Die Domestizierung der Friedensforschung – Paradigma für die neoliberale Gleichschaltung der Wissenschaft?

22-12-19 11:04:00,

„Krieg nach innen, Krieg nach außen“ – angesichts der immer mehr ausgeweiteten Kriege und ihrer politischen Rechtfertigung fragen die Autorinnen und Autoren des gleichnamigen Buches nach der Verantwortung der Intellektuellen. Sie thematisieren die zunehmende und stärkere Beteiligung Deutschlands an Kriegseinsätzen, die ausgeweitete deutsche Waffenproduktion und bieten Ansätze, diese in ihren Zusammenhängen, ihren Ursachen und Auswirkungen zu verstehen. Werner Ruf untersucht in seinem Beitrag die Domestizierung der Friedensforschung.

In ihrer Gründungsphase definierte die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AK) auf einer Tagung in Berlin-Wannsee am 24. und 25. April 1971 ihr Selbstverständnis folgendermaßen:

»Kritische Friedensforscher/innen lehnen eine am Status quo orientierte Befriedungsforschung ab. […] Kritische Friedensforscher/innen begreifen sich als wissenschaftliche Parteigänger von Menschen, die durch die ungleiche Verteilung sozialer und ökonomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen (d. h. durch strukturelle Gewalt) betroffen sind: von Ausgebeuteten, von sozial Diskriminierten und von unmittelbar in ihrer physischen Existenz Bedrohten.« (Wasmuht 1998, S. 177).

Wird Friedensforschung konsequent gedacht, kann sie sich nicht auf Kriege in Form zwischenstaatlicher bewaffneter Auseinandersetzung beschränken, sondern muss konsequenterweise die Frage nach dem Ursprung und den Ursachen von Gewalt stellen. Forschungsgegenstand werden dann alle Formen struktureller Gewalt (Johan Galtung), ebenso – als Gegenmodell zum gewaltförmigen Widerstand – Formen der Gewaltfreiheit, wie sie etwa von Gandhi praktiziert wurde.

Entscheidenden Einfluss auf das Selbstverständnis vieler Friedensforscherinnen und Friedensforscher in Deutschland hatte die Kritische Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos. Im Sinne der Kritik an Strukturellen Gewaltverhältnissen erhielten zahlreiche Arbeiten eine anti-imperialistische Stoßrichtung, der Vietnamkrieg wie auch der Putsch gegen die sozialistische Regierung in Chile vom 11. September 1973 wurden zu empirischen Bezugsgrößen. Zunehmend wurde explizit der Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Ausbeutung, Gewalt und Krieg hergestellt: in den Analysen über strukturelle Gewalt von Johan Galtung (1971) wie in Arbeiten etwa von Fritz Vilmar (1969 und 1970). Auch die weit verbreiteten Publikationen von Dieter Senghaas (1974) nahmen das Ausbeutungsverhältnis zwischen kapitalistischem Norden und unterentwickeltem Süden ins Visier: Dort kamen neben Vertretern der lateinamerikanischen Dependenz-Theorie auch erklärte Marxisten wie etwa Samir Amin zu Wort. Die als Ausformung eines ausbeuterischen strukturellen Gewaltverhältnisses begriffenen Nord-Süd-Beziehungen wurden zu einem zentralen Strang friedensforscherischer Hypothesenbildung und empirischer Forschungen, die folgerichtig eine neue und intensive Beschäftigung mit Imperialismus-Theorien nach sich zogen. Dieser Strang der Friedensforschung prägte in hohem Maße die Entwicklungsländerforschung im Allgemeinen und wirkte zurück auf die politikwissenschaftliche Teildisziplin der Internationalen Beziehungen im Besonderen.

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Marktgerechte Friedensforschung

02-03-19 09:24:00,

In ihrer Gründungsphase definierte die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) auf einer Tagung in Berlin-Wannsee am 24. und 25. April 1971 ihr Selbstverständnis folgendermaßen:

„Kritische Friedensforscher/innen lehnen eine am Status quo orientierte Befriedungsforschung ab. … Kritische Friedensforscher/innen begreifen sich als wissenschaftliche Parteigänger von Menschen, die durch die ungleiche Verteilung sozialer und ökonomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen, das heißt durch strukturelle Gewalt, betroffen sind: von Ausgebeuteten, von sozial Diskriminierten und von unmittelbar in ihrer physischen Existenz Bedrohten“ (1).

Wird Friedensforschung konsequent gedacht, kann sie sich nicht auf Kriege in Form zwischenstaatlicher bewaffneter Auseinandersetzung beschränken, sondern sie muss die Frage nach dem Ursprung und den Ursachen von Gewalt stellen. Forschungsgegenstand werden dann alle Formen struktureller Gewalt, wie Johan Galtung sie versteht, ebenso — als Gegenmodell zum gewaltförmigen Widerstand — Formen der Gewaltfreiheit, wie Gandhi sie praktizierte.

Bis gegen Ende der 1980er Jahre verstanden sich weite Teile der Friedensforschung als wissenschaftlicher Arm der Friedensbewegung und sahen es (auch) als ihre Aufgabe, die Anliegen der Friedensbewegung durch wissenschaftliche Expertise zu unterfüttern. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler engagierten sich in der Friedensbewegung. Die AFK und ihr Vorstand bezogen regelmäßig öffentlich politische Positionen und gaben Erklärungen zu aktuellen Konflikten ab. Ab Ende der 1980er Jahre veränderte eine Vielzahl von Faktoren die politischen Rahmenbedingungen der Friedensforschung in Deutschland:

  • Während ihrer Konstituierung hatte sich die Friedensforschung eine eigene und selbst verwaltete Finanzierung durch die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung, DGFK, erkämpft, die vom Bund und den Ländern alimentiert wurde. Der Ausstieg der Länder Bayern und Baden-Württemberg führte schließlich zur Übertragung der Förderung an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG, deren Kriterien für die Förderung von Projekten auf schrumpfender finanzieller Basis hinfort gültig waren. Die Selbstbestimmung der Förderung innerhalb der Disziplin war damit beendet.
  • Die politischen Kräfteverhältnisse veränderten sich, markiert durch die unter konservativem und neoliberalem Vorzeichen vollzogene deutsche Vereinigung. Diese ideologische Wende hatte sich bereits angekündigt in der Regierungsübernahme durch die CDU, sie kulminierte in Wandlungsprozessen innerhalb der SPD, die insbesondere Kanzler Gerhard Schröder symbolisierte, der gemeinsam mit dem grünen Außenminister Joschka Fischer Deutschland 1999 in seinen ersten und dazu noch völkerrechtswidrigen Krieg führte.
  • Etwa zeitgleich wandte sich der mainstream der Sozialwissenschaften dem Paradigma des Konstruktivismus zu, der die Postulate der Positivisten wieder aufnimmt, indem es Wissenschaft als wertfrei versteht.

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