Das japanische „umgekehrte Ich“

02-07-20 07:08:00,

Ähnlich wie die koreanische Sprache hat auch das Japanische kein Wort, das dem deutschen Ich entsprechen würde. Das deutet darauf hin: Das eigene Wesen wird auch in Japan weniger individuell in sich selbst als vielmehr in den Beziehungen zu anderen und zur Welt, also im Gemeinschafts-Zusammenhang des wir erlebt. Der Einzelne ist von der traditionellen Kultur her primär nicht in sich unabhängige Individualität, sondern Glied der Gemeinschaft, der er naturhaft eingeordnet ist.

Der Artikel soll zu den bisherigen Beiträgen über die ganz andersartigen Seelenverfassungen und Kulturen der ostasiatischen Völker1 einen weiteren Mosaikstein hinzufügen. In der immer mehr zusammenwachsenden Menschheit ist das Verstehen des Fremden und ganz Anderen für ein friedliches Zusammenleben von fundamentaler Bedeutung.

Nachdem ich den Artikel „Über die Schwierigkeit des Koreaners, „ich“ zu sagen“, veröffentlicht hatte, gab mit ein Freund die Vortrags-Nachschrift eines in Deutschland lebenden Japaners,2 der über das gleiche Phänomen vom Gesichtspunkt des Japanischen handelt. So kann dieses wichtige und faszinierende Thema aus kompetentem Mund um eine weitere Facette ergänzt und vertieft werden.
Masao Naka ist 1951 in Tokio geboren und aufgewachsen, studierte dort von 1971 bis 1974 japanische Literatur und war daneben an verschiedenen Theatern in Tokio tätig. 1977 kam er nach Deutschland, wo er bis 1984 Heilpädagogik studierte und in diesem Beruf tätig wurde.

Selbst-Bezeichnung und Selbst-Bewusstsein in Europa

In jeder Sprache innerhalb der indoeuropäischen Sprachenfamilie gibt es ein Wort, mit dem der Mensch das eigene Selbst bezeichnet. Für den Deutschen ist es das „Ich“, mit dem er sein innerstes Wesen zum Ausdruck bringt, für den Engländer „I“, den Franzosen „Je“, den Russen „Ja“ usw.
Wird der Mensch des eigenen Daseins gewahr, so macht er es sich als ein Objekt bewusst. Er braucht in diesem Augenblick ein Wort für ein Objekt, das er selbst ist. Er kann das eigene Dasein, sich selbst, ergreifen und mit Hilfe dessen darstellen, was er als solches Objekt bzw. eigenes Dasein erkannt hat. Die Ich-Darstellung, dass man für sich ein dem deutschen „Ich“ entsprechendes Wort in Anspruch nimmt, setzt durchaus das Ich-Bewusstsein voraus, mit dem man des eigenen Daseins gewahr wird und es sich bewusstzumachen vermag.“ (S. 7)

Bis zu 2 ½ bis 3 Jahren spricht das kleine Kind in Bezug auf sich selbst noch nicht „Ich“.

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