Von oben herab

von-oben-herab

13-04-19 04:06:00,

Vom 3. bis zum 8. April fand in Moskau das internationale „Doker“-Filmfestival statt. Der große Saal des Moskauer Oktjabr-Kinos war brechend voll. In dem 90-Minuten-Film „Moskau von oben“ von Regisseur Freddie Röckenhaus sah man Landschaftsaufnahmen aus verschiedenen Regionen des Riesenlandes, aufgenommen mit Drohnen. Gezeigt werden vor allem Winter-Landschaften und immer wieder sah man Bären in freier Wildbahn.

Russland, Winter, Bären — da sind im deutschen Fernsehen hohe Einschaltquoten garantiert. Im Schnitt 4,98 Millionen Menschen sahen eine der Folgen der fünfteiligen Serie „Russland von oben“, die im Dezember und Januar im ZDF ausgestrahlt wurde. Die Besucher im Moskauer Oktjabr-Kino fanden die Kurzfassung von „Russland von oben“ interessant. Es gab Beifall. Aber einen Begeisterungssturm gab es nicht.

Ich fand den 90-Minuten-Film mit aneinandergereihten Landschaftsaufnahmen langweilig. Dem Film fehlte meiner Meinung nach Dynamik.

Außerdem frage ich mich, ob es angesichts der zunehmenden Entfremdung zwischen Russland und Deutschland nicht wichtiger wäre, das reale Leben der Menschen in Russland zu zeigen und endlich einmal mit Russen zu sprechen.

Zeigt ein Film wie „Russland von oben“ nicht in erschreckender Weise, wie das Fernsehen in Deutschland seine Aufgabe, Menschen aufzuklären und Brücken nach Russland zu bauen, vernachlässigt?

In Westdeutschland setzten in dieser Hinsicht Fernseh-Korrespondenten wie Gerd Ruge, Klaus Bednarz und Gabriele Krone-Schmalz Maßstäbe. Sie ließen die einfachen Menschen in der Tiefe des Landes zu Wort kommen und zeigten ihr Lebensumfeld.

Doch diese Art Russland-Berichterstattung wollen die Chefredakteure in Deutschland nicht mehr. Sie wollen Russland nicht in weichen, sondern harten Tönen zeigen. Wenn ein Russe oder eine Russin mal vor einer deutschen Fernsehkamera sprechen darf, dann nur, um einen Missstand anzuprangern oder Putin zu kritisieren. Die große Masse der Russen, die abseits der Politik lebt, kommt im deutschen Fernsehen nicht vor.

Bevor der Film „Moskau von oben“ gezeigt wurde, hielt der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, auf Englisch eine Rede, in welcher er den Dialog verschiedener Kulturen pries. Die Rede wurde ins Russische übersetzt. Das Lob des Botschafters auf die Völkerverständigung empfand ich — angesichts täglicher Russland-Hetze im deutschen Mainstream — als heuchlerisch. Aber das Publikum blieb ruhig. Es gab höflichen Applaus.

Das Festival „Doker“, welches bereits das fünfte Mal stattfand, wurde von Botschaften und Kultureinrichtungen westlicher Staaten unterstützt und lief gleichzeitig in fünf russischen Großstädten.

 » Lees verder