Gerade stehen

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21-11-20 10:42:00,

Die Versuchung ist groß. Wir haben es gern bequem, scheuen gemeinhin Veränderungen und schieben gern die Verantwortung weit von uns weg. Ob die gemeinen Umstände oder der böse Nachbar, Gott oder Teufel — sie haben uns unsere Misere eingebrockt. Hartnäckig verharren wir auf unserer Position aus. Und wenn es ganz schlimm kommt, küssen wir selbst unserem Peiniger noch die Hand. Alles wird akzeptabel, wenn wir uns nur nicht ändern müssen. Man kann uns belügen und betrügen, einsperren und unterdrücken, ausbeuten und versklaven — wir bleiben sitzen. Mögen wir auch jammern und klagen: Viele haben sich damit abgefunden, dass man da eben nichts machen kann.

So scheint heute eine ganze Nation an einer Art kollektivem Stockholm-Syndrom zu leiden. Die hinter Masken Gezwungenen, ihrer Freiheiten Beraubten und wie Verbrecher Überwachten machen mit den Entführern gemeinsame Sache. Sie können nicht sehen, dass nicht in ihrem Interesse gehandelt wird, und fügen sich folgsam in die Situation. Zum Schutz, sagen sie. Beschönigende Worte sollen verhüllen, was eigentlich passiert. Ignoranz heißt heute Verantwortungsbewusstsein und Denunziation „Ich muss das melden“.

Alle möglichen Erklärungen liegen parat: „Wir haben sie ja schließlich demokratisch gewählt.“ „Die tun schon ihr Bestes.“ „Sind ja auch nur Menschen.“ „Da kommen schon alle zu Wort.“ „Woanders ist es viel schlimmer.“ „Das alles ist so neu, da passieren eben Fehler.“ „Das Virus ist ja auch gefährlich.“ „Masken halten ja auch die Tröpfchen zurück.“ „Mein Nachbar ist beinahe an Corona gestorben.“ „Wer sollte daran Interesse haben, dass die Wirtschaft lahmgelegt wird — die würden sich ja ins eigene Fleisch schneiden.“ „Es können ja nicht alle Länder der Welt gemeinsame Sache machen — die bekämpfen sich doch untereinander.“ „Im Krieg haben die viel Schlimmeres durchgemacht.“

Währenddessen wird munter an der Weltherrschaft und Macht globaler Riesen gebaut. Nein, ich bin keine Verschwörungstheoretikerin und ich gehöre weder zu einer extremen Szene noch zu einer Sekte. Ich bin nicht geistig verwirrt, nicht unterdurchschnittlich gebildet und ich habe kein besonderes Geltungsbedürfnis oder den Wunsch, mich selbst zu erhöhen, weil ich etwas weiß, was andere nicht wissen. Ich habe keine besonderen Probleme und bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Ich kann lesen und informiere mich aufmerksam und vielseitig. Ich suche keine einfachen Lösungen für komplizierte Sachen, keinen Sündenbock für schlimme Taten und ich bezeichne niemanden als meinen Feind. Mir liegt eine echte Demokratie am Herzen und das Wohl aller Lebewesen auf diesem Planeten.

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Iran: Findet gerade ein Regime Change statt? | www.konjunktion.info

iran:-findet-gerade-ein-regime-change-statt?-|-wwwkonjunktion.info

19-11-19 01:40:00,

Iran - Bildquelle: Pixabay / syafrani_jambe; Pixabay LicenseIran - Bildquelle: Pixabay / syafrani_jambe; Pixabay License

Iran – Bildquelle: Pixabay / syafrani_jambe; Pixabay License

Seit Freitag gehen im Iran Gegner der iranischen Regierung auf die Straße, um gegen steigende Benzinpreise (50%) zu protestieren. Ähnlich wie bei den Gelben Westen entzünden sich die Proteste an steigenden Lebenshaltungskosten und ähnlich wie in Frankreich fordern auch die iranischen Demonstranten einen Rücktritt der eigenen Regierung. In den vergangenen Tagen wurden nach iranischen Staatesmedienangaben “mindestens 100 Banken und Dutzende Gebäude und Autos angezündet”, was zu entsprechenden Maßnahmen seitens der Regierung führt/führen wird:

“Erforderlichenfalls werden wir entschlossen und revolutionär gegen alle weiteren Maßnahmen vorgehen, die den Frieden und die Sicherheit des Volkes stören”, sagten die Revolutionsgarden, Irans schwer bewaffnete Hauptsicherheitskräfte, in einer Erklärung der staatlichen Medien.

(“If necessary we will take decisive and revolutionary action against any continued moves to disturb the people’s peace and security,” the Revolutionary Guards, Iran’s heavily armed main security force, said in a statement carried by state media.)

Schon 2017 wurde das Land von massiven Demonstrationen – viele sprechen von CIA-gesteuerten Protesten – erschüttert, als in mehr als 80 Städten Tausende junger Iraner gegen Korruption, hohe Arbeitslosigkeit und der immer weiter aufgehenden Einkommensschere demonstrierten.

Ausgehend von der aktuellen Lage scheint es so zu sein, dass die von den USA auferlegten Sanktionen das Land weit mehr destabilisiert haben als bislang angenommen. Da Teheran spätestens mit dem Einzug Donald Trumps im Weißen Haus wieder ganz nach vorne in der Aufstellung der “Schurkenstaaten” gewandert ist; wir die Historie US-amerikanisch inszenierter Regime Changes in aller Herren Länder kennen, ist ein von außen gesteuerter und initiierter Umsturz nicht auszuschließen.

Der französische Filmemacher Dominique Fonvielle hat 2003 eine Dokumentation mit den Titel Schachmatt – Strategie einer Revolution oder Fallstudie amerikanischer Politik produziert, in dem er die fünf Schritte eines von außen gesteuerten Umsturzes schildert:

  1. Eröffnung: Im ersten Schritt für eine erfolgreiche Umsetzung eines Putsches muss der entsprechende Gegner ausgemacht werden. Im konkreten Fall ist dies die iranische Regierung, weil sie sich nicht den US-Interessen unterordnen will und nach US-Ansicht “als Regionalmacht zu starken Einfluss auf die umgebenden Staaten nehmen will”. Im Anschluss erfolgen verschiedene nachrichtendienstliche Operationen,

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Passiert gerade wirklich etwas? Das #Fake-Ereignis

Passiert gerade wirklich etwas? Das #Fake-Ereignis

20-06-18 06:39:00,


Sylvia Sasse / 19. Jun 2018 –

Fake-Ereignisse sind nicht bloss Fake-News, sie erschüttern das Verhältnis von Politik, Realität und Medien auf eine andere Weise.

Red. Sylvia Sasse, die Autorin dieses Essays, lehrt Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich und ist Mitbegründerin sowie Mitglied des Zentrums Künste und Kulturtheorie (ZKK). Sie ist Herausgeberin von «novinki» und von «Geschichte der Gegenwart».

Nach 59 Folgen House of Cards und damit nach Hunderten von Intrigen, Lügen und Desinformationskampagnen fragt die aktuelle Wahlkampfmanagerin des amerikanischen Serienpräsidentenpaars Underwood irritiert: «Passiert gerade wirklich etwas?» Sie weiss es nicht. Sie weiss nicht, ob die gemeldete Bedrohung durch einen verschwundenen LKW-Transporter, der radioaktives Material geladen hat, vom eigenen Wahlkampfteam zur Anheizung der Angst vor Terror und damit zur Siche­rung von Wählerstimmen inszeniert wurde. Oder ob es doch «echte» Terroristen sind, die den Transporter gestohlen haben? Oder ob es überhaupt nur eine Meldung, nur ein Gerücht ist.

Die Unsicherheit ist durchaus berechtigt, denn in der politischen Trickkiste der Underwoods werden nicht nur bedrohliche Ereignisse inszeniert, die Wählerstimmen sichern sollen, sondern es werden Kollegen oder kritische Journalistinnen reihenweise aus dem Weg geräumt. Diese Morde werden vom Team Underwood wahlweise als Selbstmorde oder als Unfälle vorgetäuscht. Alles, was Frank und auch Claire Underwoods Karriere gefährden könnte, wird manipuliert: umgedreht, umgewertet, weginszeniert oder hineininszeniert.

Als Kevin Spacey, der Frank Underwood darstellt, im Zuge der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 gefragt wurde, wie eine mögliche TV-Debatte zwischen ihm als Frank Underwood und Donald Trump verlaufen würde, blieb er in seiner Rolle und antwortete: «Er [Trump] würde gar nicht hinkommen. Auf dem Weg würde es einen schrecklichen Unfall geben. Schrecklich und sehr traurig.»

Das Fake-Ereignis

Dass Fake-Ereignisse nicht bloss in Filmen vorkommen, hat Ende Mai der in Kiev vorgetäuschte Mord am russischen Schriftsteller Arkadij Babčenko auf erschreckende Weise vorgeführt: mit Maskenbildnern, echtem Blut, Einschusslöchern auf dem T-Shirt, Polizei, Ärzten, Krankenwagen, Pressemitteilung. Er hat uns daran erinnert, dass wir es nicht nur mit Fake-News, also mit der medialen Erfindung von Ereignissen, die nicht stattgefunden haben, zu tun haben können, sondern auch mit Fake-Ereignissen, also mit Ereignissen, die zwar stattfinden, aber nur so tun «als ob». Sie finden statt, aber sie sind nicht das, was sie zu sein scheinen,

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