Hambacher Forst: Barrikaden und vertiefte Gräben

Hambacher Forst: Barrikaden und vertiefte Gräben

01-10-18 08:46:00,

Bild: Gerrit Wustmann

Die Räumung kommt nicht voran, überall entstehen neue Baumhäuser, RWE hat keine Argumente mehr. Ein Ortsbesuch

Anfangs hieß es, es existierten in mehreren Siedlungen rund sechzig Baumhäuser im Hambacher Forst. Am Sonntag verkündete die Aachener Polizei, inzwischen seien 77 Baumhäuser geräumt. Die Diskrepanz liegt nicht daran, dass man sich verzählt hat. Sondern daran, dass die Waldbesetzer jede ruhige Minute in polizeifreien Waldabschnitten nutzen, um neue Baumhäuser zu errichten.

“Endspurt”

Man sei bei der Räumung des Waldes im “Endspurt” verlautete es von der Polizei noch am Samstag. Doch danach sah es am Sonntag nicht aus. Mehr als zehntausend Demonstranten fanden sich Medienberichten zufolge im Wald ein – doppelt so viele wie in der Woche zuvor. Aber diesmal gab es statt Regen und Kälte auch strahlenden Sonnenschein bei fast zwanzig Grad.

Das dürfte noch einige mehr motiviert haben, sich auf den Weg zu machen. Und tatsächlich waren nicht nur erneut Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten aus der Region um Köln und Aachen anzutreffen, sondern auch Demonstranten und Umweltschützer aus dem ganzen Bundesgebiet. Auch das ein oder andere niederländische Kennzeichen war auf den zugeparkten Zufahrtsstraßen rund um den kleinen Ort Buir zu finden.

Im Gegensatz zum irrsinnigen Polizeiaufmarsch der Vorwochen ist die Mannschaftsstärke inzwischen fast auf ein normales Maß geschrumpft – was wohl daran liegt, dass tausende Beamte am Samstag in Köln zu tun hatten, um den Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu bewachen.

Polizei und Barrikadenbau

Dennoch sind die Kontrollen an den Zugängen zum Wald deutlich verschärft worden. Jeder, der rein wollte, wurde abgetastet, Rucksäcke wurden durchsucht. Es wurde rasch klar, wonach gesucht wurde: Die Polizisten konfiszierten Schlafsäcke, Isomatten, Kletterausrüstung. Sie versuchen verzweifelt dafür zu sorgen, dass sich nicht noch mehr Menschen den Waldbesetzern dauerhaft anschließen. Aber wirklich aufzugehen scheint die Taktik nicht.

Zwar existiert das Versorgungscamp nicht mehr, das noch vor wenigen Tagen wenige hundert Meter hinter dem Waldeingang zu finden war. Dafür entsteht auf der gegenüberliegenden Seite des Pfades, unmittelbar hinter dem Absperrband der Polizei, ein regelrechtes Fort. Gräben und mehrere Ebenen von gut zwei Meter hohen Barrikaden aus schweren Baumstämmen sichern die neue Ansiedlung, in deren Zentrum sich in gut zehn Metern Höhe ein zweistöckiges Baumhaus befindet.

Bis zum frühen Abend halfen hunderte Menschen dabei,

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Tod im Hambacher Forst führt zu Räumungsstopp

Tod im Hambacher Forst führt zu Räumungsstopp

21-09-18 09:59:00,

Screenshot aus einem Video von Barbara Schnell

Während die Baumhäuser plötzlich wegen Brandschutz geräumt werden mussten, setzte die Bundeswehr mit einem Raketentest trotz Brandwarnung ein Moor bei Meppen fahrlässig in Brand

Im umkämpften Hambacher Forst, den RWE für seinen benachbarten Tagebau roden will, hat es am Mittwochnachmittag, wie kurz berichtet, einen tödlichen Unfall gegeben. Der Blogger und Journalist Steffen M. stürtzte von einer zwischen Bäumen gespannten Hängebrücke. Über die Tiefe des Sturzes gibt es unterschiedliche Angaben. Die Besetzer sprechen von “über 20 Metern”, in Presseberichten, die offensichtlich auf der Darstellung der Polizei beruhen, ist von “über 15 Metern” die Rede. Jedenfalls wurde das Opfer in einem Rettungshubschrauber abtransportiert, aber erlag schon kurz darauf seinen Verletzungen.

Der Hergang wird unterschiedlich beschrieben. Seitens der Polizei hieß es am Mittwochabend in einer Pressemitteilung, dass es zur Zeit des Unglücks keinen Polizeieinsatz in der Nähe gegeben habe. Die Besetzer sprechen hingegen auf ihrem Blog davon, der Unfall habe sich im Baumhüttendorf “Beechtown” ereignet, in dem Polizeibeamte gerade mit dessen Räumung beschäftigt waren. Ein Sondereinsatzkommando sei gerade dabei gewesen, einen Aktivisten in der Nähe der besagten Hängebrücke festzunehmen. Das Unfallopfer habe vermutlich zu diesem Geschehen eilen wollen.

Am Mittwoch hatte Steffen M. unter dem Pseudonym Vergissmeynnicht getwittert: “Nachdem die Presse in den letzten Tagen im #HambacherForst oft in ihrer Arbeit eingeschränkt wurde bin ich nun in 25m Höhe auf Beechtown um die Räumungsarbeiten zu dokumentieren. Hier oben ist kein Absperrband.” Ein kurz vor seinem tödlichen Unfall dort eingestelltes Video zeigt, Polizisten auf einer Hebebühne bei einem Räumungsversuch.

Die Berliner taz schreibt unter Berufung auf einen Polizeisprecher, ein Polizeibeamter habe einen Journalisten begleitet, der von Steffen M. eine Speicherkarte habe abholen wollen. “Zu diesem Zweck ist ein Kollege von mir mit dem Kollegen in Richtung Baumhaus gegangen”, meint Paul Kemen, Sprecher der Polizei Aachen, laut taz. “Man verabredete gerade, wie ein Austausch der SD-Karte erfolgen kann, als der Mann abstürzte.”

Der Merkur zitiert die Staatsanwaltschaft Aachen, wonach es keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden gäbe. Mehrere Zeugen hätten angegeben, dass sich der 27-Jährige unmittelbar vor seinem tödlichen Sturz von einem Baum “allein und ungesichert” auf einer Hängebrücke aufgehalten hatte. Die Hängebrücke sei offenbar “vorgeschädigt”

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Das war es also mit dem Hambacher Forst

Das war es also mit dem Hambacher Forst

18-09-18 02:50:00,

Sitzblockade am 17. September unter Gallien Tower. Bild: HambiBleibt

Ein 12.000 Jahre altes Waldgebiet, das sich einmal über 4.100 Hektar erstreckte und nun nur noch 200 Hektar umfasst, wird gerodet, übrig bleibt, im wahrsten Sinne des Wortes, verbrannte Erde

Und warum das alles?

Stichwort: Arbeitsplätze. In der Braunkohle-Industrie arbeiten nur noch 20.000 Menschen, von denen 40% über 50 Jahre alt sind. Zum Vergleich: Im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten heute 330.000 Menschen und Schätzungen gehen davon aus, dass in den nächsten anderthalb Jahren weitere 170.000 Arbeitsplätze hinzukommen werden.

Stichwort: Versorgungssicherheit. Im ersten Halbjahr 2018 lag die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien deutlich vor der Stromerzeugung aus Kohle. Das sah zwar vor wenigen Jahren noch anders aus, aber die “neuen” haben mächtig aufgeholt. Demnächst werden sie andere Energieträger, wie beispielsweise die Kernenergie, vollständig ersetzen.

Stichwort: Klimaschutzziele. Bis zum Jahr 2050 wollen Deutschland und die EU die Treibhausgas-Emissionen um bis zu 95% senken – verglichen mit dem Jahr 1990. Deutschland wird das Zwischenziel für das Jahr 2020 sehr deutlich verfehlen. Eine der Hauptgründe: Braunkohlekraftwerke, die das Klima vergiften und andere Energieformen verdrängen.

Die Braunkohle löst also kein einziges bestehendes Problem, schafft aber viele neue: Die vielgepriesenen “Baggerseen”, die im Anschluss an den Braunkohletagebau entstehen, sind “biologisch praktisch tot”, lassen das Grundwasser ansteigen, beschädigen umstehende Gebäude und senken die Wasserqualität (z.B. durch Aluminiumverseuchung und “Verockerung”).

Davon abgesehen gibt es natürlich sehr handfeste Gründe, warum man keine Wälder abholzen sollte. Von der Tatsache abgesehen, dass man dadurch das Insektensterben verschärft, den Klimawandel vorantreibt und Flutkatastrophen provoziert, sind es eben auch Wälder, die die Luft produzieren, die wir atmen.

Wenn sich junge Leute für derlei Zusammenhänge nicht interessieren, nennt man sie “politikverdrossen”. Wenn sie sich aber selbstlos und uneigennützig engagieren, bezeichnet man sie als “Terroristen” und “extrem gewaltbereite Linksextremisten”. Dann kommen 3.500 Polizisten. Mit Wasserwerfern (!) und Panzern (!), um 150 Aktivisten von den Bäumen zu holen.

Der Vergleich zu Chemnitz liegt auf der Hand: Im polizeilichen Lagefilm des Abends der ersten Ausschreitungen ist von Nazis die Rede,

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Hambacher Forst: Tausende bei Waldspaziergang

Hambacher Forst: Tausende bei Waldspaziergang

17-09-18 09:57:00,

Sitzblockade

(Bild: Twitter @HambiBleibt )

Im rheinischen Braunkohlerevier wird nunmehr am fünften Tag ein Wald mit gigantischem Polizeiaufwand und nicht wenig Gewalt geräumt, um die Besetzer vor einer vermeintlichen Brandgefahr zu schützen

Der umfangreiche Polizeieinsatz im Hambacher Forst zur Räumung der dortigen Baumhäuser hält, wie bereits gestern berichtet, weiter an. Am Sonntag waren 9.000 Menschen aus dem benachbarten Buir zum Wald gezogen.

Dort wurden unter anderem zwischen Waldrand und Tagebau Bäume gepflanzt. Ein Teil der Demonstranten schlich sich an den zahlreichen Polizeibeamten vorbei in den Wald, um dort verschiedene Sitzblockaden zu bilden.

Die Waldbesetzer sprechen in ihrem Ticker von wahllosen Festnahmen und einer bis in die Dunkelheit hinein andauernden Belagerung des Wiesencamps am Rande des Waldes. Dieses befindet sich übrigens auf einem Privatgrundstück und wurde im Einverständnis mit dem Besitzer errichtet.

Für Montagvormittag haben die Besetzer eine Pressekonferenz im Wald angekündigt. Auf Twitter gibt es bei @anettselle diverse Videos von den Aktionen der Demonstranten und dem Vorgehen der Polizei.

Kritik aus den Reihen der Polizei

Auch aus deren Reihen wird der seit Donnerstag anhaltende massive Einsatz inzwischen kritisiert. Er sei einer der größten und teuersten in der Geschichte Nordrhein-Westfalens, heißt es beim Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Während in Berlin noch über den Ausstieg aus der Kohle verhandelt werde, stelle die Bauministerin des Landes plötzlich fest, dass der Brandschutz der Baumhäuser nicht gewährleistet sei. Damit stelle sie sich gegen die Rechtsauffassung der zuständigen Kommunen und revidierte eine Wertung des eigenen Ministeriums aus dem Jahre 2014.

“Hier werden die Kollegen regelrecht verheizt und zwar sowohl die uniformierten als auch die Kolleginnen und Kollegen der Kriminalpolizei, die zum Beispiel in Gefangenensammelstellen eingesetzt werden oder durch Ermittlungen gebunden sind. Wer glaubt, das Problem Hambacher Forst könnte isoliert betrachtet werden, der irrt. Die Polizeibeamten und Kriminalbeamten fehlen bei der Bewältigung ihrer Alltagsaufgaben. So können Präsenzkonzepte in den Städten nicht in dem erforderlichen Umfang durchgeführt werden. Die Fallzahlen in den Innenstädten steigen schon wieder an. Der Einsatz im Hambacher Forst hat insofern unmittelbare negative Auswirkung auf die Sicherheit in den Städten und Gemeinden. Im Ergebnis schützen wir nun den Braunkohleabbau von RWE statt unsere Bevölkerung.”
Sebastian Fiedler, Landesvorsitzende NRW des Bund Deutscher Kriminalbeamter

Keine Kostentransparenz

Derweil fordert die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Umweltbundesamtes Astrid Matthey gegenüber der Deutschen Welle mehr Transparenz bei den Kosten der Kohleverstromung.

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