„All the lonely people“

„All the lonely people“

04-10-18 11:24:00,

Eleanor Rigby ist eine einsame Dame, die in der Kirche den Reis aufsammelt, der bei der Hochzeit anderer Leute heruntergefallen ist. Pater McKenzie schreibt an den Worten einer Predigt, die niemand hören will. Schließlich spricht er auf Eleanors Beerdigung, zu der niemand kommen will. Viele kennen dieses erschütternde Lied, das Paul McCartney für die Beatles komponiert hat: In knappen Worten skizziert er das hoffnungslose Leben zweier Einsamer, und zuletzt bleibt die bittere Erkenntnis „No one was saved“ – keiner wurde gerettet.

Jeder von uns kennt Figuren wie diese beiden, Menschen die man bedauert, die man vielleicht belächelt, Randfiguren, mit denen man lieber nicht zu lange in Kontakt ist, aus Angst, die Schwärze ihrer trostlosen Situation könne auf einen selbst abfärben.

Einsame finden wir besonders oft unter alten Menschen, speziell wenn sie verwitwet sind und ihnen buchstäblich der Boden unter den Füßen wegbricht. „Sie haben Angst, sich zu verlieren und sie verlieren sich trotzdem“, dichtete bitter der Chansonnier Jacques Brel über alte Ehepaare.

Einsamkeit findet sich auch in der Jugend, wenn sich Kinder in ihren Zimmern einschließen, in jener Zwischenwelt, nachdem sie die Ursprungsfamilie verlassen haben und noch keine neuen, festen Bindungen eingegangen sind. Eine Phase übrigens, in der viele unberührt und kaum geliebt sind, sich in einer Coolness-Attitüde einkapseln, die nur ein schwacher Ersatz ist für die verstohlen herbeigesehnte Wärme.

Einsam sind die Fremden in unserer Gesellschaft – es werden mehr, rechnet man jene hinzu, die sich auch als Deutsche fremd fühlen in einer Gesellschaft, die systematisch Solidaritätsabbau betreibt.

Einsam sind diejenigen, die eine schmerzhafte Scheidung zu spät erwischt hat, die keiner mehr haben will oder die in ihren Marotten zu sehr verfestigt sind, um noch an die Marotten eines Anderen andocken zu können.

Daneben gibt es die Einsamkeit derer, die in der Stille ihre Angehörigen pflegen und die ihr Opfer von einer leichtlebigen Mitwelt isoliert. Es gibt eine Einsamkeit der sich Verkriechenden und der Traumatisierten, die, obwohl sie dem Tod entronnen sind, nicht wirklich ins Leben zurückfinden. Es gibt eine Einsamkeit der Süchtigen – auch jener für die das Starren auf flimmernde Bildschirme Gemeinschaftsersatz geworden ist. Es gibt eine Einsamkeit mitten in tosenden Menschenmengen, eine Einsamkeit selbst in Ehen und Familien, die jeder von außen als „intakt“ bezeichnen würde.

„All the lonely people“.

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