Der alltägliche Schrecken

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15-10-20 07:31:00,

Hallo Münster, liebe Mitmenschen an diesem Platz,

bis heute hat es gebraucht, hier zu stehen, zu mir zu stehen. Ein Dank an die Veranstalter, die seit Wochen diesen Raum zur Verfügung stellen.

Für mich braucht es Mut, hier zu sprechen, da ich in den letzten Monaten und Tagen immer wieder erlebe, wie mit Menschen, die eine andere Wahrnehmung, ein anderes Wissen, eine andere Meinung äußern und dazu öffentlich stehen, umgegangen wird. Sie werden ausgegrenzt, beschimpft, bedroht, verlieren ihre Existenzgrundlage, sie werden in Gewahrsam genommen; inzwischen finden Hausdurchsuchungen statt, Berufsverbote werden erteilt und vieles mehr. Zu dieser Gesellschaft will ich nicht mehr gehören.

Mein Name ist Maria Eing, ich arbeite in einer Kindertagesstätte und begleite die jüngsten Kinder in ihrer Entwicklung. Ich bin Kinderkrankenschwester mit Weiterbildung in der ambulanten Intensivpflge, Palliativpflege und zu Trauma und Bindungstrauma.

Vor ein paar Wochen habe ich meinem Fachbereichsleiter in einem persönlichen Gespräch und auch schriftlich mitgeteilt, dass ich die Coronaschutzmaßnahmen mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann. Diese Maßnahmen fallen in einen herausfordernden Kitaalltag, unabhängig vom Pandemiegeschehen.

Jeden Tag erlebe ich, welche Auswirkungen diese Maßnahmen auf unsere Gesellschaft haben, auf mich als Bezugsperson, auf meine KollegInnen und auf die uns anvertrauten Kinder. All diese Maßnahmen dienen nicht unserer Gesundheit und schützen diese nicht, da sie nicht angemessen und verhältnismäßig eingesetzt werden. All diese Maßnahmen fügen unserer Gesundheit und ganz besonders der Gesundheit und Entwicklung unserer Kinder schwere Schäden zu.

Es ist ein schleichender Verlust unseres Menschseins, in all seinen vielfältigen Ausdrucks- und Gestaltungsvermögen.

Die Gesichtslosigkeit in unserer Gesellschaft löst Verunsicherung und Ängste in den Kindern aus. Die lebensnotwendige Möglichkeit, sich über die Gesichtsmimik und den Klang der Stimme rückzuversichern — „bin ich hier gut aufgehoben und sicher?“ —, wird den Kindern in ihren ersten frühen Jahren der Entwicklung seit Monaten genommen.

Besonders nachhaltig prägend für das kindliche Erleben ist, wenn Eltern in einer für ihr Kind noch nicht vertrauten Lebenssituation wie zum Beispiel der Neuaufnahme in die Kita oder der Übergabe vor der Kitatür ihr Gesicht nicht zeigen dürfen. Dann bleibt den Kindern nur die Möglichkeit, sich anzupassen, da sie von den sie umgebenden Menschen zutiefst abhängig sind.

Das hat verheerende Folgen, die oft erst Jahre später ihren Ausdruck finden. Ihr Vertrauen, ihr Schutz, das Angenommensein — unseren Kindern wird dieser lebensnotwendige Erfahrungsraum stark eingeschränkt.

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Die tägliche Manipulation

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30-10-19 01:30:00,

Seit Jahrzehnten forschen Hundertschaften von Wissenschaftlern zu Möglichkeiten erzählerischer Überzeugungsarbeit, oder akademisch ausgedrückt: zum persuasiven Potenzial narrativer Berichterstattung. So ist der Zusammenhang zwischen Journalismus und Erzählung — Storytelling beziehungsweise Narrativ — bereits seit den 1970er Jahren Gegenstand zahlreicher Publikationen. Ziel der kollektiven Bestrebungen des „politisch-wissenschaftlich-medialen Komplexes“ ist es, den Rezipienten zu befähigen, die vernommene und verstandene Botschaft auch nachhaltig zu verinnerlichen und eine entsprechende Verhaltensänderung herbeizuführen.

Die Wissenskluftforschung (17) unterstreicht insbesondere die Bedeutung alternativer Ermittlungsstrategien für Personen, für die sich eine klassische Nachrichtenvermittlung aus diversen Gründen als wenig oder gänzlich ungeeignet erweist. Eine solch alternative Form der Berichterstattung müsste zunächst Interesse und Aufmerksamkeit wecken, um auch Menschen zu erreichen, die ansonsten mit politischen Nachrichten wenig beziehungsweise nichts anfangen können oder diese mit Vorsatz meiden.

Die meisten Menschen interessieren sich von Kindheit an mehr für Geschichten, die von anderen Menschen handeln, als für reine Fakten und Daten, weil sich sowohl Bilder als auch Metaphern besser verarbeiten lassen und leichter einprägen als abstrakte Sachverhalte.

Informationen, in Form narrativer Erzählweisen präsentiert, werden selektiv verinnerlicht und können auf Einstellungen und Verhalten nachwirken. Die Forschung zeigt, dass Narrationen auf sehr subtile Weise überzeugen können, wenn Erzählhandlung und Zielinformationen so eng wie möglich miteinander verknüpft sind. Rezipienten übernehmen auch schwache Argumente und offensichtlich unsinnige Überzeugungen, wenn diese narrativ vermittelt werden. Die stärksten Persuasionsmechanismen sind — laut Forschung — reduziertes Gegenargumentieren und unterbundene Reaktanz (18).

  • Warum sind Staat, Wissenschaft und Medienbetriebe in der heutigen, sich als aufgeklärt begreifenden Gesellschaft eigentlich so dringend darauf angewiesen, dass Rezipienten bestimmte Informationen nicht nur verstehen und möglichst ohne Beanstandung und Widerspruch glauben, sondern auch verinnerlichen? Warum darf der Rezipient, nachdem er die aktuellen Nachrichten, den belehrenden Kommentar, den bebilderten Bericht oder die Reportage zur Kenntnis genommen hat, nicht einfach seine Schlüsse ziehen und die Botschaft wieder vergessen? Bei der Masse an Informationen, die beispielsweise das Internet zur Verfügung stellt, ist die Fähigkeit, das Gelesene, Gehörte oder Gesehene zu verstehen und zu behalten, sowieso reduziert.
  • Warum beschäftigt das Pentagon um die 27.000 Personen, die ausschließlich für Öffentlichkeitsarbeit — PR, Werbung, Rekrutierung — und das mediale Aufpolieren der US-Kriege zuständig sind? Tom Curley, ehemaliger Chef der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP, kritisierte 2009 in einem Vortrag vor Journalisten den Druck des US-Verteidigungsministeriums auf seine Berichterstatter in Kriegsgebieten. AP-Recherchen zufolge kosteten die PR-Maßnahmen des Militärs die Steuerzahler jährlich 4,7 Milliarden Dollar (19).

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Bald kein günstiges Netz mehr? – Mögliche Folgen der 5G-Technik

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05-07-19 07:21:00,

Das neue Mobilfunknetz 5G ist seit Kurzem in einigen deutschen Städten verfügbar. Doch diese teure Technologie könnte eine Bedrohung für alle 3G-Nutzer darstellen: Zugunsten der Erweiterung der 4G- und 5G-Netze wird das schwächere 3G nun abgebaut – trotz hoher Benutzerrate.

Telekom starte mit dem aktiven Ausbau des 5G-Netzes, berichtet der Spiegel. Diese Technik übertrifft das bis dahin weitverbreitete 4G von LTE: Das 5G soll für Datenraten von einem Gigabit pro Sekunde sorgen. Doch erst 47 Prozent aller SIM-Karten-Besitzer nutzen überhaupt schon LTE, da viele mobile Geräte für dieses Netzwerk inkompatibel seien. Zusätzlich versperren die Großanbieter in der Mobilfunkbranche den günstigeren Mobilanbietern oder Drittanbietern den Zugang zum 4G-Netz

5G-Logo

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REUTERS / Aly Song

Der Abbau des 3G-Netzes betrifft vor allem ländliche Regionen. Die Zeitschrift „Computer Bild“ führte 2018 einen Netztest durch: Nur 56,7 Prozent der ländlichen Gebiete Deutschlands seien mit 3G abgedeckt. Im Falle einer Abschaltung bleibt den Vertragsnutzern ohne LTE nur das langsame 2G-Netz (GPRS oder Edge).Dieses wird auch weiterhin bestehen bleiben, für SMS-Versand und Sprachanrufe. Das Abschalten vom 3G-Netz kündigten die Anbieter Telekom (bis 2020) und Vodafone (bis 2021) schon an. Trotz kontinuierlichem Ausbau (im Vergleich zu 2017 besteht über 80 Prozent Zuwachs) des Netzes könnten sich somit Konditionen für Nutzer verschlechtern.

Als erster Anbieter für das 5G-Netz steht Telekom an der Spitze. Dafür habe der Anbieter sogar schon Tarife durchgegeben, berichtet der Spiegel in einem weiteren Artikel. Neben den anscheinend bereits hohen Kosten für die Verträge gebe es allerdings nur eine geringe Anzahl von Smartphones, die 5G-fähig seien. Der Nutzer müsste in einer Beispielrechnung neben den mindestens 75 Euro /Monat zusätzlich 900 Euro für das Endgerät selbst ausgeben. Außerdem sind bis jetzt nur wenige 5G-Antennen in Deutschland zu finden. Der Ausbau soll zuerst in Berlin und Bonn stattfinden, anschließend dann in Darmstadt, Leipzig, München und Hamburg. Es werde allerdings noch mehrere Jahre dauern, bis Deutschland flächendeckend und vollständig mit 5G-Netz versorgt sei.

lm

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Der tägliche Kampf auf den Straßen

Der tägliche Kampf auf den Straßen

23-12-17 08:47:00,

Radsaison

(Bild: Foto: Dennis Skley / CC BY-ND 2.0 )

Subjektive Betrachtungen eines Berliner Fahrradfahrers

Auf den Straßen der großen Städte, ob hierzulande, in den beiden Amerikas, in Asien oder in Afrika, herrscht zweifellos Wild West. Keine Frage. Dass aber Wissenschaftler, die dies näher untersuchen, daraus den Schluss ziehen, vor allem den Fahrradfahrern müssten die Verkehrsregeln nahe gebracht werden, verwundert dann doch ein wenig.

Oder vielleicht nicht so sehr, wenn man die Sozialisierung der Forscher bedenkt. Immerhin kommen sie aus einem Land, in dem einst öffentliche Verkehrsbetriebe von Autokonzernen aufgekauft und ruiniert wurden, einem Land, in dem es derart vom Auto dominierte Großstädte gibt, dass diese kaum Fußwege und Fußgängerampeln kennen wie etwa die Ölmetropole Houston.

Sicher, in Berlin, der Fahrradmetropole wider Willen, gibt es jede Menge Fahrradfahrer, deren Kenntnis der Straßenverkehrsordnung eher rudimentär ist und die reichlich nerven können, wenn sie über die Fußwege sausen. Für Fußgänger kann dies mitunter gefährlich, auf jeden Fall aber insbesondere für ältere, meist schreckhaftere Menschen sehr unangenehm sein.

Berlin ist, das macht es sehr sympathisch und liebenswert, die vermutlich anarchischste Stadt Deutschlands. Fast ein bisschen so wie Athen, Guangzhou oder Istanbul. So sehr, dass Touristen hierher kommen und meinen, die üblichen Regeln des Zusammenlebens seien außer Kraft gesetzt. Letzteres trägt einiges zur Hassliebe der Alt- wie Neuberliner zu ihrer wichtigsten Einnahmequelle bei.

Aber in Berlin kann man auch beobachten, wie fließend die Grenzen zwischen anarchischer Missachtung von Obrigkeit und Regeln auf der einen und Rücksichtslosigkeit auf der anderen Seite sind. In einer Welt, in der der ökonomische Kampf eines Jeden gegen Jeden zum obersten Credo geworden ist und gleichzeitig auch noch die letzte Lebensäußerung der Kommerzialisierung unterworfen werden soll – der hiesige Senat bereitet zum Beispiel gerade die Privatisierung von Schulen vor –, ist dieser fließende Übergang nicht weiter überraschend.

PS-Stärke und Gewicht des Fahrzeugs scheinen eine eingebaute Vorfahrt mit sich zu bringen

Auf den Straßen heißt dies dann, dass ein Fahrradfahrer schon eine gehörige Portion Mut aufbringen muss, sein Recht auf Benutzung der Fahrbahn wahrzunehmen. Das Konzept des Sicherheitsabstands ist dem Berliner Autofahrer nämlich vollkommen fremd und auch vom Blinken und Ähnlichem haben offenbar nicht alle in der Fahrschule gehört.

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