Heute vor 30 Jahren haben BILD und CDU beschlossen, aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk“ zu machen. Mit massiver Propaganda.

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12-11-19 02:47:00,

Davon ist in den Feiern zum Mauerfall nahezu nichts berichtet worden. Davon steht auch nichts in den Geschichtsbüchern. Propaganda ist, obwohl sie wie im konkreten Fall die Welt verändert hat, nicht Gegenstand der Geschichtsschreibung, nicht einmal Gegenstand der offiziellen politischen Wissenschaft. In unseren Publikationen finden Sie die notwendige aufklärende Ergänzung. Im Kapitel IV 1. meines neuen Buches habe ich beschrieben, wie nach dem Mauerfall von der Bild-Zeitung zusammen mit CDU und CSU die Willensäußerungen der Menschen in der DDR mittels massiver Agitation umgepolt worden sind. Unten finden Sie den Text. Albrecht Müller.

Vorweg noch folgender Hinweis: Auch die Anstalt des ZDF hat am 5. November von diesem Manipulationsvorgang und einiges mehr berichtet. Falls Sie die Sendung nicht gesehen haben, es lohnt sich sehr.

Sie werden nach Lektüre des unten folgenden Textes und nach dem Genuss der letzten Sendung der Anstalt unschwer erkennen, wie geistesverwandt die Macher der Anstalt und die Autoren der NachDenkSeiten sind. Wie viele unserer Leserinnen und Leser sind wir ausgesprochen froh, dass es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wenigstens diese Sendung gibt.

Auszug aus „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“, erschienen am 1. Oktober 2019, seitdem auf der Spiegel-Bestsellerliste, zur Zeit auf Platz 3:

1. Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.

Als die Berliner Mauer am 9. November 1989 fiel, war auch unter jenen, die dafür in den verschiedenen Bürgerbewegungen der DDR gekämpft hatten, nicht klar, ob das Ergebnis zur deutschen Einheit führen solle oder nur zu mehr Demokratie und Selbstbestimmung in der DDR. »Wir sind das Volk« war die damals wohl mehrheitlich verinnerlichte Parole. Aber dann wurden – und dies sehr schnell – drei Buchstaben ausgetauscht. Dieser folgenreiche Austausch war weniger zufällig, als viele heute noch denken. Der Ruf nach der deutschen Einheit, die Veränderung der Parole von »Wir sind das Volk« zu »Wir sind ein Volk« war auch das Ergebnis einer bewussten und systematischen Kampagnenplanung, geplant und umgesetzt jedenfalls von der Bild-Zeitung und der CDU-Geschäftsstelle unmittelbar nach dem Mauerfall im November 1989.

»Wir sind ein Volk« wurde in Zeitungsartikeln, auf Flugblättern und Plakaten massenhaft unters Volk gebracht und hatte eine nachhaltige Wirkung. Auch die Volkskammerwahl vom 18. März 1990 wurde damit beeinflusst, die verschiedenen Kommunalwahlen in der DDR ebenfalls.

Deutschlandfunk Kultur hat den Vorgang am 29.

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Heute vor 50 Jahren wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt – eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte

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21-10-19 09:32:00,

Für viele Menschen hatte diese Zäsur eine große Bedeutung: Verständigung mit dem Osten, innere Reformen, Reform eines verkrusteten Rechtes, Integration der aufmüpfigen Jugend (68er) in die politische Arbeit, in der Folge Anstieg des politischen Interesses und der Mitarbeit in Parteien, deutliche Verbesserung des Rufes unseres Landes … Albrecht Müller.

Basis der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler war die Bundestagswahl vom 28. September 1969. Siehe hier.

Quelle: Tagesschau

Willy Brandt hatte in der Nacht nach der Bundestagswahl mit dem FDP-Vorsitzenden zusammen die neue Koalition und den Kanzlerwechsel nach 20 Jahren CDU/CSU-Herrschaft vereinbart.

Brandt war nur viereinhalb Jahre im Amt – vom 21. Oktober 1969 bis 7. Mai 1974. Das ist eine sehr kurze Zeit, vor allem gemessen an Konrad Adenauers Amtszeit von 14 Jahren, Helmut Kohl mit 16 Jahren, Angela Merkel mit 14 Jahren; selbst Gerhard Schröder war mit sieben Jahren länger im Amt als Willy Brandt. Der Leistungsvergleich sei den Leserinnen und Lesern überlassen.

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Gestern vor 50 Jahren, bei der Bundestagswahl vom 28. September 1969, gab es den ersten richtigen Kanzler- und Politikwechsel. Von CDU/CSU zur SPD.

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29-09-19 09:31:00,

Die SPD erreichte 42,7 % der Stimmen. Zusammen mit der FDP (5,8 %) reichte es zu einer knappen Mehrheit und zum Kanzlerwechsel, der dann am 21. Oktober 1969 vollzogen wurde. Das Jubiläum wurde von der SPD, obwohl dieser Tag für unser Land wie auch für die SPD von großer Bedeutung war, nicht gefeiert, nicht einmal erwähnt. Siehe unten. Auch von den meisten Medien nicht. Deshalb folgen hier ein paar kurze, stichwortartige Anmerkungen zur politischen Bedeutung dieser Zäsur und zu den Gründen des damaligen Wahlsiegs. Ich war in den damaligen Bundestagswahlkampf persönlich involviert. Deshalb am Ende des Abschnitts über die Ursachen des Wahlsiegs auch ein paar persönliche Anmerkungen. Albrecht Müller

Zur Bedeutung des Kanzlerwechsels von Kurt Georg Kiesinger (CDU) zu Willy Brandt (SPD)

  1. Der Kanzlerwechsel hat es möglich gemacht, die 1963 in Tutzing von Willy Brandt und Egon Bahr beschriebene neue Ostpolitik wirksam umzusetzen. Auf den Wahlsieg folgten Verträge mit der Sowjetunion, mit Polen, mit der Tschechoslowakei und am Ende auch noch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Mit dem Wahlergebnis von 1969 war auch der Weg bis hin zum Fall der Mauer im Jahr 1989 eingeleitet. Willy Brandt hatte die neue Politik in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 so angekündigt: Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein – im Innern und nach außen.

  2. Im Innern unseres Landes wurden eine Fülle von Reformen eingeleitet und umgesetzt. Das betraf die Reform des Rechts, die Gustav Heinemann und Horst Ehmke schon in der großen Koalition eingeleitet hatten. Es betraf eine Fülle von Reformen in der Sozial- und Gesellschaftspolitik – von der Dynamisierung der Kriegsopferrenten über die Öffnung der Rentenversicherung für Hausfrauen und Selbstständige bis zur flexiblen Altersgrenze. Die inneren Reformen betrafen auch andere Bereiche. Wichtig war zum Beispiel das Städtebauförderungsgesetz. Die Regierung Brandt begann mit der Umweltpolitik. Das ist heute vergessen, obwohl es für die damalige Zeit tief greifende Veränderungen waren.
  3. „Mehr Demokratie wagen“ war ein andere Versprechen der Regierung Brandt. Das zeigte sich faktisch in vielen programmatischen Diskussionen, die auf die Wahl von 1969 folgten. Es zeigte sich auch im Willen Willy Brandts, trotz eines heftigen Konflikts Kollegen in der SPD-Führung wie zum Beispiel Helmut Schmidt und Georg Leber, auf die 1968 rebellierende Jugend zuzugehen und sie zur politischen Mitwirkung einzuladen.

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Vor 100 Jahren, am 28. Juni, wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet. Darüber, über die Folgen und die Schuld am 1. Weltkrieg wird wieder heftig diskutiert.

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27-06-19 04:33:00,

Persönlich halte ich nicht allzu viel davon, sich 100 Jahre später über die Kriegsschuldfrage die Köpfe heiß zu reden. Was ist die Konsequenz, wenn wir heute feststellen, dass anders als in Versailles vereinbart die Deutschen nicht oder nicht allein die Schuldigen am Ersten Weltkrieg sind? Hilft uns das irgendetwas bei der Bewältigung der heutigen Konflikte? Lernen wir daraus für den Umgang mit Russland? Und mit den USA? Und mit Großbritannien? Wie auch immer – im Folgenden finden Sie ein paar Links auf Teile der Debatte von heute und von früher. Und dann auch noch eine kleine Nachbetrachtung anlässlich eines Besuches auf dem Friedhof und Soldatenfriedhof der kleinen französischen Stadt Tréguier in der Bretagne und in Oradour. Albrecht Müller.

Die folgenden Hinweise und Links sind eine sehr begrenzte Auswahl – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Diskussion wurde in den letzten Wochen immer wieder von Willy Wimmer, Wolfgang Bittner und Freunden angestoßen.

Willy Wimmer hat zusammen mit Alexander Sosnowski dazu ein Interview-Buch veröffentlicht: Alexander Sosnowski/Willy Wimmer, Und immer wieder Versailles – Ein Jahrhundert im Brennglas.

Wolfgang Bittner hat dieses Buch besprochen:

Willy Wimmer interviewt von Alexander Sosnowski

Eine Buchbesprechung von Wolfgang Bittner.

kenfm.de – Versailles – Ursache und Folgen/

Versailles – das ist heute unter Historikern nahezu einhellige Meinung – war schicksalhaft für Deutschland. Mit dem demütigenden und ruinösen Vertrag von Versailles, der Hitler zur Macht verhalf, begann der Untergang des Deutschen Reiches. Die Militärführung hatte, vertrauend auf den 14-Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten Wilson, der einen „gerechten Frieden“ versprach, nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 sämtliche Waffen an die Alliierten abgegeben und sich damit auf Gedeih und Verderb in die Hände der Siegermächte begeben. Der französische Marschall Ferdinand Foch triumphierte, jetzt sei Deutschland den Siegern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Erpressung und Drohungen, in Deutschland einzumarschieren hatten zur Folge, dass den Vertretern des Deutschen Reichs nichts anderes übrig blieb, als am 28. Juni 1919 den Versailler Vertrag mit seinen übermäßig harten Bedingungen (unter Protest) zu unterschreiben und damit die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu bestätigen.

Der Publizist Alexander Sosnowski und der Sicherheitsexperte und Staatssekretär a. D. Willy Wimmer haben jetzt einen Interview-Band mit dem Titel „Und immer wieder Versailles“ veröffentlicht,

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Vor 50 Jahren wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. Ein Glücksfall.

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05-03-19 11:15:00,

Wo ist der nächste Glücksfall? Es müsste eine unabhängige Findungskommission oder sogar mehrere geben, die systematisch nach politischen Talenten suchen, also nach anständigen, qualifizierten, unabhängigen Frauen und Männern. Das fällt mir als erstes ein, wenn ich daran denke, dass vor 50 Jahren dieser großartige Typ aus Essen zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Er war in vieler Hinsicht ein Glücksfall: ein fundierter Förderer der Entspannungs- und Friedenspolitik, er hat als Justizminister ab 1966 begonnen, das verkrustete Recht aufzubrechen, ein wirklicher Reformer, er war als Person und Bundespräsident eine Brücke zur kritischen Jugend, und ein wirklicher Demokrat, endlich einer, der den Staat nicht vergötzte. Albrecht Müller

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Wenn es nach dem frühen Gustav Heinemann gegangen wäre, dann hätten wir schon vor fast 70 Jahren unseren Frieden mit Russland gemacht und den Menschen im geteilten Deutschland viel Elend erspart

Ich beginne mit einigen persönlichen Erfahrungen: Als ich 1968 Redenschreiber des damaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller geworden war, begegnete ich bei Treffen der SPD-Spitze und am Rande des Bundeskabinetts auch Gustav Heinemann. Das war immer beeindruckend und erholsam. Ich kannte ihn schon von früher. Von 1950 an, als ich zwölf Jahre alt war. Damals gab es in meinem Heimatdorf eine mehrheitlich gegen den Krieg und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik eingestellte Jugendgruppe. Heinemann war – sozusagen – unser Wortführer. Er war zwar CDU-Mitglied und Innenminister im Kabinett Adenauer. Aber er rebellierte gegen die Pläne Adenauers und der Alliierten zur Westintegration und Wiederbewaffnung West-Deutschlands. Und Heinemann warb damals schon dafür, die Angebote der Sowjetunion ernsthaft zu prüfen. Damals und auch noch einige Zeit später war angeboten worden, Deutschland könne wiedervereinigt werden, wenn es nicht Teil des westlichen Militärbündnisses sein würde.

In meiner Jugendgruppe fanden wir diese Idee mehrheitlich gut und den Mut Heinemanns beeindruckend, und wir haben darüber auch mit Lehrern und anderen Erwachsenen gestritten. Wir hatten als Kinder den Krieg noch erlebt, wir hatten am Nachthimmel den Feuerschein brennender Städte in unserer Nachbarschaft gesehen und selbst in unserem Dorf Angriffe von Jagdbombern erlebt. Vor allem aber waren unter uns mehrere Mädchen und Jungs, deren Vater im Krieg gefallen war. Sie hatten persönlich erlebt, was Krieg bedeutet. Auch deshalb fanden wir diesen Menschen und Politiker,

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In nur drei Jahren: Diese Verluste erleidet Venezuela durch US-Sanktionen

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18-02-19 08:55:00,

Wirtschaft

21:33 18.02.2019(aktualisiert 21:39 18.02.2019) Zum Kurzlink

Venezuelas Vize-Präsident Ricardo Menéndez hat die Verluste des Landes infolge der Wirtschafts- und Finanzsanktionen der USA in den vergangenen drei Jahren eingeschätzt. Das teilte die Agentur AVN am Montag mit.

Demnach handelt es sich um knapp 38 Milliarden US-Dollar (zirka 33,6 Milliarden Euro). 23 Milliarden US-Dollar davon entfielen auf die Verluste für das Bruttoinlandprodukt (BIP). Weitere 15 Milliarden US-Dollar Verluste brachte Menéndez mit den Tätigkeiten von Gitgo, dem Tochterunternehmen des staatlichen venezolanischen Erdölkonzerns PdVSA in den USA, in Zusammenhang.

©
AP Photo / Jacquelyn Martin

Mit Rücksicht auf einen Öl-Streik im Jahr 2002 schätzte der Vize-Präsident die Verluste auf insgesamt 58 Milliarden US-Dollar. Es geht hierbei um den Streik der Ölindustrie von Dezember 2002 bis Februar 2003 gegen die Regierung des damaligen Präsidenten Hugo Chavez.

Die Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) ist die größte Erdölgesellschaft Lateinamerikas und Venezuelas größter Exporteur.

Am 23. Januar 2019 hatte sich der Präsident der Nationalversammlung von Venezuela (Asamblea Nacional), Juan Guaidó, während Protesten zum Übergangspräsidenten des Landes erklärt.

©
REUTERS / Carlos Garcia Rawlins

Die USA sowie mehrere Länder Lateinamerikas und weltweit auch andere, darunter das EU-Parlament, hatten Guaidó umgehend als Interimsstaatschef anerkannt. Russland, China, die Türkei und weitere Staaten bekundeten dagegen Solidarität mit Maduro, der seinen Rücktritt ablehnte und von einem von den USA inszenierten Putsch-Versuch sprach.

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In 20 Jahren die Außen- und Sicherheitspolitik von den Beinen auf den Kopf gestellt

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08-02-19 01:49:00,

Wir sind mit Riesenschritten auf dem Weg zurück in den Kalten Krieg und möglicherweise zum nächsten großen Krieg. Jedenfalls ist das Tempo der Veränderung unserer außen- und sicherheitspolitischen Situation in Europa atemberaubend. Die Risiken sind hoch und werden täglich vermehrt. Vor 30 Jahren, 1989, fiel nach mindestens 25 Jahren langer Vorarbeit die Mauer. Die politisch bestimmenden Kräfte und auch die große Mehrheit unseres Volkes waren sich damals darin einig, dass es jetzt in Europa keine Mauer mehr geben soll, keine harte Grenze, keinen kalten Krieg mehr, heißen Krieg sowieso nicht. Stattdessen Zusammenarbeit. Albrecht Müller.

Gemeinsame Sicherheit statt Abschreckung, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Investitionen hier und dort, im eigenen Land und auch jenseits der früheren Grenze des sogenannten Eisernen Vorhangs. Partnerschaften, Schulpartnerschaften und Städtepartnerschaften nicht nur mit Frankreich und Großbritannien, sondern auch mit Polen, Ungarn und Rumänien, den baltischen Staaten und mit Russland. Russland gehörte selbstverständlich zu Europa, fortschrittliche Parteien, wie damals noch die SPD, sahen ein Ende beider Blöcke, des Warschauer Paktes und der NATO. So im Berliner SPD-Grundsatzprogramm vom 20. Dezember 1989 beschrieben und beschlossen.

Eine der Grundlagen dieser positiven Entwicklung war übrigens die damals gut 25 Jahre alte Erkenntnis, dass man Zusammenarbeit und Frieden nur erreicht, wenn man Vertrauen beim vermeintlichen Gegner aufbaut. Und eben nicht Misstrauen sät.

Das ist verflogen. Heute wird Misstrauen gesät und massiv gegeneinander gerüstet. Die Zusammenarbeit wird aufgekündigt. Das Gegenteil wird zur Norm. Unternommene Investitionen werden entwertet. Die neue Parole heißt “Sanktionen”. Sanktionen sind das Gegenteil von wirtschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit. Schaden statt nutzen! Das ist der neue Geist.

In 15 Punkten fasse ich zusammen, was geschehen ist und weiter geschieht:

  1. Von Gemeinsamer Sicherheit zu neuer Konfrontation
  2. Von Abrüstung zur Aufrüstung
  3. Von Partnerschaft zur Abschreckung
  4. Von friedlichem Miteinander zur Politik der Stärke
  5. Vom Ende des kalten Krieges zur eifrigen Wiederbelebung
  6. Von der NATO-Auflösung zur NATO-Ausdehnung
  7. Von eigenständiger, souveräner deutscher Politik zu kolonialer Gefügigkeit und zum Vasallentum
  8. Vom Versöhnen und Verständigen zur harten feindseligen Agitation und damit zum neuen Feindbildaufbau
  9. Von der Freundschaft mit Russland zur Feindseligkeit und zur Wiederbelebung des alten Russenhasses – eine besondere Spielart des Rassismus
  10. Von “vertrauensbildenden Maßnahmen” zu Misstrauen fördernden Maßnahmen und Äußerungen
  11. Von Städte- und Schulpartnerschaften zum Reiseverbot,

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Wie man in 69 Jahren einen Überwachungsstaat aufbaut

Wie man in 69 Jahren einen Überwachungsstaat aufbaut

24-09-18 08:58:00,

Seit 1949 erließen Regierungskoalitionen mindestens 70 Gesetze, die Überwachung auf verschiedenste Weise ermöglichen. Reisedaten werden aufgezeichnet, Kommunikation wird abgehört, Identitäten festgestellt und in verschiedene Datenbanken abgespeichert. Die „Chronik des Überwachungsstaates“, die wir vor einem Jahr veröffentlichten, soll diese Entwicklung dokumentieren.


Netzpolitik.org ist unabhängig, werbefrei und fast vollständig durch unsere Leserinnen und Leser finanziert.

Lennart schrieb diesen Artikel begleitend zu der Vorbereitung zu seinem Vortrag auf der „Das ist Netzpolitik“-Konferenz. Am 23. September hat er einen etwas längeren Vortrag zu dem gleichen Thema bei den Datenspuren in Dresden gehalten. Die Slides sind hier abrufbar. Am Ende des Artikels befinden sich Verlinkungen zu den Datensätzen.

Die Chronik listet alle Überwachungsgesetze auf. Nun folgt eine Analyse eben dieser Gesetze. Dabei geht es nicht um die Effektivität der Gesetze, wie sie Peter Schaar eindrücklich untersuchte. Viel mehr soll diese Analyse herausfinden, welche Parteien Überwachungsgesetze erlassen, mit welchen Mustern sie dies tun und inwiefern der derzeitige Status Quo bedeutet, dass wir in einem Überwachungsstaat leben.

Eins vorweg: Die Gesetze aus der Chronik sind eine rechtsstaatliche Entwicklung. Es bedarf keiner Verschwörungstheorie, um all das zu erklären. Letztendlich lässt es sich auf jahrzehntelanges Regieren durch reaktionäre bis konservative Regierungen herunterbrechen. Genau so wenig sind diese Regierungen durch übermächtige Wesen gelenkt, sondern aus Menschen bestehend, die nach dem handeln, wie sie ihr Mandat verstehen. Auch wenn dies Law & Order bedeutet.

Klarer Anstieg der Überwachung

Zuerst schauen wir uns an, in welchen Wahlperioden die meisten Gesetze erlassen wurden. So beschloss in der ersten Wahlperiode die Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP Gesetze, die die Arbeit von Bundesverfassungsschutz und Polizei reglementierten. Es folgte ein Gesetz, das den Personalausweis einführte. Dann folgten 40 Jahre lang wenig Gesetze. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass dem Föderalismus entsprechend die Bundesländern für die Sicherheit zuständig sind. Dort wurden eine Reihe von Polizeigesetzen erlassen, die hier außen vor bleiben.

Mit Ende der 80er Jahr begann eine Verrechtlichung, die dazu führte, dass jedes Instrument und jede Maßnahme in einem eigenen, großen oder mehreren, kleineren Gesetzen festgehalten wurden. Im Jahr 2006 führte Heiner Busch diesen Effekt auf höhere Datenschutzrichtlinien zurück und erläutert ihn für Bürgerrechte &

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Nach 5 Jahren: USA in Syrien wieder am Rande eines Krieges gegen Russland – www.NachDenkSeiten.de

Nach 5 Jahren: USA in Syrien wieder am Rande eines Krieges gegen Russland – www.NachDenkSeiten.de

17-09-18 07:23:00,

17. September 2018 um 8:55 Uhr | Verantwortlich:

Nach 5 Jahren: USA in Syrien wieder am Rande eines Krieges gegen Russland

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache

Was Syrien betrifft, erlebt man zur Zeit ein Déjà-vu, die USA stehen vor einer Konfrontation mit Russland und Donald Trump vor seiner wichtigsten Entscheidung als Präsident, kommentiert Ray McGovern. Josefa Zimmermann hat den Text für die NachDenkSeiten ins Deutsche übertragen.

Am 11. September 2013 kam die New York Times dem Wunsch des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach, „direkt zum amerikanischen Volk und seinen politischen Führern zu sprechen” über „die jüngsten Ereignisse rund um Syrien”.

Putins Artikel in der Times erschien unter dem Titel: „A plea for Caution from Russia“ [Russland mahnt zur Vorsicht]. Darin warnte er, dass ein „Militärschlag der USA gegen Syrien unschuldige Opfer und eine Eskalation zur Folge haben wird und möglicherweise zu einer Ausdehnung des Konfliktes weit über die Grenzen Syriens hinaus führt … und eine neue Welle des Terrorismus entfesseln könnte. … Er könnte das gesamte internationale System von Recht und Ordnung aus dem Gleichgewicht bringen.”

Am 21. August, drei Wochen vor Putins Artikel, fand in Ghouta, einem Vorort von Damaskus, ein Angriff mit Chemiewaffen statt und der syrische Präsident Bashar al-Assad wurde sofort als der Schuldige identifiziert. Bald jedoch gab es umfangreiche Beweise für einen provozierten Vorfall, um eine direkte US-Militärbeteiligung gegen Assad zu erzwingen, damit die syrischen Regierungstruppen ihre Motivation behalten und die dschihadistischen Rebellen besiegen.

In einem Memorandum an Präsident Barack Obama am 6. September, fünf Tage vor Putins Artikel, hatte die Gruppe Veteran Intelligence Professionals for Sanity (VIPS) den Präsidenten gewarnt, dass es sich bei dem Vorfall in Ghouta vermutlich um eine False Flag handelte.

Trotz seiner Sorge über einen möglichen Angriff der USA war Putins wichtigste Botschaft in diesem Presseartikel positiv und er sprach von wachsendem gegenseitigen Vertrauen:

„In den letzten Tagen hat sich erneut die Möglichkeit eröffnet, militärische Aktionen zu vermeiden. Die Vereinigten Staaten, Russland und alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft müssen die Bereitschaft der syrischen Regierung nutzen, ihr Chemiewaffenarsenal unter internationale Kontrolle zu stellen, um es später zu vernichten. Nach den Äußerungen von Präsident Obama zu urteilen,

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Israel hat seit Jahren syrische “Rebellen” mit Waffen und Geld unterstützt

Israel hat seit Jahren syrische “Rebellen” mit Waffen und Geld unterstützt

14-09-18 10:01:00,

Bild: IDF

Während Israel eine Meldung zurückweist, das Luftabwehrsystem Iron Dome an Saudi-Arabien zu verkaufen, wird neben der geheimen Hilfe auch das humanitäre Programm für Syrer eingestellt

Im Nahen Osten verändern sich schnell Bündnisse und Gegnerschaften, alle versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, indem die der anderen Länder und Mächte ausgespielt werden. Daher verwunderte es nicht, wenn Al-Khaleej Online berichtete, was israelische Medien schnell aufgriffen, dass Israel nun das Luftabwehrsystem Iron Dome an Saidi-Arabien verkaufen will. Huthi-Rebellen schießen seit dem Luftkrieg der saudischen Allianz immer wieder Raketen nach Saudi-Arabien, die bislang mit dem amerikanischen Patriot-System mehr oder weniger gut abgewehrt werden.

Vermutlich aus dem Grund wollte Saudi-Arabien das russische Luftabwehrsystem S-400 mit einer Reichweite von 400 km kaufen, wie 2017 berichtet wurde. Das hat einen guten Ruf, soll gegen viele Ziele einsetzbar sein, wird von Russland als den amerikanischen Luftabwehrsystemen überlegen angepriesen, hat aber den Nachteil, dass es noch nicht im Ernstfall getestet wurde. Russland hat sich bislang wohlweislich auch bei amerikanischen Angriffen auf syrische Ziele zurückgehalten, damit keine geschäftsmindernden Mängel auftreten, schließlich wollen viele Länder wie Indien, die Türkei, Katar oder China für viele Milliarden das System kaufen.

Allerdings übten die USA ebenso wie gegen die Türkei schweren Druck auf Saudi-Arabien aus, das viele Waffen aus den USA kauft und von den USA im brutalen Krieg gegen die Huthis im Jemen unterstützt wird, während Saudi-Arabien mit seiner Golf-Koalition gemeinsame Sache mit den USA und Israel macht, den Iran zu isolieren, zu schwächen und einen Regime Change zu erzwingen. Es kam so weit, dass Saudi-Arabien aus der bisherigen Politik ausscherte und der Kronprinz Mohhamed bin Salman im April erstmals, wenn auch sehr vorsichtig, im April 2018 anerkannte, dass Israelis ebenso wie Palästinenser das Recht auf eigenes Land hätten. Die Anerkennung des Existenzrechts von Israel würde allerdings anders aussehen.

Seit letztem Jahr gibt es Iron Dome auch auf Kriegsschiffen. Bild: IDF

Im Juni hat Saudi-Arabien, das auch wegen der vielen toten Zivilisten, darunter vielen Kindern, ins Visier kam, dem Druck aus den USA, die sich dafür weiter hinter die Monarchie stellten, offenbar nachgegeben und die Kaufverhandlungen mit Russland beendet. Gut möglich, dass Washington versuchte, als Kompensation das im Einsatz bewährte,

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Fünf Autobosse – 110 Jahren Autogeschichte – www.NachDenkSeiten.de

Fünf Autobosse – 110 Jahren Autogeschichte – www.NachDenkSeiten.de

30-07-18 02:46:00,

30. Juli 2018 um 13:05 Uhr | Verantwortlich:

Fünf Autobosse – 110 Jahre Autogeschichte

Veröffentlicht in: Ökonomie, Verkehrspolitik

Mit Sergio Marchionne starb eine markante Figur der internationalen Autoindustrie, derjenigen Branche, die in den großen führenden Industrieländern USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich, Südkorea und Italien Leitbranche ist, die den Weltkapitalismus formt und die zugleich seit 1974 auch den Zyklus der Weltkonjunktur maßgeblich bestimmt. Die Medien brachten anlässlich des Tods von Marchionne freundliche und teilweise geradezu liebevolle Porträts des „Mannes mit Pullover“. Das soll meine Sache nicht sein, auch wenn ich zu der Auffassung neige, dass Marchionne im Vergleich zu dem in Schrauben verliebten Martin Winterkorn (Ex-VW-Boss) und den Brutalo-Sanierern Carlos Tavares (Peugeot-Citroen-Opel) und Carlos Ghosn (Renault-Nissan-Mitsubishi) wie eine nonkonformistische, sympathische Lichtgestalt erschien. Von Winfried Wolf.

Soll man Autobosse charakterisieren? Man soll dies tun. Gerade auch als Demokrat, als Ökonom und als leidenschaftlicher Verkehrswissenschaftler. Auch wenn es dabei nicht so sehr um Porträts der Individuen geht, sondern um solche, in denen die Bedeutung der jeweiligen Autobosse für die Leitbranche Autoindustrie und für das wichtigste Kultprodukt des modernen Kapitalismus, das Auto, herausgearbeitet wird.

Greifen wir uns fünf Autobosse heraus, die für exakt 110 Jahre Weltbranche Auto stehen.

Henry Ford (1863-1947)

Henry Ford ist ohne Zweifel der Begründer der Massenproduktion von Autos. Der erste in großer Stückzahl gefertigte Pkw war das „Model T“. Es wurde erstmals vor 110 Jahren, 1908, präsentiert. Die Fließbandproduktion, die es bei Ford ab 1913 gab, war allerdings bereits wesentlich früher und in einem anderen Sektor des Weltkapitalismus eingeführt worden: in den Schlachthöfen von Chicago. Als Ford mit der Massenproduktion von Autos startete, hatten dort, wie von Upton Sinclair in dem bereits 1905 erschienenen, ausgezeichneten Werk „The Jungle“ („Der Dschungel“) beschrieben, bereits „eine Viertelmilliarde Tiere“ das „Schlachten per Fließband“ durchlaufen. Henry Ford übernahm die Technik. In Chicago wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Tiere zur Fabrik herangekarrt anstatt das Töten zu den Tieren zu befördern. Just Vergleichbares beschreibt Ford: „Der erste Fortschritt [der Fließband-Einführung; W.W.] bestand darin, dass wir die Arbeit zu den Arbeitern heranschafften statt umgekehrt. Heute befolgen wir zwei […] Prinzipien […] einen Arbeiter […] niemals mehr als nur einen Schritt tun zu lassen und nirgends zu dulden, dass er sich bei der Arbeit nach den Seiten oder vornüber zu bücken braucht […] Das Nettoresultat […] ist eine Verminderung der Ansprüche an die Denktätigkeit der Arbeitenden…“ (H.

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Erstmals seit 57 Jahren: Schweden verteilt Broschüre für Kriegs- und Krisenfall

Erstmals seit 57 Jahren: Schweden verteilt Broschüre für Kriegs- und Krisenfall

22-05-18 10:13:00,

Erstmals seit 57 Jahren: Schweden verteilt Broschüre für Kriegs- und Krisenfall

Kartoffeln, Milchpulver und mindestens drei Liter Wasser pro Person und Tag – das sollte man in Schweden einer neuen Regierungsbroschüre für den Krisen- und Kriegsfall zufolge immer im Haus haben. Entsprechende Ratschläge der Zivilschutzbehörde werden seit dieser Woche an rund 4,8 Millionen schwedische Haushalte verschickt.

“Diese Broschüre soll uns helfen, besser vorbereitet zu sein auf alles von ernsten Unfällen, extremem Wetter und IT-Attacken bis hin zu militärischen Konflikten”, erklärte die Behörde. Obwohl Schweden sicherer sei als viele andere Länder, seien Sicherheit und Unabhängigkeit bedroht.

Die 20-seitige Broschüre enthält nicht nur eine Checkliste mit Tipps zu Essen, Wasser, Wärme und Kommunikation, sondern auch Informationen zu Alarmsignalen und Schutzkellern. Schwedens Militär wird erklärt – und auch, dass jeder Einwohner zwischen 16 und 70 Jahren im Ernstfall zur Hilfe einbestellt werden kann. “Jeder ist verpflichtet, etwas beizutragen, und jeder wird gebraucht”, heißt es. Gewarnt wird vor falschen Informationen, mit denen Staaten und Organisationen Werte und Leben der Bevölkerung zu beeinflussen versuchten.

Ähnliche Informationen hatte Schweden bereits zwischen 1943 und 1961 an die Bevölkerung verteilt. In Deutschland veröffentlicht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Checklisten für Notfallvorräte. (dpa)

Mehr zum Thema –  Schwedische Zeitung: Einmarsch in Russland würde zu ‘militärischem Albtraum’ für Angreifer werden

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Heute vor 73 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Dessen gedenken wir mit dem Text einer 96-jährigen NachDenkSeiten-Leserin. – www.NachDenkSeiten.de

Heute vor 73 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Dessen gedenken wir mit dem Text einer 96-jährigen NachDenkSeiten-Leserin. – www.NachDenkSeiten.de

08-05-18 07:53:00,

8. Mai 2018 um 8:45 Uhr | Verantwortlich:

Heute vor 73 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dessen gedenken wir mit dem Text einer 96-jährigen NachDenkSeiten-Leserin.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege

Sie schreibt großartig, und sie teilt die Sorgen um die neuen Konflikte, die noch mal zum großen Krieg führen könnten. Sie hat als junge Frau während des Zweiten Weltkriegs in einem Frankfurter Betrieb gearbeitet. Dort waren auch russische und französische Kriegsgefangene und Deportierte beschäftigt. Gemeinsam erlebten sie die Bombennächte. Hiervon handelt der folgende Text „Über die Kriegsjahre im Büro“. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

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Unsere Autorin will nicht mit ihrem Namen auftreten. Wir akzeptieren das. Anette Sorg und ich haben sie am vergangenen Sonntag besucht und sind tief beeindruckt. Wir freuen uns darüber, den NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern die Texte einer Frau bieten zu können, die 1922 geboren wurde und das Geschehen von Jugend an und bis heute hellwach begleitet, beobachtet, kritisiert. Heute macht sie sich zum Beispiel große Sorgen darüber, was Cambridge Analytica und ähnliche Firmen mit uns anstellen. Davon vielleicht später mehr. Heute statt einer Politiker-Rede zum 8. Mai dieser Bericht:

Louise Demangeon, André Sergeff

(Über die letzten Kriegsjahre im Büro)

Meine Geschichte beginnt im Herbst 1943. In der Lampenfabrik war ich von der „Auslands-korrespondentin“ zur „Werbeleiterin“ avanciert. Meine Vorgänger, wiewohl nicht mehr die Jüngsten, waren zum Kriegsdienst eingezogen worden. Darunter litt die Firma allerdings kaum. Der Bedarf an Auslandskorrespondenz und Werbung tendierte gegen null. Die Leuchtenfabrikation war auf kriegswichtige Güter reduziert worden und nur für solche gab es Zuteilung von Rohstoffen. Lampen mit Lichtkurven für die diffuse Beleuchtung des trauten Heims waren passé. Statt dessen mussten Leuchten für Landebahnen der Luftwaffe und schlagwettergeschützte Grubenleuchten produziert werden. Dass ich mit Mittelschulreife und Lehre zur Kaufmannsgehilfin vom Berufsbild „Werbeleiter“ keine Ahnung hatte, war unter solchen Umständen irrelevant.

Das letzte Aufgebot waren meine eingezogenen Vorgänger leider noch lange nicht. Die deutschen Heere Ost hatten nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad ein halbes Jahr zuvor die Zeit ihrer größten Ausdehnung in Europa bereits überschritten.

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