftlern, die diese legale und gewünschte Einflussnahme der Wirtschaft kritiklos hinnehmen oder sogar vorantreiben.

Kreiß zeigt nach einer das Problem und die Begriffe klärenden Einleitung erst einmal an Beispielen aus der Tabak-, Chemie-, Pharma-, Gentechnik- und Zuckerindustrie die konkreten Gefahren auf, welchen wachsenden Einfluss die Industrie, vor allem die mächtigen Konzerne, allein durch ihr Eindringen in die Hochschulforschung, auf Schulen, Universitäten, Lehrer, Professoren, damit auch auf Ärzte, Patienten, Konsumenten, überhaupt auf die öffentliche Meinung, die Gesundheitspolitik und die Gesundheit von Menschen weltweit hat.

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