Indien: Kleiner Mann – was nun?

Indien: Kleiner Mann – was nun?

17-10-18 07:47:00,

Das Wirtschaftswachstum läuft am kleinen Mann vorbei – was nun? Foto: Gilbert Kolonko

Viele der einfachen Menschen Indiens haben vor vier Jahren große Hoffnungen in Narendra Modi gesetzt – der hat jetzt auch noch die Bankenkrise nach Indien geholt. Eine Lösung hat er auch dafür parat: Noch mehr Privatisierung. Unterstützt wird er dabei von der Weltbank.

Auch heute ist Amith schon zehn Stunden auf den Beinen, verkauft Tee für 10 Rupien und Kekse für zwei Rupien das Stück. Für seinen acht Quadratmeter großen Laden in einem bröckelnden Gebäude, 10 Minuten vom Bahnhof Neu-Delhi entfernt, zahlt er monatlich 18.000 Rupien (242 US Dollar) Miete – für den Vermieter ist das steuerfrei, denn auf dem Papier existiert Amiths Teebude nicht. Als ich ihn frage, wie teuer der Laden wäre, wenn er ihn kaufen würde, winkt der etwa 50-Jährige müde ab: “Mindestens 40 Lakh (54.000 US Dollar). In Delhi ist Platz nun mal Mangelware – und selbst einen Kilometer weiter vom Bahnhof entfernt, müsste ich immer noch 15-20 Lakh hinlegen.” Die Frage nach einem Bankkredit stelle ich ihm gar nicht: Für den “kleinen” Mann haben die Banken wegen der aktuellen Krise sowieso kein Geld – und auch vorher schauten sie bei Menschen wie Amith 10 Mal hin.

Vier Stunden hat er heute noch vor sich – und am Ende des Monats reicht das Geld gerade so um seine Frau und seinen Sohn über die Runden zu bringen. Die schwarzen Flecken im Gesicht und die trüben Augen erzählen vom täglichen Überlebenskampf im Dauerlärm einer 20-Millionen-Einwohner-Metropole mit Feinstaubwerten bis zu 1000 Mikrogramm PM 2,5 pro Kubikmeter Luft.

In der Nähe des Kaschmir-Tores steht Ravish unter einer der Brücken, über die dauerhupende Autos im Dauerstau schleichen. Vor ihm auf einem Tischwagen liegen grellfarbige Polo-Shirts. “China?”, frage ich, worauf er stolz antwortet: “Nein. Export-Qualität! Bangladesch!” Ein genauer Blick in die Innenseite der Shirts zeigt, dass er Recht hat. Da sind die Stempel, die anzeigen, dass es sich um die Überschussware eines westlichen Einkäufers handelt. Die Nähereien Bangladeschs produzieren 10 Prozent mehr, als es der Auftrag verlangt, damit fehlerhafte Stücke ausgetauscht werden können. In der Regel geht der Überschuss unter der Hand auf den Markt.

84,7 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Indien arbeiten im informellen Sektor.

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