Gekaufte Forschung

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13-07-19 07:45:00,

Bei meinen Internetrecherchen zum Thema Wirtschafts- und Wissenschaftskriminalität entging mir das bereits 2015 erschienene Buch von Christian Kreiß mit dem Titel „Gekaufte Forschung — Wissenschaft im Dienst der Konzerne“ (1). Das kann ich mir nur damit erklären, dass Titel und Inhalt des Bandes keinen ausdrücklichen Bezug zu meinen Schwerpunktthemen haben, die ich unter dem Begriff kriminelle Ökonomie zusammenfasse. Die Algorithmen der von mir benutzten Suchmaschinen kennen mein Interesse schon viele Jahre. Sie empfehlen mir aber, wie ich jetzt feststellen musste, keine Bücher, deren Autoren und Werbetexter Begriffe wie Kriminalität und Verbrechen im Zusammenhang mit der Wirtschaft, der Wirtschaftsordnung und der Wissenschaft vermeiden, obgleich sie zumindest das hoch kriminogene Vorfeld beackern.

Als ich vor einiger Zeit einen wissenschaftskritischen Artikel über die Konzernideologie und ihren verheerenden Einfluss auf markt- und kapitalrelevante Wissenschaften unter der Überschrift „Die Konzern-Marionetten“ im Internetportal „Rubikon“ veröffentlichte, erhielt ich erstaunlicherweise nur zustimmende Zuschriften. Darunter eine des mir bis dahin unbekannten Kollegen und Buchautors Christian Kreiß. Sofort kaufte ich mir sein Buch, das ich nach gründlicher Lektüre jedem empfehlen kann, dem meine Kritik an den von allzu kapitalhörigen Marktwissenschaftlern heruntergewirtschafteten Disziplinen als falsch, zumindest jedoch als stark übertrieben erscheint.

Wer das äußerst sorgfältig recherchierte Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Kreiß gelesen hat, wird — zumal der Autor jahrelang Investmentbanker war — verstehen, weshalb ich von einem konzerngesteuerten Wissenschaftsbetrieb spreche und beklage, dass Wissenschaftler dieses Problem übersehen oder verharmlosen.

In seinem Buch vermeidet Christian Kreiß auch — wie andere Autoren in anderen Zusammenhängen — in seiner doch äußerst kritischen Problemanalyse zur Drittmittelforschung und der Wirtschaftsabhängigkeit sogenannter Stiftungsprofessuren Begriffe, die die Akteure in die Nähe von Kriminellen rücken könnten. Das ist freilich auch nicht zwingend, weil im Bereich Drittmittelforschung und Stiftungsprofessuren nahezu alles, was geschieht, nicht nur legal, sondern sogar politisch erwünscht ist. Aber Kreiß unterscheidet sich mit seiner Kritik doch wesentlich von jenen Wissenschaftlern, die diese legale und gewünschte Einflussnahme der Wirtschaft kritiklos hinnehmen oder sogar vorantreiben.

Kreiß zeigt nach einer das Problem und die Begriffe klärenden Einleitung erst einmal an Beispielen aus der Tabak-, Chemie-, Pharma-, Gentechnik- und Zuckerindustrie die konkreten Gefahren auf, welchen wachsenden Einfluss die Industrie, vor allem die mächtigen Konzerne, allein durch ihr Eindringen in die Hochschulforschung, auf Schulen, Universitäten, Lehrer, Professoren, damit auch auf Ärzte, Patienten, Konsumenten, überhaupt auf die öffentliche Meinung, die Gesundheitspolitik und die Gesundheit von Menschen weltweit hat.

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“Gekaufte Demonstranten”: Die Strategie der Autoritären zur Diskreditierung von Protest

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26-03-19 02:16:00,

Dieser Vorwurf des Europaabgeordneten Daniel Caspary (CDU) hat es in sich: „Wenn amerikanische Konzerne mit massivem Einsatz von Desinformationen und gekauften Demonstranten versuchen, Gesetze zu verhindern, ist unsere Demokratie gefährdet“, sagte er der Bild-Zeitung in einem Interview. Der Twitter-Account der CDU/CSU-Fraktion im Europaparlament verbeitete die Aussage am Samstagnachmittag – zu einem Zeitpunkt also, als in ganz Deutschland und Europa mehr als 170.000 Menschen auf der Straße standen, um gegen die geplante Reform der Urheberrechts zu protestieren.

„Wenn amerikanische Konzerne mit massivem Einsatz von Desinformationen und gekauften Demonstranten versuchen, Gesetze zu verhindern, ist unsere Demokratie bedroht.“ @caspary in der @BILD #Yes2Copyright https://t.co/SmSxXDO6FR

— CDU/CSU in Europa (@CDU_CSU_EP) March 23, 2019

Auch Axel Voss wiederholte in anderer Form die Aussage seines Parteifreundes bei der Debatte um die Urheberrechtsreform im EU-Parlament: „Youtube Google und Facebook machen hier ‚Governance by Shitstorm‘ und instrumentalisieren Jugendliche.“

In guter Gesellschaft mit Mubarak, Al-Bashir und Trump

Dieser Vorwurf, Demonstrant*innen, die gegen eine bestimmte Politik auf die Straße ziehen, seien in Wirklichkeit gekauft oder instrumentalisiert, ist nicht neu. So ist die Mär des fremdgesteuerten Protests bei Despoten von Mubarak bis zum sudanesischen Diktator Al-Bashir ein beliebtes Topos, um legitime, demokratische Proteste zu diskreditieren. Es handelt sich um eine Kommunikationsstrategie der Autoritären.

Neu ist, dass diese nun auch von CDU-Politikern genutzt wird, von denen man solche Methoden der Desinformation bislang nicht erwartet hatte. Allerdings befindet sich Caspary mit seiner Äußerung in prominenter Gesellschaft. Hier eine kurze Zusammenschau der Mächtigen, die sich dieser Strategie zuletzt bedienten:

1. Donald Trump

Die massiven Proteste in Washington D.C. gegen die Ernennung von Brett Kavanaugh zum obersten Richter der USA? Natürlich alle von Milliardär und Investor Georg Soros organisiert und bezahlt, so lautete zumindest die Meinung von Donald Trump. Zuvor hatten zwei Frauen republikanische Senatoren in einem Aufzug konfrontiert und gebeten, nicht für Kavanaugh zu stimmen, gegen den zu dem Zeitpunkt drei Frauen unabhängig voneinander Vorwürfe der sexualisierten Gewalt erhoben hatten.

The very rude elevator screamers are paid professionals only looking to make Senators look bad. Don’t fall for it! Also, look at all of the professionally made identical signs. Paid for by Soros and others.

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Gekaufte Mutterschaft – ein international florierendes Geschäft

Gekaufte Mutterschaft – ein international florierendes Geschäft

20-10-18 09:15:00,


Christa Wichterich / 20. Okt 2018 –

Wer immer ein Kind haben will – nach Mass, auch mit der richtigen Augenfarbe – kann es bestellen. Aber es gibt dabei auch Opfer.

(Red. Der hier folgende Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift «Blätter für deutsche und internationale Politik» veröffentlicht. Weitere Infos dazu am Schluss des Artikels.)

Sie wird als «Publikums-Event für alternative Familienplanung» und «das Elternwerden» angepriesen: Mitte Oktober findet in Köln zum dritten Mal in Deutschland eine Kinderwunsch-Messe der Fortpflanzungsindustrie statt. Dort stellen reproduktionsmedizinische Anbieter aus dem In- und Ausland alles aus, was technisch möglich ist, um Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Eine Heerschar von Klapperstörchen und Luftballons in Spermienform verniedlicht allerdings, worum es den Unternehmen dabei geht: ums Geschäft. Und dieses Geschäft mit Wunschkindern floriert, transnational.

Auf der Nachfrageseite ist die treibende Kraft der Wunsch, ja das Begehren von hetero- und homosexuellen Menschen, von Paaren und Singles nach einem Kind, genauer: nach einem biologisch «eigenen» und zugleich gesunden Kind. Die Angebotsseite – bei den Messen repräsentiert durch «weltweit führende Experten» – bemüht sich, dieses Begehren durch Behandlungsmethoden und Reproduktionstechnologien zu lenken und den Handel mit Körpermaterialien – Samen- und Eizellen –, entsprechendem Wissen und Dienstleistungen weiter anzukurbeln. Dabei verbinden lokale und transnationale Vermittlungsagenturen die Wunscheltern mit Samen- und Eizellbanken, mit Logistikunternehmen und ihren Kühlketten, mit professionellem Personal und einem Pool von Leihmüttern in Kliniken im Ausland, mit Rechtsanwaltspraxen, die zur staatsbürgerlichen Legalisierung des Neugeborenen beraten, mit der Pharmaindustrie und Touristikunternehmen – kurzum: mit einem ganzen reproduktionsindustriellen Komplex. [1]

Diese Fortpflanzungsmärkte sind Teil einer wachsenden, höchst profitablen, transnationalen «Bioökonomie», [2] die sich im Spannungsfeld von ethischen Diskursen, staatlichen Verboten, individuellen Kinderwünschen und Geschäftsinteressen immer wieder neue Standorte sucht. Denn während in Deutschland Leihmutterschaft und «Eizellspende» durch das Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten sind – nicht aber die Werbung dafür –, ist die Eizellabgabe in Tschechien, Spanien, Polen und neuerdings auch in Österreich erlaubt. Die bei Kinderwunsch-Messen beworbenen Kliniken aus diesen Ländern arbeiten wiederum eng mit Reproduktionszentren in der Ukraine zusammen, wo auch die Leihmutterschaft legal ist. Seit Kurzem hat sich die Ukraine deshalb zum transnationalen Zentrum für Leihmutterschaft entwickelt. Die ukrainischen Paketangebote enthalten vieles, was anderswo verboten ist: keine Altersbegrenzung für die Wunscheltern und eine Geburtsurkunde in deren Namen. Vor diesem Hintergrund ist ein regelrechter «Fruchtbarkeitstourismus» entstanden.

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Die gekaufte Revolution

Die gekaufte Revolution

03-08-18 01:25:00,

Im Kampf um Nicaragua geht es um den US-Imperialismus
von Celina Stien-Della Croce

Stand 8. Juni in Nicaragua: 285 Tote, mehr als 1.500 Verwundete. Das Land ist gespalten. Man versucht, die Gewalt und das politische Klima drum herum zu verstehen. In den USA ist es so gut wie unmöglich, das aktuelle Narrativ zu durchschauen. Es scheint in steter Wiederholung, einer Echokammer gleich, durch die Mainstream-Medien gejagt zu werden. Diesem Narrativ zufolge ist Präsident Daniel Ortega autoritär. Er hat Renten gekürzt. Die Menschen haben protestiert. Ortega hat mit Gewalt reagiert und noch immer steigende Zahlen von Demonstranten umgebracht.

Ortega muss gehen, und die USA müssen ihn dabei unterstützen, im Namen der Demokratie. Aber die Wirklichkeit ist selten so simpel. Dieser Artikel soll keine Verteidigung von Ortegas Regierung sein. Er will auch nicht die jüngsten Todesfälle hinnehmen oder gar darüber hinwegsehen. Es ist lediglich der Versuch eines menschlichen Wesens gegenüber einem anderen, die Wände dieser Echokammer zu durchbrechen und den aktuellen Konflikt in seinem historischen Kontext darzustellen.

Die Fehlinformation – oder bestenfalls das sorgfältige „Frisieren“ von Fakten –in Bezug auf die aktuellen Proteste beginnt mit den Rentenkürzungen, die den Konflikt angeblich ausgelöst haben. Entgegen dem geltenden Narrativ stammen die Pläne zu Rentenänderungen nicht aus Ortegas Regierung. In Reaktion auf das Defizit in Nicaraguas Sozialversicherungsfonds INSS schlug der IWF (Internationaler Währungsfonds) unter anderem eine Kürzung der Rentenleistungen um 20 Prozent sowie eine Heraufsetzung des Rentenalters von 60 auf 63 (oder gar 65) Jahre vor.

Ortegas Regierung lehnte die harten Sparmaßnahmen des IWF ab und empfahl Rentenkürzungen um 5 Prozent und eine Erhöhung der INSS-Beiträge von 3,5 Prozent für Arbeitgeber und 0,75 Prozent für Arbeitnehmer. Ortegas Rentenkürzungen sind viel sanfter ausgefallen als die, die der IWF vorgeschlagen hatte, aber letzterem scheint man im Narrativ zu den Protesten keine Schuld zuzuweisen. Lassen Sie sich aber nicht täuschen: Der IWF und die neoliberale Agenda haben eine lange Tradition, politische Richtlinien zu entwerfen, durch die überall im globalen Süden Menschen wie du und ich verarmt werden und die Ungleichheit vergrößert wird. Nicaragua ist da keine Ausnahme.

Daniel Ortega ist schon lange ein Feind der USA und ihrer imperialistischen Agenda. Ortega war Teil der Sandinisten-Revolution, die 1979 die 40 Jahre währende, von den USA unterstützte Diktatur Somozas gestürzt hat.

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