Das Gesicht und der Tod

10-06-21 07:51:00,

Dass der Anblick des eigenen Gesichts und des Gesichts der anderen für den Menschen eine entscheidende Erfahrung ist, war schon in der Antike bekannt: „Das, was man das ‚Gesicht‘ nennt“, schreibt Cicero, „kann es bei keinem Tier als nur dem Menschen geben“. Und die Griechen definierten den Sklaven, der nicht Herr seiner selbst ist, als aproposon, wörtlich „gesichtslos“. Gewiss zeigen sich alle Lebewesen einander und kommunizieren miteinander, aber nur der Mensch macht aus seinem Gesicht den Ort seines Erkennens und seiner Wahrheit.

Der Mensch ist das Tier, das sein Gesicht im Spiegel erkennt und sich im Gesicht des anderen spiegelt und wiedererkennt.

Das Gesicht ist, in diesem Sinne, gleichermaßen die Similitas, die Ähnlichkeit, wie die Simultas, das gemeinsame Sein der Menschen. Ein Mensch ohne Gesicht ist notwendigerweise allein.

Deshalb ist das Gesicht der Ort der Politik. Wenn die Menschen sich stets und ausschließlich Informationen mitzuteilen hätten, immer diese oder jene Sache, gäbe es keine wirkliche Politik, sondern bloß einen Austausch von Nachrichten. Aber da die Menschen einander vor allem ihre Offenheit mitzuteilen haben, ihr gegenseitiges Wiedererkennen in einem Gesicht, ist das Gesicht selbst die Bedingung der Politik, das, worin all das gründet, was die Menschen einander sagen, was sie austauschen.

Das Gesicht in diesem Sinn ist die wahre Stadt des Menschen, das politische Element par excellence. Indem sie sich einander ins Gesicht sehen, erkennen die Menschen einander und begeistern sich für einander, nehmen Ähnlichkeit und Unterschiedlichkeit wahr, Distanz und Nähe. Wenn es kein politisches Tier gibt, so deshalb, weil die Tiere, die immer schon im Freien sind, aus ihrer Ausgesetztheit kein Problem machen; sie halten einfach darin auf, ohne sich darum zu bekümmern.

Deshalb interessieren sie sich nicht für Spiegel, für das Bild als Bild. Der Mensch hingegen will sich selbst erkennen und erkannt werden, will sich das eigene Bild aneignen, sucht darin die eigene Wahrheit. Auf diese Weise verwandelt er die tierische Umwelt in eine Welt, in ein Feld unaufhörlicher politischer Dialektik.

Ein Land, das beschließt, auf sein eigenes Gesicht zu verzichten, allerorten die Gesichter der eigenen Bürger mit Masken zu bedecken, ist also ein Land, das in sich jede politische Dimension ausgelöscht hat.

In dieser Leere, jederzeit einer grenzenlosen Kontrolle unterworfen, bewegen sich nun Individuen,

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Das Gesicht der großen Zahl

20-08-20 11:44:00,

Die letzte Veranstaltung in Berlin, an der ich teilnahm, war die große Demo am 18. Februar 1968 im Anschluss an den Vietnamkongress in der Technischen Universität. Sie war vom Senat verboten, aber im letzten Augenblick vom Verwaltungsgericht genehmigt worden. Und so zogen wir — nach eigener Wahrnehmung 12.000 — auf der zugelassenen Route durch menschenleere Straßen, in einem nach meiner Erinnerung dennoch rauschhaften Zustand, für den Sieg im Volkskrieg und, wie es hieß, unser Vietnam hier.

Weniger emphatisch, obwohl es nun um unsere eigene Republik ging, war die Demonstration am 11. Mai des gleichen Jahres nach den Osterunruhen, die durch das Attentat auf Rudi Dutschke ausgelöst wurden. Und ob wir nun beim Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze in Bonn bereits 200.000 waren, die da demonstrierten — die Gewerkschaften hatten es vorgezogen, zu einer eigenen Veranstaltung in Dortmund aufzurufen —, blieb die Sache für mich irgendwie fahl und sie blieb auch folgenlos, vielleicht weil sich niemand von uns vorstellen konnte, wie der Notstand, für den diese Gesetze verabschiedet wurden, aussehen mochte.

Tatsächlich brach die Protestbewegung dann auch rasch in sich zusammen. Der Mai war vorbei, bevor auch hier die Masse kritisch wurde. Der eher unauffällige Marsch durch die Institutionen, abseits der öffentlichen Wahrnehmung, begann.

Die Demonstration am 1. August 2020 — die ich, der ‘68er im 77sten, Risikogruppe Frankfurt West, nun aus der Ferne über einen YouTube-Kanal begleitete — war, um es mal entsprechend der ballistischen Wucht, mit der sie durch die Stadt fuhr, zu sagen, doch von anderem Kaliber, nicht nur ihres Umfangs wegen.

Das alte Ziel, die Internationalisierung des Konflikts, war voll erreicht — aber der Notstand eben auch. Und so schien die Füllmenge des angesammelten Sprengstoffs nur noch vom Funken abzuhängen, dem es gelang, ihn zur Explosion zu bringen.

Oder sollte dieser zündende Funke selbst plötzlich ein ganz anderer sein, sozusagen ein heller Funke, der diese explosive Mischung verwandelte, dass aus ihr, der kritischen Masse, wie ich sie mein Lebtag sonst noch nicht gesehen hatte, eine über sich selbst im Klaren befindliche Menge wurde?

Was war in diesem Coronasommer Recht und Gesetz, wenn jemand, der das Grundgesetz vor seine Brust hielt, von der Polizei weggeschleppt wurde, wie ich es anlässlich einer sogenannten Hygienedemo gesehen hatte?

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Gesicht zeigen!

04-05-20 10:10:00,

Während aus Berlin dramatische Bilder auf unsere Displays kommen, die heftige Zusammenstöße zwischen zivilen und uniformierten Menschen zeigen, stimmt der Blick in die restliche Republik hoffnungsvoll. Ausgerechnet in den Bundesländern mit den repressivsten Polizeigesetzen — Bayern und Baden Württemberg — verliefen zahlreiche große Veranstaltungen und Meditationen absolut friedfertig und gewaltfrei.

Es zeigt sich – was in New York funktioniert hat, kann genauso in Pforzheim, Offenburg oder Augsburg funktionieren. Wenn zahlreiche Menschen an einem Ort zur gleichen Zeit meditieren, hat dies einen friedfertigen Effekt auf alle Menschen in der Umgebung. Über das „Wie“ lässt sich natürlich trefflichst diskutieren.

Jedenfalls sind die zahlreichen Video-Zusendungen unserer Leserinnen und Leser — vielen Dank noch einmal an dieser Stelle — Zeuge dessen, wie friedlicher Protest funktionieren und letztlich auch wirken kann. Genau dies kann die neue, effektive und konstruktive Widerstandsform für die 2020er-Jahre sein.


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Nicolas  Riedl

Nicolas Riedl, Jahrgang 1993, ist Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen. Er lernte fast jede Schulform des deutschen Bildungssystems von innen kennen und während einer kaufmännischen Ausbildung ebenso die zwischenmenschliche Kälte der Arbeitswelt. Die Medien- und Ukrainekrise 2014 war eine Zäsur für seine Weltanschauung und -wahrnehmung. Seither beschäftigt er sich eingehend und selbstkritisch mit politischen, sozio-ökonomischen, ökologischen sowie psychologischen Themen und fand durch den Rubikon zu seiner Leidenschaft des Schreibens zurück. Soweit es seine technischen Fertigkeiten zulassen, produziert er Filme und Musikvideos. Er ist Mitglied der Rubikon-Jugendredaktion und schreibt für die Kolumne „Junge Federn“.


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Gesicht zeigen! | KenFM.de

22-04-20 08:10:00,

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Veröffentlicht am: 22. April 2020

Anzahl Kommentare: 25 Kommentare

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Das wahre Gesicht hinter der Maske?

05-04-20 07:33:00,

Symbolbild: Taras Chernus/unsplash

Fake News und die Frage, wann die Pflicht zum Tragen einer Schutzmaske kommt

In der Krise zeigt sich das “wahre Gesicht” ist so eine Redensart, die sich mit der Corona-Verunsicherung sehr verbreitet. Man behauptet zum Beispiel von Donald Trump, dass er nun sein wahres Gesicht zeigt, weil er seine “America First”-Doktrin derart rücksichtslos umsetzt, dass er den Deutschen einen potentiellen Impfstoff mit US-Dollar-Macht wegkaufen will, um ihn dann exklusiv einzig den Amerikanern zur Verfügung zu stellen.

Da sich nun Schutzmasken als immer wichtigeres hochgehandeltes Krisengut herausstellen, wird getitelt, dass Trump den Hersteller 3M dazu bringen will, die Atemschutzmasken vor allem für den US-Markt zu produzieren.

Dazu kam die Nachricht, dass die USA eine Lieferung von 200.000 Schutzmasken, die von Berlin bestellt und bezahlt worden seien, umgeleitet hätten. Der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) bezeichnete den Vorfall “als Akt moderner Piraterie”.

Nachkorrekturen

In beiden Fällen musste nachkorrigiert werden. Dem Welt-am-Sonntag-Bericht vom 15. März, nach dessen Informationen die US-Regierung sich die Rechte für den “potentiellen Corona-Impfstoff” der Firma CureVac “exklusiv” sichern wollte, folgten nachträgliche Informationen, die die Sache vorsichtig gesagt, nicht mehr so eindeutig aussehen lassen, wie etwa in der FAZ nachzulesen war. Es gab kein solches Angebot, erklärte die Tübinger Firma demnach.

Man frage sich jetzt, was an der Sache “Fake News sein könne”, schreibt die bürgerliche Zeitung zwei Tage nach dem WamS-Bericht. Bemerkenswert ist, dass der Vorwurf gegen Trump auch in maßgeblichen politischen Kreisen in Deutschland wie ein Fakt behandelt wurde. “Hochrangige Politiker in Berlin bestätigten gegenüber verschiedenen Medien den Vorstoß von Trump”, so die FAZ.

Ähnliche Relativierungen gibt es nun auch im Fall der “umgeleiteten Schutzmasken”. Offenbar war der Vorwurf etwas vorschnell. Jetzt wird von einer “Fehlinformation” gesprochen, “zumindest in dem Punkt, dass die Anweisung von der Regierung in Washington gekommen sei”, wie n-tv berichtet

Noch sei nicht ganz geklärt, was stattdessen passiert ist. Möglich sei, dass die Lieferung in Thailand von dortigen Behörden gestoppt worden sei oder dass der Händler “die Ware zu einem höheren Preis verkauft” habe, “womöglich in die USA”, heißt es. Die Firma 3M hatte den Vorwurf schon früh dementiert.

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