Habecks Twitter-Rückzug – ein erster Schritt auf einem langen Marsch

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08-01-19 10:41:00,

Grünen-Chef Robert Habeck kündigt seinen Rückzug von Twitter an und begründet dies mit dem negativen Einfluss, den das Medium unterbewusst auf ihn ausübe – es mache ihn aggressiv, laut, polemisch und zugespitzt. Und genauso kommentierten dann auch viele Journalisten und Politiker den Fall #Habeck auf Twitter – aggressiv, laut, polemisch und zugespitzt. Quod erat demonstrandum. Würde man Habecks selbstkritische Analyse fortsetzten, wäre der Rückzug aus der belanglosen Zwitscherei jedoch nur der erste Schritt eines langen Marsches in Richtung Entschleunigung und zur Rückbesinnung auf echte inhaltliche Debatten. Daran dürfte die große Filterblase des „Hauptstadtjournalismus“ samt assoziierter Politiker jedoch kein gesteigertes Interesse haben. Von Jens Berger.

Shit happens. Ein kickender Fußballmillionär lichtet sich mit vergoldetem Steak für 1.200 Euro ab, stellt das Bild auf Instagram und pöbelt dann gegen seine Follower, die seine Leidenschaft für Dekadenz nicht teilen. #Fail.

Eine Landespolitikerin der Grünen fliegt – CO2-Bilanz hin oder her – über den Jahreswechsel ins warme Kalifornien und lässt ihre daheimgebliebenen Follower via Facebook an ihrer #SonneStattBöller-Aktion teilhaben. Die äußerten sich jedoch zunehmend kritisch, worauf die Politikerin die Kommentierung kurzerhand abschaltet. #Fail.

Und dann noch Robert Habeck, der sich in einem via Twitter verbreiteten Wahlkampfvideo für die Thüringer Parteifreunde es doch tatsächlich in Sachen Polemik angeblich übertrieb, was jedem halbwegs talentierten Korinthenkacker die Möglichkeit gab, seinerseits Habecks missverständliche Äußerung missverständlich und polemisch zuzuspitzen. #Fail? Nein, während Franck Ribery und Katharina Schulze tatsächlich gelungene Beispiele dafür sind, wie man nicht mit den „sozialen“ Netzwerken umgehen sollte, ist der Fall Habeck trauriger Alltag im Neuland der „sozialen“ Netzwerken.

Früher erlaubte der Kurznachrichtendienst Twitter seinen Nutzern Tweets mit maximal 140 Zeichen Länge abzusetzen – heute sind es 280 Zeichen. Überflüssig zu erwähnen, dass in einem solchen Format keine ausführliche Analyse, kein hintergründiger Dialog und auch kein gepflegter Austausch von Gedanken erfolgen kann. Twitter ist schon vom Format her ein Medium, das zur Zuspitzung zwingt. Folgerichtig waren und sind es auch die „Sprücheklopfer“, die auf Twitter reüssieren und sich mit Gleichgesinnten einen schlagfertigen und oft durchaus unterhaltsamen Austausch liefern. Das ist ja alles auch ganz nett. Man sollte nur nicht der Illusion verfallen, dies hätte etwas mit der Realität „da draußen“ zu tun.

Selbst die politischen und journalistischen Zwitscherkönige kommunizieren via Twitter vor allem mit ihrer Echokammer.

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