Die Herrschaft der Maschinen

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12-02-20 08:14:00,

Prof. Dr. Friedrich Voßkühler: Das mit der linken Vision ist so eine Sache. Die Vision, die ich habe, ist der Sozialismus. Es ist die Vision von selbstbestimmten Menschen in einer nicht mehr vom Profitprinzip dominierten Gesellschaft. Die Digitalisierung taugt nicht als Vision, die man als Sozialist hat. Sie ist eine Art und Weise, mit sich selbst umzugehen, die strategisch von den Verwertungsinteressen des Kapitals bestimmt ist.

Was mit der Digitalisierung als Technik möglich ist beziehungsweise dann möglich sein wird, wenn wir beginnen, unsere wesentlichen Probleme zu lösen, das ist ein anderes Ding. Die sozialistische Vision läuft jedoch nicht über die Digitalisierung. Diese kann nicht an die Stelle unseres eigentlichen Ziels treten.

Ist Digitalisierung unter sozialistischen Bedingungen für Sie vorstellbar? Oder müsste man sie dann abschaffen?

Das Verfahren als solches abschaffen zu wollen, das wäre albern. Es handelt sich um ein bestimmtes Verfahren zum Umgang mit numerischem Denken. Da kann keine Gesellschaft hingehen und sagen: „Das wollen wir nicht und das verbieten wir“. Das wäre Nonsens. Man kann aber das Verfahren umwerten, denn es kommt ja auf den Menschenbezug an. Technik ist immer auch ein menschliches Verhalten, eine Art des menschlichen Selbstbezugs. Eine Verhaltensänderung macht Sinn, aber nicht die Negation dieser Technik!

Worin sehen Sie die entscheidenden Unterschiede zwischen der Industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert, als es um den Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft ging, und der Digitalisierung heute?

Der Unterschied besteht ganz wesentlich in den benutzten Maschinen. Die industrielle Revolution hat Maschinen entwickelt, die durch Dampf, Verbrennungsmotoren und so weiter angetrieben wurden. Damals wurden Werkzeugmaschinen hergestellt, die mehr oder weniger das Handwerk ablösten, sodass man die Tätigkeit der Hand auf die Maschinen übertragen konnte. Die Digitalisierung ersetzt die Werkzeugmaschinen alten Typs. Die im engeren Sinne digitale Maschine ist nicht mehr in den materiellen Prozess einbezogen. Sie ist eine Simulationsmaschine, die über Programme die materiellen Maschinen steuert. Das ist ein riesiger Unterschied. Kurz gesagt: Die Industrialisierung bestand aus materiellen Prozessen, die Digitalisierung aber ist ein Prozess der Immaterialisierung.

Ein weiterer Unterschied ist der, dass sich die Industrialisierung im Kontext der Konzentration und Zentralisierung der materiellen Produktivkräfte entwickelte. Der Ingenieur war dabei die leitende menschliche Produktivkraft. Das ist heute so nicht mehr der Fall. Heute spielt die Programmierung die entscheidende Rolle. Die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft bleibt bei alledem das zentrale ökonomische Motiv.

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Wenn Maschinen Meinung machen

Wenn Maschinen Meinung machen

07-07-18 06:22:00,

Bild: Papachan/CC BY-SA-4.0

Social Bots manipulieren unsere Meinungsbildung, Algorithmen definieren, welche Informationen das Netz für uns bereithält – wie weit reicht dieser Einfluss auf unsere Gesellschaft schon?

Das Prinzip eines Bots ist ziemlich einfach: Bots analysieren Texte im Netz, suchen nach bestimmten Schlüsselbegriffen und generieren Antworten. Natürlich kann man dabei nicht von Hochdeutsch sprechen – Fehler in Grammatik und Rechtschreibung gehören dazu -, aber in sozialen Netzwerken unterhalten sich auch richtige Menschen nicht sonderlich anders. Und was den überschaubaren Wortschatz angeht, sind Bots sehr lernfähig.

Ein gutes Beispiel dafür ist Tay – ein sozialer Roboter mit dem Profilbild einer Teenagerin. Eigentlich sollte sie bei Twitter junge Menschen ansprechen und von ihnen die jugendliche Sprache lernen. Softwarehersteller Microsoft spielte sofort mit offenen Karten und machte deutlich, wer hinter dem Profil steckt: “Je mehr du mit ihr sprichst, desto schlauer wird Tay.” Mit “hellooooooo world” begrüßte sie die Netzwerk-Community und die Community schrieb zurück. Wie ein Schwamm nahm Tay alles auf. Und bereits nach wenigen Stunden war sie eine Rassistin: “Hitler was right I hate jews.” Und Schwarze. Und Mexikaner. Und sogar Feministinnen. “Bush did 9/11”, der Holocaust sei ausgedacht. Schon am selben Tag schaltete Microsoft ihren Bot ab.

Bots, die richtige Dialoge führen können, sind heutzutage noch etwas Besonderes. Die meisten sind recht primitiv. Sie sammeln Daten, posten Links, versenden bestimmte Nach-richten oder sind einfach da – zum Beispiel als Follower. Solch ein Bot lässt sich in wenigen Stunden programmieren und es reicht ein einziger Programmierer, der gleichzeitig hunderttausend Bots über eine Software startet. Auch im Unterhalt sind sie sehr pflegeleicht. Einmal mit einem bestimmten Ziel ins Netz losgeschickt, agieren sie autonom und brauchen keine Kontrolle von Außen.

Egal ob einfach oder fortgeschritten, eins ist immer wichtig: Social Bots wollen in der Regel nicht als solche ertappt werden. Dafür schrauben Programmierer ständig an ihnen und präsentieren ihre Erfolge sogar auf speziellen Wettkämpfen für Social Bots. Dort gewinnt derjenige, der die meisten menschlichen Reaktionen bekommt und die meisten Follower sammelt. Und das zahlt sich aus. Bei verschiedenen Versuchen konnte über die Hälfte der Testpersonen einen modernen Bot nicht von einem echten User unterscheiden. Forscher der University of British Columbia in Vancouver generierten für ein Experiment 102 Bot-Profile bei Facebook.

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