Der Krieg gegen Covid-19 – Sechs mögliche Erklärungen • Anthroblog

19-02-21 08:52:00,

Edward Hadas erörtert in seinem Essay »Der Krieg gegen Covid-19 – Sechs mögliche Erklärungen« Gründe für die Eskalation eines mythischen Kampfes.

Gastbeitrag von Edward Hadas. Version des englischen Originals vom 17.2.2021. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Krieg gegen Covid-19

Hieronymus Bosch: Garten der Lüste, Hölle (Ausschnitt).

1. Erste Ebene der Erklärung: Panik

Innerhalb weniger Wochen bewegte sich im Frühjahr 2020 das kollektive Bewusstsein der westlichen Nationen von Neugier gegenüber dem Virus aus China zu ernsthafter Sorge, verbreiteter Angst und schließlich totaler Panik. Die Panik der politischen Führer, Experten, Medien und eines Großteils der Bevölkerung ist die am meisten auf der Hand liegende Erklärung für die überstürzte Verhängung beispiellos extremer Maßnahmen, die kontrollieren sollten, was eine schreckliche tödliche Krankheit zu sein schien. Die Erklärung trifft zu, führt aber gleichwohl in die Irre. Was erklärt werden muss, ist nicht die emotionale Inkontinenz von Individuen – die ist nicht überraschend. Erstaunlich ist vielmehr das totale Versagen der etablierten bürokratischen und politischen Systeme, die darauf ausgelegt waren, einer solchen Panik zu widerstehen.

Bürokratisch: Alle modernen Staaten verfügen über umfangreiche Bürokratien des öffentlichen Gesundheitswesens, welchen im Allgemeinen eine eher humanistische als autoritäre Kultur zugrunde liegt. Sie befinden sich im Besitz sorgfältig ausgearbeiteter Richtlinien für den Umgang mit Pandemien, die auf tief eingebetteten institutionellen Erinnerungen beruhen. Das übergeordnete Prinzip dieser Richtlinien ist, das normale Leben so wenig wie möglich zu stören.

Politisch: Die Rechtsstaatlichkeit in westlichen Ländern soll auf dem Schutz von »Rechten« aufgebaut sein. Auch wenn nationale Panik die Exekutive dazu drängt, diese »Rechte« einzuschränken, haben die Legislative und die Judikative die ausdrückliche Aufgabe, sie zu verteidigen.

Was ebenso überrascht, ist die Leichtfertigkeit, mit der die breite Öffentlichkeit ihre vermeintlich »liberalen« oder »christlich geprägten« Werte über Bord geworfen hat. Politiker und Experten gingen bis März 2020 davon aus, diese Werte seien so stark verankert, dass die Menschen im Westen totalitäre Einschränkungen ihrer Freiheit nach chinesischem Vorbild nicht akzeptieren würden (zumindest nicht für sehr lange Zeit oder nicht ohne wirklich nachvollziehbare Gründe).

Für diese Litanei des Versagens,

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Nach dem Krieg war vor den Kriegen – Teil 2

24-01-21 03:31:00,

Nationale Befreiungskämpfe im Schatten des Kalten Krieges: Den Anfang machten Indonesien und Vietnam.

Im abschließenden siebten, zweigeteilten Teil dieser Serie mit dem Titel „75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Ost- und Südostasien – Vorgeschichte, Verlauf, Vermächtnisse“, dessen erster Teil auf den NachDenkSeiten Mitte Februar 2020 erschien, befasst sich unser Autor Rainer Werning mit den politischen Entwicklungen in den Regionen und dem Beginn des Kalten Krieges nach der offiziellen Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch hochrangige Politiker Japans am 2. September 1945. Von Rainer Werning.

Lesen Sie bitte auch die ersten sechs Teile dieser NDS-Serie (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6).

Allianz unterm Atomschirm

Japans Stärke im militärischen Dreierallianz-System (USA, Japan und Südkorea), das einerseits auf dem 1960 vereinbarten japanisch-amerikanischen Kooperations- und Sicherheitsvertrag und zum anderen auf dem Republik-Korea-US-Vertrag über gegenseitige Verteidigung vom 1. Oktober 1953 basiert, ist seitdem beträchtlich gewachsen. Bereits in seinem 1. Weißbuch für nationale Verteidigung aus dem Jahr 1970 hatte Tokio seine Verteidigungspolitik mit „drei Grundpfeilern“ dargestellt:

  • „Marine und Luftwaffe müssen die Vorherrschaft in der Umgebung“ – ein nicht näher spezifizierter Begriff – „als Lebensnerv Japans sichern“. Blieb anzumerken, dass die einige tausend Meilen entfernte Straße von Malakka (zwischen Singapur/Malaysia und Indonesien) wiederholt als ein solcher „Lebensnerv“ bezeichnet wurde, weil sie u.a. von den aus dem Nahen und Mittleren Osten kommenden Öltankern passiert wird.
  • „Die Aggression soll im Anfang unterbunden werden“. Nicht nur blieb offen, wann sich eine Aggression „im Anfang“ befindet; eine solche Erklärung könnte z.B. mit Blick auf den Vietnamkrieg eigene aggressive Absichten/Akte vertuschen und/oder rechtfertigen.
  • Drittens wurde im Weißbuch als Ergänzung zu Punkt b) vom „Entgegentreten der indirekten Aggression“ gesprochen.

Diese Ausführungen wurden von sämtlichen US-Regierungen seit Richard M. Nixon (1969-74) vorbehaltlos geteilt. Japan wurde abwechselnd als „wichtigster“, „treuester“ und „bedeutsamster“ Verbündeter in der Region gewertet, zu dessen Schutz der US-amerikanische Atomschirm aufgespannt bleibt, sofern sich Tokio im Gegenzug im Sinne eines beidseitigen Interessen- und Lastenausgleichs stärker an der Finanzierung multilateraler Organisationen (Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank, UN) beteiligt.

Mit Militärausgaben in Höhe von 30 Milliarden Dollar rangierte Japan bereits 1990 weltweit an dritter Stelle und nahm in Asien die Spitzenposition ein.

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Nach dem Krieg war vor den Kriegen – Teil 1

23-01-21 02:24:00,

Nationale Befreiungskämpfe und politische Neukonstellation in Ost- und Südostasien nach der Kapitulation Japans. Im abschließenden siebten, zweigeteilten Teil dieser Serie mit dem Titel „75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Ost- und Südostasien – Vorgeschichte, Verlauf, Vermächtnisse“, dessen erster Teil auf den NachDenkSeiten Mitte Februar 2020 erschien, befasst sich unser Autor Rainer Werning mit den politischen Entwicklungen in den Regionen und dem Beginn des Kalten Krieges nach der offiziellen Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch hochrangige Politiker Japans am 2. September 1945. Von Rainer Werning.

Lesen Sie bitte auch die ersten sechs Teile dieser NDS-Serie (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6).

Vorbemerkung

Während der Krieg in Europa bereits Anfang Mai 1945 beendet war, dauerte er in zahlreichen Regionen des asiatisch-pazifischen Raumes noch bis Mitte September an. Und während sich die siegreichen Alliierten anschickten, fortan der Innenpolitik Japans ihren Stempel aufzudrücken und einem Teil seiner Kriegsarchitekten den Prozess zu machen, trachteten in den meisten Ländern Ost- und Südostasiens national gesinnte Parteien, Gruppierungen und Organisationen danach, endlich jenseits von ausländischer Bevormundung ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit zu organisieren. Beflügelt wurde ein solcher Nachkriegsentwurf durch ein nunmehr gedemütigtes japanisches Kaiserreich, dessen militaristische Politik paradoxerweise entscheidenden Anteil daran hatte, den Nimbus der Unbesiegbarkeit des „westlichen Imperialismus und Kolonialismus“ zu erschüttern.

Während Japan unter der Ägide der Siegermacht USA schrittweise in deren Herrschaftsbereich, wiewohl unter Beibehaltung seiner Produktionskapazitäten und wesentlichen staatstragenden Institutionen/Organisationen sowie flankiert von umfangreichen Wirtschafts- und Finanzhilfen, integriert wurde, rüsteten sich Japans vormalige Kolonien – teils inmitten innenpolitischer Wirren, teils unter chaotischen Nachkriegsbedingungen – unter höchst unterschiedlichen Vorzeichen zum Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit. Gleichzeitig fanden diese Emanzipationsbestrebungen gegen die alt-neuen Machthaber – die Briten in Malaya (das spätere Malaysia und Singapur), Birma (das spätere Myanmar) und den indischen Subkontinent (mit Indien, Pakistan und Ceylon, das spätere Sri Lanka) sowie die Niederländer in Indonesien, die Franzosen in Vietnam, Kambodscha und Laos und die USA in den Philippinen – allesamt im Schatten des Kalten Krieges und einer stetig eskalierenden Ost-West-Blockkonfrontation statt. In den Philippinen, dem traditionell engsten Verbündeten Washingtons in der Region, entstand gar 1954 mit der SEATO eine Osterweiterung der NATO,

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Der Krieg der Worte

17-12-20 03:46:00,

Eine ältere Dame erklärt mir betroffen: „Ich habe Aggressionen bei ihm freigesetzt!“ Vorausgegangen war ihrem Bericht eine Konfrontation an der Tankstelle mit dem Tankwart, der sie nicht eingelassen hatte, da sie keine Maske trug und sich weigerte, ihm ihr Attest zu zeigen. Also wurde die Polizei gerufen. Auch die Auseinandersetzung mit den Beamten war unerfreulich, da einer übergriffigerweise ihr Attest fotografieren wollte. Ein unbeteiligter Passant blaffte die Dame im Vorbeigehen an: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf der Intensivstation elend verrecken!“ So kam sie dazu, zu denken, sie hätte bei diesem Mann „Aggressionen freigesetzt“.

In solchen Dingen bin ich empfindlich. Ich fragte sie dann, ob sie denn denke, eine hübsche Frau würde durch ihr Hübschsein Männer zu sexueller Gewalt nötigen und anstiften und verbrecherische Triebe in diesen freisetzen? Das stimmte sie dann doch etwas nachdenklich.

Wie war das eigentlich zu Beginn? Kann sich noch jemand daran erinnern, dass man anfangs die Maske tragen sollte, um andere zu schützen, auch jene, die keine Maske tragen könnten? Dass man dies aus Solidarität tun sollte? Wurden Menschen vor einigen Monaten gefragt, weshalb sie die Maske tragen würden, war die Antwort: „Um andere zu schützen“. Inzwischen wird es wohl nicht mehr viele Menschen geben, die aus diesem Grund die Maske tragen.

Inzwischen trägt man die Maske, weil das alle tun, weil es Vorschrift ist, weil man ansonsten bestraft wird, weil man sonst von der Gemeinschaft rausgebissen wird, weil man sonst Aggression und Gewalt durch Mitmenschen ausgeliefert ist. Und weil man sonst, für alle sichtbar, auf der „falschen Seite“ steht, gekennzeichnet ist, gebrandmarkt, in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die irgendwie aus dem Ruder läuft und viele nicht genau wissen, wohin der Kurs jetzt genau geht und man schon ahnt, dass es irgendwie nicht mehr so ganz demokratisch mit rechten Dingen zugeht. Das kennt man in Deutschland. Dieses Verhalten kann man Angst-Konformismus nennen und es hat rein gar nichts mehr mit einer Angst vor einem Virus zu tun.

Darüber hinaus kommt noch etwas anderes ins Spiel. Die meisten Menschen sind durch die vielen Monate des „Maßnahmenkataloges“ bis an ihre Grenze belastet und sogar darüber hinaus. Sie werden depressiv, suizidanfällig, sie werden aggressiv. Zu sehr haben sie gelitten, zu tief wurden sie geschockt und in Angst gehalten, viele haben schon zu vieles verloren, angefangen von ihrem menschenwürdigen Leben bis hin zu ihrer Existenzgrundlage,

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Der «Krieg gegen den Terror» ist zur politischen Droge geworden

07-12-20 11:25:00,

«20Minuten» über Anschlag im Tessin (links) – «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan

Helmut Scheben / 07. Dez 2020 –

Die Reaktionen auf die «Terrorangriffe» in Lugano und Morges zeigen, wie gedopt unsere Herzen und Hirne seit 9/11 sind.

In Lugano griff letzten Dienstag eine nachweislich psychisch gestörte Frau zwei Frauen in einem Supermarkt an und verletzte eine der beiden mit einem Messer. Die 28jährige Täterin war der Polizei durch frühere Verbindungen mit radikalislamischen Personen bekannt. Ein ähnlicher Vorfall hatte sich im September ereignet, als ein Islamist mit Wahnvorstellungen in Morges VD einen Mann erstach.

Das sind sicher schwerwiegende Vorfälle. Es wird Aufgabe der Ermittler sein festzustellen, wie weit den Taten ein individuelles psychisches Krankheitsbild zugrunde liegt und wie weit der Faktor politischer Terror als Motiv in Betracht kommt.

Die Medien waren aber offenbar nicht gewillt, diese Abwägung abzuwarten oder zuzulassen. Sie stürzen sich auf den Vorfall in Lugano mit einer Erregung, als hätten Terroristen die Piazza della Riforma samt Palazzi in die Luft gejagt. «Terror wird zur konkreten Bedrohung» kommentierte die NZZ. Sie vermutet, dass «die Terrorfürsten» die Schwächen von Al Kaida und Islamischem Staat «mit den Handlungen von Einzeltätern kompensieren wollen».

Fedpol-Direktorin Nicoletta della Valle warnte: «Es reicht eine gewisse Inspiration, damit ein Täter denkt: Jetzt nehme ich ein Messer, gehe raus und mache auch etwas.» Der Zürcher Tagesanzeiger sprach von jenem «schlimmen und schaurigen Dienstag, als der Terrorismus in die Schweiz kam.» Das Blatt setzt gleich fünf Top-Journalisten an eine Analyse und verweist auf eine Historie des Terrors in der Schweiz: 1970 Absturz eines Swissair Maschine in Würenlingen, die Palästinensern zugeschrieben wurde, 1981 Bomben armenischer Kommandos, 1995 Ermordung eines ägyptischen Diplomaten in Genf und 2011 Explosion einer Briefbombe bei Swissnuclear in Olten.

Wir leben also in einem Land, in dem im Laufe eines halben Jahrhunderts fünf Ereignisse aktenkundig wurden, die als terroristisch angesehen werden können. Also alle zehn Jahre mal. Man darf sich daher fragen, ob all die, welche die Schweiz nach der Tat in Lugano schon im Terror versinken sehen, die Dinge noch in ihren realen Dimensionen wahrnehmen können. Der Tagesanzeiger konsultiert bereits einen Terrorismus-Experten der George-Washington-Universität, welcher urteilt: «Eine neutrale Aussenpolitik ist kein Mittel gegen Angriffe.» Doch die Neutralität der Schweizer Aussenpolitik hat im Leben der psychisch kranken Täterin in Lugano kaum je eine Rolle gespielt.

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