Der Grenzgänger

07-05-19 09:11:00,

Darin steckt unter anderem eine Rolle als Diplomat, als Mittler zwischen Nationen — auch jenen, die nach dem offiziellen Narrativ keine direkten Beziehungen miteinander pflegen dürfen. Vater und Sohn Todenhöfer waren in einer Vielzahl von Situationen ganz nah am Elend des Krieges und dort weit weg von Politik und Diplomatie, die zwar auf ihre Art auch schmutzig sind, aber in gepflegten Räumen und sorgfältig gewählter — wenn auch verlogener — Sprache stattfindet. Doch Jürgen Todenhöfer hat ungeachtet dessen auch immer die Kontakte mit hochrangigen Politikern als wichtig empfunden und aufrechterhalten — was im weiteren Text noch gewürdigt wird.

Seine Jahrzehnte gepflegte Nähe zu politischen Eliten öffnete ihm Türen, die anderen verschlossen bleiben. Solche Vernetzungen können puren Lobbyismus bedienen, müssen es aber nicht. Jürgen Todenhöfer scheint ganz offenbar ein Mensch zu sein, der Vertrauen genießt, da er sehr bewusst anderen Menschen Vertrauen entgegenbringt, quasi in eine Vorleistung geht. Er bringt Vertrauen entgegen und missbraucht entgegen gebrachtes nicht. So erinnert er mich diesbezüglich an den vor wenigen Jahren verstorbenen Peter Scholl-Latour.

Das — gepaart mit seinen finanziellen Möglichkeiten — erlaubt Jürgen Todenhöfer, sich als Wanderer zwischen den Welten zu bewegen und das ist nicht nur im geografischen Sinne gemeint. Denn seine Reisen schließen auch eine Bewegung über die gesamte Vertikale der Machthierarchie unserer Gesellschaft, von den Ärmsten, Mittellosesten und Rechtlosesten bis hin zu den Spitzen der Politik ein. Seine in eine Reihe von Büchern gefassten Einblicke strahlen die Glaubwürdigkeit des direkt Erlebten aus und dies gilt auch für sein neuestes Werk „Die große Heuchelei“ (1).

Todenhöfer gibt uns in diesem Buch — manchmal fast beiläufig — die Puzzleteile in die Hand, die es benötigt, um Konflikte zu verstehen. Er setzt das Puzzle nicht zusammen. Er hat nicht vor, uns das Denken abzunehmen. Vielleicht kann er es auch gar nicht. Seine Analysen und Wertungen beschränken sich fast immer auf den ethischen Anspruch — seinen und den des von den westlichen Gesellschaften propagierten. Beispiele finden wir zuhauf — zum Beispiel in seinem Vor-Ort-Bericht aus Mossul:

„Schon Anfang 2003, kurz vor der US-Invasion, hatte ich sie (die Stadt Mossul) besucht und bewundert. Stundenlang war ich durch ihre Gassen geschlendert. Sunniten, Schiiten, Jesiden und Christen lebten hier harmonisch zusammen. Genauso wie Araber und Kurden“ (2).

Merken wir auf, was uns Todenhöfer hier aus erster Hand vermittelt:

Das allgemeine Narrativ hierzulande berichtet über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten immerfort in einer Weise,

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