Das Geschenk des Zuhörens

13-02-21 01:55:00,

Wir beginnen, sprechen zu lernen, wenn wir etwa ein Jahr alt sind. Unsere ersten Worte sind zumeist „Mama“ und „Papa“. Geflissentlich bringt die Erwachsenenwelt den Kleinen das Sprechen bei. Je besser sie nachsprechen, was ihnen vorgesagt wird, desto stolzer sind Mama und Papa. Die Lehrer geben denen gute Noten, die fein das wiederholen, was sie ihnen auftischen. Ob in Elternhaus oder Schule: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. In Gruppen werden oft diejenigen besonders geschätzt, die um Worte nicht verlegen sind, und bei den Geselligkeiten, die heute so selten geworden sind, brillieren vor allem diejenigen, die die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen wissen.

Munter plappert es darauf los. Oft redet alles durcheinander und es kreuzen sich die Wortfetzen. Dabei geht es um alle nur erdenklichen Themen — nur um eines geht es meistens nicht: wie es einem gerade geht. Wirklich. Wir sprechen über Gelesenes, Gehörtes, Geschehenes, geben Meinungen und Anekdoten zum Besten, doch was das Erlebte mit uns macht, wo und wie es uns berührt, was es in uns auslöst, das sparen wir meistens aus. Womöglich verdirbt es die Stimmung. Vielen von uns fällt es schwer, über Gefühle zu sprechen, über die Saiten, die in uns klingen und die Tonart, die gerade vorherrscht. Das haben wir nicht gelernt.

Die Erwachsenen wachen früh darüber, unbequeme Gefühle bei den Kindern zu unterdrücken. Sie passen nicht in den durchgetakteten Tagesablauf, in dem kaum Platz ist für alles, was aus der Reihe schert. Unbequemes wird mit mehr oder weniger Autorität aus dem Weg geräumt: Ist doch nicht so schlimm, das bildest du dir doch nur ein, wenn du lieb bist, bekommst du etwas. Weinende, wütende und traurige Kinder sind unbequem. Die als negativ qualifizierten Gefühle müssen weg. So werden wir von klein auf manipuliert und sind als Erwachsene so trainiert, dass wir uns in der Öffentlichkeit vor allem so zeigen, wie wir uns gerade nicht fühlen.

In Zeiten von Lockdowns, Schließungen, Ausgangssperren und Versammlungsverboten sind Begegnungen selten geworden. Die meisten von uns isolieren sich freiwillig. Viele sind allein und fühlen sich einsam. Und viele erfahren in dieser existenzbedrohenden Situation, was wirklich hilft, wenn die als schmerzhaft erfahrenen Gefühle dominieren. Was hilft, ist nicht die Ablenkung. Es sind nicht die tollen Geschichten der anderen, die sich rechtzeitig an einen Ort abgesetzt haben, an dem die Restaurants und Bars noch geöffnet sind.

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Das größte Geschenk

10-07-19 08:02:00,

Wo die Spitzenpolitiker der Welt erscheinen, verneigt sich das Volk. Wenn sie sich die Hände schütteln, ernten sie Beifall. Sie residieren in Regierungssitzen, Villen und Luxushotels, reisen in Limousinen, Privatjets und Staatsflugzeugen und treffen sich in klimatisierten Konferenzräumen. Wenn sie im Blitzlicht selbstsicher lächeln, gleichen sie den Prinzessinnen und Prinzen, den Königinnen und Königen im Märchen. Sie haben es geschafft. Wie Aschenputtel und Dornröschen haben sie sich über die anonyme Masse der Menschen erhoben und werden bejubelt und beklatscht. Sie sind ganz oben — die Manager, Diplomaten, Oberbefehlshaber und Staatspräsidenten.

Vor allem die Staatspräsidenten sind die Hauptdarsteller im Marionettenspiel der Politik. An den unsichtbaren Fäden des globalisierten Finanzkapitals hängend, tanzen sie für ein belustigtes Publikum. Sie suchen und verweigern das Gespräch, bestätigen und widerrufen, überreichen Glückwünsche und Protestnoten, kooperieren und verhängen Sanktionen, umarmen und bekriegen sich. Sie gehen über die Bühne, doch die Menschen an den Fäden bestimmen die Richtung. Sie bewegen die Lippen, doch die Stimmen ertönen aus der Kulisse. Sie machen Geschichte, doch nicht aus freiem Willen.

Und sie machen Geschenke, denn Geschenke erhalten die Freundschaft. Oder wie der englische Dramatiker William Shakespeare meinte: „Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen.“ Aus Anlass eines Staatsbesuchs, auf Gipfeltreffen und internationalen Kongressen, wo die Teilnehmer über das weitere Schicksal der Menschheit beraten und entscheiden, wechseln Kostbarkeiten ihre Besitzer. Und geknausert wird nicht. Was sie schenken, ist geschaffen von den besten Handwerkern; gefertigt aus den erlesensten Materialien wie Gold und Silber, Emaille und Porzellan, Jade und Elfenbein; bestückt mit Rubinen, Diamanten und anderen Edelsteinen. Was sie schenken, ist Kunst.

Dass Kunst ins Museum gehört, leuchtet ein. Darum wohl ließ der frühere französische Präsident François Mitterrand für die Gaben, die er erhalten hatte, in Château-Chinon ein Museum einrichten. „Es scheint mir selbstverständlich“, so Mitterrand, „daß die Geschenke, die ich in meiner Funktion als Präsident der Republik erhalte, allen zugänglich sind.“ Damit machte er — ganz großer Staatsmann — diese Geschenke seinen Untertanen zum Geschenk. Allerdings muss, wer die Herrlichkeiten optisch genießen will, Eintritt bezahlen.

Jedem Museum, so sehenswert die ausgestellten Gegenstände auch sein mögen, haftet etwas Absurdes an. Die scheinbare Lebendigkeit des Ausgestellten kontrastiert unangenehm mit der kalten Umgebung. Der ausgebreitete Jahrmarkt der Eitelkeiten vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass unser Lebenslicht täglich bedroht ist. Im Museum beschleicht den Besucher das dumpfe Gefühl der Vergänglichkeit,

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Das vergiftete Geschenk

23-01-19 11:40:00,

Allzu viele Parallelen zwischen verschiedenen geschichtlichen Epochen zu ziehen, ist in der Regel fragwürdig. Aber es kann durchaus interessant sein, einen Blick auf den Umgang der Mächtigen verschiedener Epochen mit den Anliegen der Untertanen, heute Bürgerinnen und Bürger, zu werfen.

Als Ludwig der XVI. und seine Berater in den 1780er Jahren nicht mehr wussten, wie sie das stark ins Schwanken geratene französische Staatsschiff künftig lenken und vor allem den maroden Staatshaushalt sanieren sollten, hatten sie eine Idee. Sie beriefen die Jahrhunderte nicht mehr genutzte Ständeversammlung ein, damit diese behilflich sei.

Das sollte den Eindruck vermitteln, dass alle drei Stände der Gesellschaft, also Adel, Klerus sowie Bauern und Bürgertum, bei der Lösung der Staatskrise mitwirken könnten — auch wenn die Vertreter des dritten Standes, Bauern und Bürgertum, dem mehr als 95 Prozent der Bevölkerung Frankreichs angehörten, nur ein Drittel der Stimmen in dieser Ständeversammlung haben sollten.

Hinzu kam die Idee, allen Untertanen die Möglichkeit zu geben, Beschwerden zu formulieren und schriftlich einzureichen — eine interessante Idee in Anbetracht der Tatsache, dass der Großteil der Menschen, vor allem aus dem dritten Stand, weder lesen noch schreiben konnte. Indes, der König und seine Berater hatten sich verrechnet.

Die Beschwerdebriefe zeugten ungeschminkt von der Situation der Menschen im Land und vom schreienden Unrecht — denn die Unzufriedenheit und Empörung hatte mittlerweile Vertreter aller Stände erfasst, und sehr, sehr viele meldeten sich zu Wort. Auch die Ständeversammlung löste sich, kaum war sie zusammengetreten, wieder auf, und es kam zum ersten revolutionären Akt, dem Ballhausschwur, Frankreich eine Verfassung geben zu wollen, und zur Bildung der Nationalversammlung.

Das alles ist nun fast 230 Jahre her, heute gibt es in Frankreich keine Könige mehr, Frankreich nennt sich Demokratie mit Bürger- und Menschenrechten; es soll ein Land sein, in dem alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen Rechte haben — und zu den Bürgerinnen und Bürgern zählt auch der Präsident des Landes.

Der aber war in den vergangenen Wochen durch eine landesweite Protestbewegung — die Gelbwesten — in arge Bedrängnis geraten und hatte Entgegenkommen signalisiert. Besonders stark angeprangerte Gesetzesvorhaben sollten für eine gewisse Zeit mit einem Moratorium belegt werden oder wurden zurückgezogen. Vor allem: Emmanuel Macron versprach eine „große nationale Debatte“ über die Anliegen der Menschen im Land.

Nun ist herausgekommen, dass diese „große nationale Debatte“ kein ehrlicher Dialog sein sollte,

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