Die Geschichtstilgung

09-03-21 02:09:00,

Es ist amtlich: Das Raumflug-Planetarium „Sigmund Jähn“ in Halle darf nicht mehr „Sigmund Jähn“ heißen. Eine vereinte neoliberale Front aus CDU, Grünen und AfD verhinderte in der letzten Februarwoche in Halle, dass das wiedererbaute Planetarium den Namen „Sigmund Jähn“ trägt. Zuvor wollte die geballte spätkapitalistische Politprominenz der Großstadt in Sachsen-Anhalt den Neubau allen Ernstes noch „Neil-Armstrong-Planetarium“ nennen. Dafür hätte es wohl einige Bienchen im Fleißheft der Atlantikbrücke gegeben.

Eine Umfrage in der Mitteldeutschen Zeitung, in der sich die überwältigende Lesermehrheit von 80 Prozent für den Namen „Sigmund Jähn“ aussprach, nannte die hallenser CDU-Stadträtin Ulrike Wünscher: „unseriös“. Das kennen wir mittlerweile: Auch Medien, die nicht in den Lobgesang der Mächtigen einstimmen, Journalisten, die nicht agendakonform wie ihre gleichgeschalteten Kollegen der Schreibsöldnerzunft agieren, Presse, die Diskurse zulässt, wo sie von oben nicht gewünscht sind, gelten im Duktus der Partei-Eliten ebenso als: unseriös.

Gibt es eigentlich tatsächlich eine Definition des Terminus „Seriosität“, die über die Beschreibung „im Einklang mit dem Establishment“ hinausgeht? Wohl nicht …

Aber zurück zum post mortem diffamierten Raumfahrer. Der Grund, warum das Planetarium in Halle nicht mehr den Namen Jähns tragen darf, ist einzig und allein dass der erste Deutsche im Weltall „zu 100 Prozent im Dienste des Systems DDR“ gestanden habe, so der O-Ton der CDU-Stadträtin Wünscher.

Das hat übrigens ein Großteil der mehr als 16 Millionen Menschen in diesem Land auch. Und viele davon gern und ohne Reue. Eine tiefe Beleidigung und ein Schlag ins Gesicht all dieser Menschen, von denen viele bis zuletzt durchaus an die real durchführbare Reform des „Arbeiter- und Bauernstaates“ glaubten — bis die von der BRD-Regierung forcierte Annexion der DDR einen Teil ihres Lebenswerkes hinwegfegte.

Warum mich die Farce um Sigmund Jähn so berührt: Er war der bescheidene, kluge Held meiner Kindheit. Wie in zigtausenden DDR-Kinderzimmern hing ein Wimpel von ihm auch in meinem. Als unsere Helden Thomas Müntzer, Nelson Mandela, Fidel Castro, Thomas Sankara, Ernst Thälmann, Juri Gagarin und eben Sigmund Jähn hießen. In einer Zeit, als Kids noch Kosmonauten und Kosmonautinnen werden wollten, Ingenieure, Wissenschaftler, Forscher, Archäologen — nicht Influencer.

Meine Schwester traf einst — wie viele tausend DDR-Kinder — den gutmütigen Herrn mit großem Herzen. In der Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz, dem Geburtsort Jähns, hatte der alternde Kosmonaut in den 1980er Jahren für alle Kids Zeit.

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