Machiavellismus in der Gegenwart – Der Fall H.-C. Strache als Musterbeispiel

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23-05-19 06:40:00,

Gastbeitrag von Prof. Dr. Johann Braun1

Der Politskandal, der durch einige mit Stasimethoden herausgekitzelte Äußerungen des österreichischen Vizekanzlers ausgelöst wurde, hält derzeit die schreibende Zunft in Atem. Auch in Deutschland ist dies im Augenblick das Thema Nummer eins. Für viele Journalisten handelt es sich offenbar um die lang ersehnte Gelegenheit, eine ungeliebte Partei samt ihren „rechtspopulistischen Schwesterparteien“ in den Nachbarländern vorzuführen und dabei allesamt über denselben Löffel zu balbieren. Natürlich wird diese Steilvorlage auch von den politischen Gegnern weidlich ausgenutzt. Wie könnte man auch besser zeigen, welch menschlicher Bodensatz sich bei den „Populisten“ herumtreibt und wie grundanständig im Vergleich dazu man selbst ist?

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Wer das politische Geschäft nicht aus der Perspektive des „kleinen Moritz“, sondern eines durch viele ähnliche Ereignisse ernüchterten Skeptikers beobachtet, findet sich zu anderen Überlegungen veranlaßt. Zuvörderst kommt ihm das sarkastische Bonmot Hermann Oberths in den Sinn, wonach einem anständigen Charakter bestimmte Wege offenstehen, um vorwärts zu kommen, einem Schuft bei gleicher Intelligenz und Tatkraft aber dieselben und außerdem noch einige andere, die ein anständiger Mensch nicht geht. Der Unredliche hat daher – so Oberth – „mehr Chancen, vorwärts zu kommen, und infolge dieser negativen charakterlichen Auslese findet eine Anreicherung der höheren Gesellschaftsschichten mit Schurken statt.“ 2

Zwar hat Oberth sich mit diesem Diktum nicht ausdrücklich auf die Politik bezogen, aber seine Pointe paßt auch auf diese, vielleicht sogar mehr als auf sonstige Bereiche menschlichen Handelns. Wer sich auf politisches Terrain begibt, muß darauf gefaßt sein, auf Menschen zu stoßen, denen bürgerliche Wohlanständigkeit – vorsichtig ausgedrückt – kein Selbstzweck ist. Will er als Politiker reüssieren, muß er sich daher auf das Spiel der Erlangung und Verteidigung der Macht besser verstehen als seine Konkurrenten und darf durchaus keine Skrupel haben, von dieser Fähigkeit Gebrauch zu machen. Denn wie bereits Machiavelli erkannte, hat er es mit Gegnern zu tun, die nur darauf warten, ihm dabei zuvorzukommen. Freilich darf er sich nicht erwischen lassen. Das scheint immer wieder das Hauptproblem zu sein.

Unter dem Strich betrachtet, dürfte der österreichische Vizekanzler davon geträumt haben, für seine Partei eine ähnliche Medienbeteiligung zu erlangen, wie sie die deutsche Sozialdemokratische Partei seit langem besitzt, und damit zugleich geneigte Journalisten, wie sie auf der linken Seite des politischen Spektrums gang und gäbe sind. Dafür war Herr Strache bereit,

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