Die Liebe zur Unfreiheit

29-03-20 10:13:00,

Hashtag ZuhauseBleiben lautet vielerorts die Devise. Was in Italien, Spanien oder Österreich erst staatlich durchgesetzt werden musste, machten viele Deutschen zuweilen freiwillig. Gehorsam und Obrigkeitshörigkeit ist auch im Jahr 2020 noch eine deutsche Tugend. Ebenso eine deutsche Tugend ist das Denunzieren, das Ächten und das Niedermachen all jener, die sich erdreisten, sich diesem Freiheitsentzug zu widersetzen.

Hier lassen sich die Ansätze einer Opfer-Täter-Dynamik erkennen, auch wenn Vater Staat die Selbstisolation – außer in einem kleinen bayerischen Dorf an der tschechischen Grenze – zum Zeitpunkt dieser Niederschrift noch nicht amtlich verordnet hat.

Der Traumaforscher Franz Ruppert schreibt dazu in seiner äußerst empfehlenswerten Tagesdosis vom 18. März 2020:

„Noch nehmen es viele mit Gelassenheit, halten es in einen dissoziierten Überlebensmodus für eine Weile aus und meinen, sie zeigten besondere soziale Verantwortung, wenn sie die immer brutaler werdenden Einschränkungen ihrer Lebensführung brav befolgen. Eine unter einen solchen Stress gesetzte Bevölkerung wird vermutlich schon bald in ihren Grundbedürfnissen so frustriert sein, dass sich diese in Aggression und Gewalt entladen wird – gegen die eigenen Kinder, gegen den Partner, gegen Nachbarn und alle, die sich nicht an die Regeln halten.“

Sprechen wir es doch ganz offen aus:

Wenn der Staat dir sagt, du hast gefälligst zuhause zu bleiben, ist das ein überaus heftiger Einschnitt in die Freiheitsrechte jeder BürgerIn!

Hierzulande wird diese Maßnahme von vielen bejubelt, hochgehalten und mit dem Hashtag #ZuhauseBleiben und #FlatternTheCurve zelebriert. Entsprechend in Ungnade fallen jene, die sich der, von vielen selbst angelegten Ketten widersetzen.

Die große Anzahl jener Zuhausebleiber erkennt und fühlt – so meine Vermutung – ihr eigenes Opfersein nicht mehr. Wenn das kälteste aller Ungeheuer – der Staat (Nietzsche) – dir vorschreibt, wo du zu sein hast und wo nicht, dann befindest du dich naturgemäß in einer Opferrolle. Du bist nicht mehr frei, dir wird ein Zwang auferlegt.

In den Philosophien rund um die Frage, was Freiheit sei, besteht eine breite Einigkeit darüber, dass die individuelle Freiheit dort ende, wo die Freiheit eines anderen beschnitten wird. Und da sind wir auch schon bei dem entscheidenden Kernelement dieser ganzen Tragik angelangt.

Warum sich die meisten Zuhausebleiber — meiner Vermutung nach — gar nicht in einer Opferrolle, sondern im Gegenteil vielmehr in einer Vorbildrolle sehen,

 » Lees verder

Liebe in Zeiten von Corona

22-03-20 04:01:00,

In dem Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel Garcia Marquez, einem der größten Schriftsteller unserer Zeit, geht es um Hoffnung. Ein Leben lang bleibt Florentino Arizas der schönen Fermina Daza in Liebe verbunden, obwohl diese über 50 Jahre lang mit einem anderen verheiratet ist. Am Ende siegt die Liebe über alle Hindernisse, letztlich auch über die Epidemie. Marquez’ magischer Realismus mag uns heute nicht nur dazu inspirieren, die staatlich verordnete Zwangspause zum Lesen zu nutzen, sondern uns mit ein paar grundsätzlichen Fragen unseres Lebens zu beschäftigen. Dazu ist jetzt Zeit.

Der weltweite Ausnahmezustand — wie auch immer man ihn interpretiert — wirft uns alle auf uns selbst zurück. Kinos, Einkaufszentren, Vergnügungseinrichtungen — alles, wo wir uns abgelenkt und amüsiert haben, ist auf unbestimmte Zeit geschlossen. Wir sind allein mit uns und mit den wenigen Menschen, die mit uns unter einem Dach leben. Was machen wir mit dieser Situation, von der wir nicht wissen, wie lange sie andauern wird? Wie gehen wir damit um, dass es draußen ruhiger wird, der Verkehr auf den Straßen verschwindet, keine Menschenmengen sich mehr durch die Fußgängerzonen und Shoppingmalls schieben und es außer unseren Bildschirmen und Telefonen nur noch wenig gibt, was uns mit der Außenwelt verbindet?

Noch vor Kurzem hätte sich niemand eine solche Situation vorstellen können. Hatten wir nicht alles im Griff? Ist unsere Medizin nicht die beste, die wir jemals hatten? Sind unsere Krankenhäuser nicht perfekt darauf ausgerichtet, die Krankheiten, die unsere Zivilisation in unsere Körper brennt, zu behandeln? Soll es plötzlich knapp werden mit der Versorgung? Wird jetzt jeder Einkauf zur Lebensgefahr? Werden auch deutsche Ärzte darüber zu entscheiden haben, welches Leben schützenswert ist und welches nicht? Werden wir überleben?

Wohl niemand kann zurzeit das Ausmaß dieser uns alle betreffenden Krise überblicken. Niemand kann wissen, wie es weitergeht. Allein dies ist gewiss: Die winzigsten Bewohner unseres Planeten, so klein, dass sie nicht einmal als Lebewesen, sondern nur als „dem Leben nahestehende Strukturen“ bezeichnet werden, bringen alles durcheinander. Über eine eindeutige Definition ist sich die Fachwelt nicht einig und wirklich sehen kann man die Quälgeister nicht. Viren bestehen nicht wie Mikroben aus einer oder mehreren Zellen und sie verfügen über keinen eigenen Stoffwechsel. Anders als Bakterien dringen die Winzlinge, die nicht einmal einen Intelligenzquotienten von 1 besitzen — definiert durch die Beherrschung eines eigenen Fressvorgangs — in den Kern der Wirtszelle ein und bringen diese dazu,

 » Lees verder

Tagesdosis 21.3.2020 – Liebe in Zeiten von Corona | KenFM.de

21-03-20 02:21:00,

Dieser Artikel ist auch als kostenlose MP3 für Dich verfügbar!

Download MP3

Wie kann man in der Krise so denken, fühlen und handeln, dass unser aller Leben reicher und die Krise überwunden wird? Wie finden wir heraus aus Angst und Überforderung?

Ein Kommentar von Christiane Borowy

Zurzeit werden die Menschen von der Angst vor dem Corona-Virus oder den entsprechenden politisch-gesellschaftlichen Folgen so mitgerissen, dass sie fast den Verstand zu verlieren scheinen. Beinahe-Schlägereien um Toilettenpapier und Mehl im Supermarkt oder in der Schlange vor dem Geldautomaten sind Szenarien, welche diese Angst zum Ausdruck bringen. Demgegenüber gib es auch viele Menschen, die kritisch sind und eine politisch gewünschte Panikmache zur Duldung massiver Einschränkungen der Freiheitsrechte erkennen. Es wird dabei zwischen den Extremen geschwankt: Entweder man handelt aus Angst irrational oder man handelt ausschließlich rational und ruft denen, die Angst haben noch zu: „Checkt endlich mal, dass das alles nur Hysterie und Manipulation ist!“. Beide Handlungsweisen sind, was der Münchner Traumaforscher Franz Ruppert als Kopfgeburt bezeichnet. Die Menschen verharren sowohl in ihrem Denken als auch Handeln in Überlebensstrategien. Es geht um Leben oder Tod. Entweder sterben wir alle am Virus oder durch den Verlust der Freiheitsrechte.

In ihrer dramatischen Fernsehansprache vom 18.03.2020 spricht die Bundeskanzlerin Angela Merkel davon, dass es ernst sei. Zu dieser Erkenntnis sei die Regierung durch intensiven Austausch mit Experten des Robert-Koch-Institutes gekommen. Sie wählt drastische Worte, ruft die Bevölkerung zu Verantwortung und Solidarität auf. Parallel dazu werden die Einschätzungen des Internisten und Lungenarztes Wolfgang Wodarg zum Corona-Virus intensiv diskutiert und schon titelt Die Welt am 19.03.2020: „Christian Drosten zerlegt Wodarg“.

Das Corona-Monster unter dem Bett

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es ist wichtig, wach und aufgeklärt zu bleiben, sich zu informieren und alles, was einem medial präsentiert wird, infrage zu stellen. Ich möchte auch zeigen, dass es nicht per se ein Problem ist, sich ein paar Vorräte zuzulegen. Es ist ebenfalls nicht von vornherein ein Problem, die schnelle und plötzliche Einschränkung von Freiheitsrechten infrage zu stellen. Im Gegenteil kann beides sehr wichtig sein.

Ich sehe es jedoch als ausgesprochen schwierig an,

 » Lees verder

Die größte Liebe

06-03-20 02:17:00,

Kinder begnügen sich mit der sinnlosen Existenz. Jugendliche glauben, jemand werden zu können. Erwachsene versuchen anzunehmen, was sie sind. Betagte erfahren die Vergänglichkeit allen Seins. Greise vertrauen dem Nichts.

Der Jugendliche solidarisiert sich im Konflikt mit der Erwachsenenwelt mit seinesgleichen. Das Mittelalter splittert sich auf in Individuen — der erwachsene Mensch distanziert sich vom anderen. Die Alten sehen ein, wie nichtig jedes Kämpfen ist, verbrüdern sich mit Jugendlichen und Erwachsenen und sind gerade deshalb einsam.

Die Jungen sind durchdrungen von einer Sehnsucht, die heiter ist, da sie in die Zukunft weist und Erfüllung verspricht. Die Alten schauen zurück auf gelebtes und ungelebtes Leben, sie verzehren sich in einer melancholischen Sehnsucht, die verheißt, was sich nicht in Vergangenem erschöpfen kann: das Mysterium des Menschen.

Das Leben ist ein Karussell. Nur selten steht es still und dann auch nur deshalb, weil junge Menschen zu- und alte aussteigen. Diese Verschnaufpausen sind zugleich ersehnt und gefürchtet. Einerseits sehnen wir uns nach ihrer Ruhe und Melancholie, andrerseits fürchten wir ihre Leere und Ereignislosigkeit. Dennoch sind die Augenblicke, in denen das Karussell stillsteht, die intensivsten überhaupt — viel ergreifender, verwirrender, beglückender noch als die ungezählten der schnellen Fahrt. Sie machen die eigentliche Existenz aus und tragen die Ewigkeit in die Zeit.

Leid und Schmerz führen aus der Gruppe in die Vereinzelung, aus der Funktion in die Irritation, aus der Beliebigkeit zum Wesentlichen, kurz: Die bewusste Empfindung von Leid und Schmerz läutert das Ich. Diese reinigende Befreiung offenbart das Wunderbare. Indem du es wahrnimmst, erfährst du den Sinn des Lebens — die Überwindung des Einen und die Erfahrung des Ganzen, das heißt die Liebe.

Toleranz ist eine Form der Selbstachtung, sie erkennt und anerkennt das Ich im Du. Gegenseitige Toleranz öffnet die Schleusen von Mitgefühl und Liebe, sie vereint uns zum furchtlosen Wir.

Es ist unerheblich, ob wir zufrieden oder unzufrieden sind. Worauf es ankommt, ist die Intensität der wohlwollenden Gefühle, die wir für die Menschen und Tiere empfinden. Es geht um die Herzlichkeit, mit der wir ihnen begegnen, um das Verständnis, das wir für sie aufbringen, um den Respekt, den wir ihnen entgegenbringen. Was zählt, ist die Bewahrung der Menschlichkeit in einer oft unmenschlichen Welt, die dem Einzelnen meist versagt, was er so bitter nötig hätte: Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Anerkennung. Das Kostbarste im Leben ist die Liebe,

 » Lees verder

Gemeinsam mit Liebe und Frieden auf die Straße: Gelbwestenproteste im Dreiländereck

22-11-19 08:05:00,

Am Samstag kommen in der niederländischen Kleinstadt Vaals Tausende Anhänger der Gelbwesten-Bewegung aus mehreren Ländern zusammen, um gemeinsam mit Bauern und Aktivisten der Friedensbewegung auf die Straße zu gehen.

Von der gemeinsamen Demonstration im Dreiländereck Niederlande-Belgien-Deutschland erhofft sich Markus Koehsl, einer der Organisatoren von deutscher Seite, neuen Schwung für die Bewegung. In ihren Forderungen stimme die deutsche Gelbwesten-Bewegung vollständig mit der französischen überein.

„Mit den Holländern und Belgiern haben wir sechs gemeinsame Forderungen: bessere Rente, besserer Lohn, soziale Gerechtigkeit, günstigere Benzinpreise, Steuererlass auf Grundbedürfnisse des Menschen und Austritt aus der EU“, so Koehsl.

Mit der Friedensbewegung verbinde die deutschen Gelbwesten der Wunsch nach Frieden und sozialer Gerechtigkeit. Dass es bei Gelbwesten-Protesten nicht immer friedlich zugehe, räumt der Aktivist ein. In Frankreich, wo die Gelbwestenproteste vor einem Jahr ihren Ursprung nahmen, sei die Bewegung gespalten zwischen solchen, die trotz Verhaftungen und Verletzungen „mit Liebe und Frieden“ auf die Straßen gingen, und Aktivisten vom linken wie vom rechten Rand, die die Bewegung für sich nutzen und „Radau machen“ wollten. 

Gelbwesten-Proteste in Paris (Archivbild)

©
Sputnik / Irina Kalaschnikowa

„In Deutschland spielt unsere Vorgeschichte mit rein, aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, Gespräche mit den Menschen zu führen und näher zusammenzurücken. Es ist egal, ob man aus dem linken oder rechten Spektrum kommt – wir sind alles Menschen, wir sind alle gleich. Es gilt, die Menschen zusammenzuführen und deshalb haben wir für morgen eingeladen. Damit wir untereinander Gespräche führen und uns endlich die Hand reichen, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Denn nur gemeinsam können wir unsere Ziele erreichen.“

Noch habe seine Bewegung kein Gehör bei der deutschen Politik gefunden, doch wenn die Menschen gemeinsam wie im Herbst 1989 friedlich auf die Straße gingen, müssten sie gehört werden, ist Koehsl überzeugt.

 » Lees verder