Ganz Mensch werden

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14-01-20 10:57:00,

In sehr deutlichen und allgemeinverständlichen Worten versuchen Autoren und Wissenschaftler an vielen Orten der Welt, den überlebenswichtigen, gesellschaftlichen Wandel in unseren Gesellschaften voranzutreiben und mitzugestalten. Ihre Worte klingen wissenschaftlich, informativ, überzeugend und eindringlich warnend. Sie übermitteln dabei unterschwellig jenes Gefühl, von dem wir ohnehin bereits mehr als genug haben in unserer Gesellschaft: Angst. Was also tun?

Wenn wir uns der Angst nicht entziehen können, flüchten wir in der Regel. Wenn möglich im Außen, notfalls im Innern. Im Innern äußert sich dies in Verdrängungstechniken. Das ist verständlich, weil menschlich. Denn neben der Grundangst um unsere Existenz müssen wir uns nun auch noch eine noch größere Angst aufladen: Die Angst um das Fortbestehen unserer Spezies. Dies scheint zu viel zu sein für das einzelne Gehirn und die einzelne Psyche.

Auch die zweite Möglichkeit, auf Angst zu reagieren, ist nicht gesund und macht nicht glücklich. Es ist die Möglichkeit des äußeren Angriffs. Diese wählen jene, die wissenschaftliche Fakten und Aufrufe von den besorgten Mutigen infrage stellen, ignorieren, vielfältig denunzieren oder mit anderen Methoden angreifen.

Was tun also mit dieser Angst? Wie mit ihr umgehen, um nicht aggressiv, depressiv, wahnsinnig oder körperlich krank zu werden und damit handlungsunfähig?

Ja, verändern wollen wir eine Menge — müssen wir wohl — und inzwischen eher schnell als langsam, wenn wir überleben wollen. Wir können auch nicht mehr warten, bis unsere Kinder erwachsen sind und das tun, was wir, während wir im Hamsterrad unseres Lebens stecken, grundlegend verschlafen.

Ach ja, wir schlafen ja nicht immer! Ab und zu, vielleicht am Frühstückstisch oder bei der Fahrt von der existenz-notwendigen Erwerbstätigkeit nach Hause, fragen wir uns gelegentlich und immer häufiger:

Was kann ich tun? Und wo anfangen? Warum überhaupt ich? Können nicht erst die anderen…? Andererseits … Vielleicht mal den Fernseher ausschalten? Freitags mit den Kindern demonstrieren gehen? Zivilen Ungehorsam in unserer Funktionsgesellschaft wagen? Sozial anecken? Ausgegrenzt werden? Den sinnlosen Job wechseln? Und dann …?

So weit so gut. Über den äußeren Weg scheinen wir derzeit noch nicht ganz einig, oder? Er erscheint uns zu komplex, und auch er ist angstbesetzt. Die Hemmschwelle in jedem Einzelnen von uns, in dieser Minute den Schalter im Handeln umzulegen und sichtbar zu werden, ist enorm.

Nur wenige Menschen in unserem Kulturkreis wissen,

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Der Mensch als Ware

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14-01-20 10:56:00,

Katrin McClean: In Euerm letzten Film „Der marktgerechte Patient“ ging es um die Folgen der Fallpauschale und die Privatisierung von Krankenhäusern, also eines gewinnorientierten Wirtschaftens, dessen Leidtragende in erster Linie das Personal und die Patienten sind. Ihr habt dabei mit Kooperationspartnern wie dem Hamburger Bündnis für mehr Pflegepersonal und dem Verein der demokratischen Ärztinnen und Ärzte zusammengearbeitet. Hat Euer Film etwas bewirkt?

Franke: Auf jeden Fall. Wir sagen immer, dass er in den Blutkreislauf des Gesundheitssystems eingeschossen ist. Der Film wurde von zahlreichen Einrichtungen bestellt, von Krankenhäusern, Arztpraxen bis hin zu staatlichen Stellen. Er ging durch alle Ebenen des Gesundheitssystems und führte dazu, dass die Beteiligten, insbesondere Ärzte, endlich mal über diese Probleme gesprochen haben. Es wurden bundesweit viele Initiativen für mehr Personal im Krankenhaus gestartet. Es gab mehrere Proteste gegen Krankenhausschließungen, wo wir eingeladen wurden, um diese Aktionen zu unterstützen.

Euer neuer Film „Der marktgerechte Mensch“ untersucht die Problematik nun für die gesamte Gesellschaft. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Lorenz: Bis in die 1980er Jahre hatten die Menschen in der BRD zu 70 bis 80 Prozent einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der Sozialabgaben einschloss. Außerhalb der Arbeitszeit konnten die meisten Menschen ihre Zeit frei gestalten, ohne sich dabei von Märkten abhängig zu machen. Spätestens seit Ende der 1980er Jahre ist aber die Profitrate gesunken und dann entwickelte sich das, was man heute gemeinhin Neoliberalismus nennt, also dass Menschen sich mit Haut und Haar verkaufen müssen. Es reicht nicht mehr, dass du deine acht oder neun Stunden im Betrieb bist. Nur noch 40 Prozent aller Arbeitsverhältnisse sind unbefristet. Der Rest muss zusehen, dass er sich möglichst rund um die Uhr verkauft. Geringverdiener und Solo-Selbstständige haben dabei in der Regel keinerlei soziale Absicherung und müssen Beiträge zu Kranken- und Rentenkasse selbst erwirtschaften. Befristet Angestellte leben in ständiger Unsicherheit. Aber auch die Festangestellten sind wachsendem Druck ausgesetzt, der dazu führt, dass sie sich weit über die Arbeitszeit hinaus für den Betrieb engagieren.

Franke: Das Problem ist, kurz gesagt, dass Unternehmen nicht mehr Menschen engagieren und ihnen ein Tätigkeitsfeld zuordnen, sondern dass man abgeschlossene Jobs nach dem Prinzip Hire and Fire im Rahmen kurzfristiger Mitarbeit und oft ohne Sozialabgaben vergibt. Bedürfnisse außerhalb dieses Arbeitsverhältnisses spielen keinerlei Rolle, und das greift in immer stärkerem Maße die Würde des Menschen an.

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„Der marktgerechte Mensch“. Ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz

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07-01-20 08:30:00,

Mit Crowdfunding, also einer alternativen Finanzierung mittels Spenden einer größeren Anzahl von Menschen werden Projekte verschiedener Art finanziert, auch sinnvolle Filmprojekte, die keine oder nur eine geringe Förderung erhalten. Mit den Filmemachern von „Der marktgerechte Mensch“ konnte sich Andrea Drescher unterhalten (Interview unten folgend). Dass dieser Film entstehen konnte, daran sind viele Menschen mit ihrem finanziellen Obolus beteiligt. Auch Udo Fröhlich, Koordinator des NachDenkSeiten-Gesprächskreises in Südholstein betrachtet diesen Film als unbedingt unterstützenswert. Er hatte deshalb die Idee, dem Aufruf der beiden Filmemacher zu folgen und für Südholstein eine Vorführung zu organisieren. – Wir können weiteren Gesprächskreisen (und natürlich auch anderen Leserinnen und Lesern, die die Möglichkeit und die Ressourcen haben) nur empfehlen, seiner Initiative zu folgen. Anette Sorg.

Falls es für den Premierentag zu knapp sein sollte, bietet jeder spätere Termin sicher auch noch eine gute Gelegenheit, Aufklärungswilligen dieses Angebot zu machen. Die Südholsteiner stehen – falls erforderlich – beratend zur Verfügung.

Interview

Die unsichtbare Grenze des Sagbaren
Von der Freiheit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderen Illusionen

Wenn man sich Dokumentationen in den öffentlich-rechtlichen Medien anschaut, findet man immer wieder kritische Berichte. Diese werden zwar meist erst nach 22.00 Uhr und später ausgestrahlt, es macht aber den Eindruck, dass die Journalisten das jeweilige Thema fundiert hinterfragen. Nur: wie kritisch sind diese Reportagen? Wird wirklich umfassend recherchiert, werden Probleme und deren Ursachen bis an die Wurzel analysiert oder gibt es da Grenzen, ab denen bestimmte Themen nicht mehr angesprochen werden sollten? Die Erfahrung von Herdolor Lorenz und Leslie Franke zeigen, dass es diese Grenzen definitiv gibt. Werden Bereiche adressiert, die den politisch Mächtigen im Land nicht genehm sind, ist es aus mit der bis dato guten Auftragslage.

Was bleibt, um den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, ist, sich auf eigene Füße zu stellen. Das ist kein Phänomen, das erst in den letzten Jahren aufgekommen ist. Spricht man mit Herdolor Lorenz und Leslie Franke, sieht man, dass das schon länger der Fall ist. „Filme von unten“ – das war die Antwort der beiden Dokumentarfilmer, die 25 Jahre für das öffentlich-rechtliche Fernsehen tätig waren. Andrea Drescher hatte die Gelegenheit, für die NachDenkSeiten mit den beiden Filmemachern zu sprechen, deren neuester Film „Der marktgerechte Mensch“ am 16.1.2020 an den Start geht.

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“Der Mensch ist besser als sein Ruf”

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19-11-19 08:47:00,

Der Unternehmer Dennis Hack über seine gerade öffentlich gestartete Facebook-Alternative und die Schwierigkeiten, eine Öffentlichkeit zu finden

Herr Hack, Sie sind im Hauptberuf Geschäftsführer eines schwäbischen Familienunternehmens, das weltweit einer der Marktführer für Trampoline ist. Wie kommt man mit diesem Hintergrund auf die Idee, eine Facebook-Alternative auf die Beine stellen zu wollen?

Dennis Hack: Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Ich glaube, der Mensch ist viel besser als sein Ruf und da ich seit eh und je sehr internetaffin bin, war mir klar, dass die Echtzeitkommunikation hier enormes Potential bieten könnte, um den Menschen mit einem effektiven Online-Werkzeug zu unterstützen. Das funktioniert aber nur unabhängig, also nicht kommerziell, und es musste vor allem völkerverbindend und lösungsorientiert sein. So ist Human Connection mit der Uhr des Wandels und seinem Netzwerk entstanden.

Sie arbeiten bereits seit sechs Jahren mit einem Team an diesem Netzwerk. Worin bestehen die Schwierigkeiten?

Dennis Hack: Es gibt leider insgesamt noch wenig Bewusstsein für ein Netzwerk wie Human Connection. Der Großteil der Bevölkerung hat weder den Namen Human Connection noch Markus Fiedler jemals gehört. Jedoch hat zum Beispiel Markus Fiedler den wohl größten Skandal beim Monopolist digitaler Wissensnetzwerke aufgedeckt. Und hier kommen wir zu einem Problem: Wie kann es sein, dass zwar eine halbe Million Menschen den Film “Die dunkle Seite der Wikipedia” gesehen haben, aber dieser nirgendwo in der Presse erwähnt wurde? Gibt es Journalisten, die Angst bekommen? Angst ist wohl das größte Problem, denn es hemmt die Reichweite und ohne Reichweite keine neuen Spender und man kommt nur Schritt für Schritt voran und leidet somit ständig unter Unterfinanzierung.

Dann wären da noch Verleumdungen professioneller Sorte, sowie auch das plumpe Abstempeln als Verschwörungstheoretiker – “die waren doch beim bösen KenFM”. Dazu die hohen Erwartungen, Misstrauen, viel Einarbeitungszeit, auf monetärer Ebene deutlich bessere Jobangebote für Programmierer anderswo, Krankheit, Mangel an Sorgfalt durch Unterbesetzung. Auf Entfernung zu arbeiten stellt hohe Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit aller Beteiligten. Zuletzt gibt es da noch meinen eigentlichen Hauptberuf als Geschäftsführer von Eurotramp; da ist auch nicht immer alles in Butter und das stellt mich in Summe vor ein kompliziertes Zeitmanagement.

Ende Oktober wurde nun eine öffentlich nutzbare Version vorgestellt, auf der sich jeder registrieren kann.

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Copy & Paste: Was der Mensch von der Natur lernen kann – Erwin Thoma und Franz Alt bei den BUCHKOMPLIZEN | KenFM.de

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20-10-19 11:05:00,

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Wir leben in hysterischen Zeiten. Der Klima-Kollaps steht vor der Tür, sagen die einen. Alles blanker Unfug mit dem CO2, sagen die anderen. Kaum ein Thema versetzt derzeit gesellschaftliche Gruppen so sehr in hitzigen Diskussionen oder politische Grabenkämpfe wie die Debatte um den Klimawandel. Trotz diverser Meinungen dazu, können wir eines festhalten: Die Natur ist unsere Lebensgrundlage und als Mensch sind wir maximal abhängig und ein Teil von ihr.

Was wir konkret von der Natur lernen können und wie das „System Natur“ funktioniert, erläutern der Förster, Betriebswirt und Holzhäuser-Export Erwin Thoma gemeinsam mit dem Buchautor und journalistischen Urgestein Franz Alt.

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Veröffentlicht am: 19. Oktober 2019

Anzahl Kommentare: 14 Kommentare

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Der unsichtbare Mensch

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30-08-19 07:40:00,

Was ist der Mensch, also was bin ich selbst für ein Wesen? Jeder trägt bewusst oder unbewusst eine subjektive Vorstellung vom Wesen des Menschen in sich. Dieses Bild gilt als so selbstverständlich, dass es kaum infrage gestellt wird. Es prägt aber die eigene Vorstellung vom Ziel und Sinn des Lebens und die damit verbundene Lebensstimmung. Für das Leben ist es daher von wesentlicher Bedeutung, dieses subjektive Menschenbild nicht unreflektiert im Unbewussten zu lassen, sondern es einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Denn nur die Wahrheit kann positiv wirken.

Seit dem 19. Jahrhundert hat sich immer mehr ein materialistisches Menschenbild verbreitet, das den Menschen ausschließlich von materiellen Prozessen bestimmt sieht. Alle Vorgänge und Phänomene der Welt werden auf die Materie, deren Energien und Gesetzmäßigkeiten zurückgeführt. Selbst seelische Eigenschaften wie Gefühle, Willensimpulse, Gedanken und Bewusstsein sollen aus dem geheimnisvollen Zusammenspiel von Materieteilchen aufsteigen und mit diesen auch wieder verschwinden.

Es ist klar, dass solch ein Menschenbild, das nicht auf umfassender Beobachtung und wirklich wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf materialistischem Gefühl, Glauben und Behauptungen beruht, auf die Dauer eine lähmende Lebensstimmung seelischer Öde, Leere und Sinnlosigkeit hervorruft.

Versuchen wir, durch unbefangene Beobachtung einfacher Phänomene der uns umgebenden Pflanzen und Tiere zu den Besonderheiten der Gestalt des Menschen aufzusteigen.

Leben

Die Pflanze, wie sie uns physisch entgegentritt, besteht aus leblosen Stoffen, die sie aus der sie umgebenden Natur, also aus Erde, Wasser und der lichtdurchfluteten Luft aufnimmt. Wodurch nehmen diese Stoffe ausgerechnet diese jeweilige besondere Gestalt einer Pflanze an? –
Wir beobachten, wie die Materie in sich ständig metamorphosierende Gestalten und Formen eingebaut wird, vom Samen zum Keim und zum Spross, der wächst, immer neue Blätter heraustreibt, sich zur Blüte entfaltet, Früchte mit neuen Samen bildet und allmählich wieder verwelkt.

Pflanzen vor Steinmauer (Pixabay)

Niemals können diese Stoffe von sich aus, aus ihrer eigenen toten Stofflichkeit, die der Schwerkraft unterliegt, eine solche Gestalt annehmen, die gerade der Schwerkraft entgegen nach oben strebt. Es ist ausgeschlossen. Es muss hier eine höhere Kraft wirken, die sie entgegen ihrer eigenen Natur in diese Form zwingt, die in einem unaufhörlichen Strom Stoffwechsel, Stoffanwachsung, sprich Wachstum, Fortpflanzung und Absterben bewirkt, also das hervorruft, was wir allgemein als Leben bezeichnen. Und wenn sie verwelkt, muss das seine Ursache darin haben,

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Ein Mensch im Kampf gegen „Grosse Heuchelei“: „Ich will Kriege richtig schwer machen“

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08-05-19 04:24:00,

Vor 74 Jahren endete die wohl größte Tragödie aller Zeiten mit der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands. Völkerrechtswidrige Kriege werden immer noch auf Erden, vor allem im Mittleren Osten, weiter geführt, oft mit der Beteiligung Deutschlands. Der prominente Publizist Dr. Jürgen Todenhöfer erzählte Sputnik, warum er sich dagegen wehrt.

Ob Syrien, Libyen, Irak, Afghanistan, Pakistan oder Gazastreifen – Jürgen Todenhöfer, der einstige Bundestagsabgeordnete von der CDU, hat mehrere Krisenherde der Welt bereist und die Kriegskatastrophen vor Ort dokumentiert. Meist begleitet von seinem Sohn Frederic. Jürgen und Frederic Todenhöfer sind wohl die einzigen Europäer, die im Syrienkrieg mit allen Seiten sprachen: den Rebellen, dem IS* und Präsident Baschar al-Assad.

Jürgen Todenhöfer schreibt in seinem neuen Buch Klartext über die westliche Heuchelei

©
Sputnik / Tilo Gräser

Diese Erfahrungen bringt Jürgen Todenhöfer den Lesern in seinem neuesten Buch „Die große Heuchelei – wie Politik und Medien unsere Werte verraten“ näher. (Co-Autor des Buches ist Frederic Todenhöfer)  

Herr Dr. Todenhöfer, Sie setzen sich leidenschaftlich und konsequent gegen die „rechtswidrigen Kriege“ des Westens ein. Warum tun Sie das? Glauben Sie etwa, dass einzelne Menschen die jahrtausendelange Geschichte der Kriegsführung ändern können?    

Ich möchte die Kriege schwieriger machen. Die Politiker erleichtern sich die Kriegsführung dadurch, dass sie gegenüber der Bevölkerung behaupten, sie würden für edle Werte kämpfen, wie Demokratie und Menschenrechte. In Wirklichkeit werden alle Kriege des Westens seit Christoph Kolumbus um Interessen geführt, sei es Macht, Geld oder Öl. Zwar leben wir in Deutschland in einem demokratischen Rechtsstaat, aber wenn man uns nicht die wahren Gründe der Kriegsführung sagt, dann werden wir von der demokratischen Willensbildung in der Außenpolitik völlig ausgeschaltet.

2001 hatte sich Deutschland am Krieg der USA gegen Afghanistan aus Bündnispflichten beteiligt, obwohl die geostrategischen Interessen der USA dahinter steckten. Der Bevölkerung sagte man aber, wir würden dadurch den afghanischen Mädchen den Schulzugang ermöglichen. Hätte die Bevölkerung die wahren Gründe hinter dem Krieg gekannt, hätte sie nein gesagt.

Hätten die Deutschen dann nicht mit einem Konflikt mit den USA rechnen müssen?

Dem Irak-Krieg hatte sich die Bundesregierung 2003 doch entgegengestellt. Nach der Verfassung dürfen wir uns an Kriegen nur entweder zur Verteidigung unseres Bündnisgebietes oder nach der Zustimmung des UN-Sicherheitsrates beteiligen, was mit Afghanistan nicht der Fall war. Alles andere inklusive der Angriffskriege ist rechtswidrig.         

Kritisch sehe ich alle Kriege,

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Bangladesch: Der Mensch frisst sich weiter auf

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03-03-19 01:23:00,

Die Seitenarmee des Buriganga sind nur noch mit Müll gefüllt. Foto: Gilbert Kolonko

  1. Bangladesch: Der Mensch frisst sich weiter auf

  2. Wirtschaftswachstum und Autokratie


  3. Auf einer Seite lesen

Die Zerstörungen von Lebensraum für mehr Wirtschaftswachstum geht ungezügelt weiter

Bangladesch boomt – das ist überall zu sehen. Auch im Bezirk Mohammadpur in der Hauptstadt Dhaka wachsen Hochhäuser wie Pilze aus der Erde. Plötzlich regnet es für 20 Minuten und die “fortschrittlichen” Eindrücke sind wie fortgespült: Der Strom ist weg und Straßen stehen unter Wasser, was in diesem Viertel für die neue Mittelklasse besonders zum Tragen kommt – die meisten Häuser wurden so planlos hingesetzt, dass vier von fünf Straßen zu Sackgassen geworden sind.

Auch ohne Regen geht es mangels Wegen über einen stinkenden Abwasserkanal zur neuen Eigentumswohnung. Dass das Labyrinth Dhaka zu den am meisten erdbebengefährdeten Städten der Erde gehört, ist jedoch nicht die einzige Tatsache, die die wachstumsfanatische Regierung Bangladeschs beim planlosen Bauboom ignoriert.

“Alle Flüsse Dhakas sind so verdreckt, dass sie nicht mehr als Trinkwasserquelle zu nutzen sind, so dass das Grundwasser gnadenlos abgepumpt wird”, sagt Sheikh Rokon und teilt dann etwas bemerkenswert Ehrliches mit: “Doch selbst ich als Journalist und Umweltaktivist kann kaum mit Daten argumentieren, weil wir weder regelmäßige Studien des Grundwasserproblems von Dhaka besitzen noch über die Verschmutzung unserer Flüsse.”

Zuletzt warnte im Jahr 2016 eine von der WHO finanzierte Studie davor, dass der 20-Millionen-Einwohner-Metropole in 20 Jahren das Grundwasser ausgeht.

Auch in Mohammadpur braucht es nur eine halbe Stunde zu regen und der Fortschritt ist weggespült. Foto:Gilbert Kolonko

Aber selbst die Einwohnerzahl der Hauptstadt Bangladeschs beruht nur auf Schätzungen, ebenso dass sie jedes Jahr um 700.000 Menschen wächst – so gibt es nicht wenige, die Dhaka schon jetzt 25 Millionen Einwohner zuschreiben.

Was die Regierung zur Rettung der Flüsse betreibt, kann nur als Augenwischerei beschrieben werden: Am pechschwarzen Buriganga geht sie gegen illegal gebaute Gebäude am Flussufer vor, angeblich ohne Rücksicht auf einflussreiche Grundstücksbesitzer. Doch 18 Tage nach dem Beginn der Abrissarbeiten wurde der dafür zuständige Beamte in eine andere Stadt versetzt.

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Mensch, erkenne Dich selbst! | KenFM.de

Mensch, erkenne Dich selbst! | KenFM.de

28-10-18 09:20:00,

Konflikte sind gewaltfrei lösbar – mit Achtsamkeit

Der Blick auf das politische Weltgeschehen zeigt: Krieg, Terror, Gewalt – die Nachrichten sind voll davon. Im privaten und beruflichen Umfeld suchen wir dagegen Harmonie. Spätestens bei der nächsten großen Familienweihnachtsfeier merken wir jedoch, dass wir zumindest gedanklich gar nicht so weit von Mord entfernt sind, wie wir immer von uns selbst angenommen haben. Wie konnte das passieren? Hilft da nur noch ein Orakelspruch als Ausweg?

Der Rat des Orakels

Das berühmteste Orakel der Welt, das Orakel von Delphi, fordert auf: Mensch, erkenne Dich selbst. Es scheint wie ein uralter Spiegel zu sein, der einem vorgehalten wird. Warum beschäftigt dieser Aufruf zur Selbsterkenntnis so viele Menschen immer noch? Warum fanden die Menschen in geraumer Vorzeit diesen Spruch so wichtig, dass sie ihn der Nachwelt hinterlassen wollten? Welche Weisheit steckt darin, die vielleicht immer noch gilt?

Wie erkennt man denn sich selbst am besten? Ich gehe nochmal einen Schritt zurück und frage genauer: Wann erkenne ich mich selbst?

Eine mögliche Antwort könnte lauten: In der Begegnung mit einem anderen Menschen.

Doch das ist nicht irgendeine Begegnung, sondern eine, in der der andere Mensch mich in einen Konflikt bringt. Er hat zum Beispiel eine andere Meinung als ich, eine andere Lebensphilosophie, andere Hautfarbe oder eine andere Religion. Freiwillig, also ohne eine solche Begegnung, bewege ich mich gedanklich keinen Meter von dem weg, was ich gewohnt bin.

Um sich das besser vorstellen zu können, lade ich Sie zu einem kleinen gedanklichen Experiment ein.

Ein Experiment

Stellen Sie sich vor, dass sie Urlaub in Thailand machen. Es ist ein warmer Abend und sie sitzen mit einer Gruppe Menschen am Strand um ein Lagerfeuer herum. Sie singen zusammen und reden bei einer Flasche Wein über Reisen, über ihr Haustier und über den Bestseller, den alle gelesen haben und toll finden. Am Ende sind sie glücklich, neue Freunde getroffen zu haben.

Stellen Sie sich nun vor, dass Sie nach Ihrem Urlaub Ihren besten Freund treffen. Sie erzählen ihm begeistert von ihrem Aufenthalt in Thailand und ihren neuen Freunden. Ihr Freund hört sich alles an und sagt schließlich mit ruhiger Miene: „Mein Freund, lass Dir sagen: Du hast keine neuen Freunde gefunden.

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Der neue Mensch

Der neue Mensch

11-10-18 09:54:00,

Marx betrachtete den Verlauf der menschlichen Geschichte als einen gesetzmäßigen Prozess gesellschaftlicher Höherentwicklung. Die historische Berechtigung des Kapitalismus sah er dabei in der ungehemmten Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte sowie in der Schaffung einer völlig neuen sozialen Klasse, der Arbeiterklasse.

Allein auf Grund ihrer besonderen Stellung im Produktionsprozess glaubte er, in den vom Kapital abhängigen Lohnarbeitern diejenigen gesellschaftlichen Kräfte gefunden zu haben, die in der Lage seien, den sich vollziehenden kulturellen Niedergang zu stoppen und – in dessen Folge – eine neue, menschliche, von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung freie und solidarische Gesellschaft zu errichten.

Der Kontrast konnte größer nicht sein: Ausgerechnet am Chemnitzer Denkmal für Karl Marx mit der aus dem Kommunistischen Manifest stammenden internationalistischen Losung „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“ versammelten sich vor wenigen Tagen mehrere Tausend Menschen, um dort lautstark ihre völkisch-nationalistische Gesinnung kundzutun und die sofortige Schließung der deutschen Grenzen für alle Flüchtlinge und Asylsuchenden zu fordern.

Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andre Menschen oder durch seine eigne Niedertracht unterjocht zu werden (1).

Diese Worte von Karl Marx machen deutlich, dass er zu seiner Zeit schon den ambivalenten Charakter erkannt hatte, der in der modernen Welt das Verhältnis von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und der kulturellen Entwicklung innerhalb der Gesellschaften kennzeichnet, denn „all unser Erfinden und unser ganzer Fortschritt scheinen darauf hinauszulaufen, daß sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen“ (2).

Gleichzeitig war er davon überzeugt, die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft müssten schon bald in eine soziale Revolution münden, deren Träger ein für alle Mal mit dieser verhängnisvollen Entwicklung Schluss machen würden, da – nach seiner Auffassung – „die neuen Kräfte der Gesellschaft, um richtig zur Wirkung zu kommen, nur neuer Menschen bedürfen, die ihrer Meister werden – und das sind die Arbeiter“ (3).

In diesen Aussagen von Marx verbindet sich seine große analytische Schärfe in der Beurteilung existierender gesellschaftlicher Zustände mit einer naiv anmutenden, nicht hinreichend begründbaren Zukunftsutopie, oder anders ausgedrückt: Seine beeindruckende Kenntnis gesellschaftspolitischer und ökonomischer Zusammenhänge wurde mit einer – aus heutiger Sicht – erschreckenden Unkenntnis über die Funktion der menschlichen Psyche verknüpft.

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Gesundheitsversorgung: „Der Mensch wird zum Werkstück“ – www.NachDenkSeiten.de

Gesundheitsversorgung: „Der Mensch wird zum Werkstück“ – www.NachDenkSeiten.de

29-09-18 08:00:00,

29. September 2018 um 11:30 Uhr | Verantwortlich:

Gesundheitsversorgung: „Der Mensch wird zum Werkstück“

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Gesundheitspolitik, Interviews, Wertedebatte

Im November ist die Premiere eines Doku-Films, der einiges verspricht: In „Der marktgerechte Patient“ haben die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz die Gesundheitsversorgung in deutschen Krankenhäusern unter die Lupe genommen. Die Kernerkenntnis ihrer Arbeit bringt ein Arzt, den die beiden Interviewt haben, mit den Worten auf den Punkt: „Die Frage ist nicht mehr, was braucht der Patient, sondern was bringt der uns?“ Anders gesagt: Für deutsche Kliniken steht nicht mehr der Erkrankte im Zentrum, sondern das Geld, das sich mit ihm verdienen lässt. Im Interview mit den NachDenkSeiten erklären Franke und Lorenz unter anderem, was „Fallpauschalen“ sind, was sie für Menschen bedeuten, die in ein Krankenhaus kommen und warum in vielen Krankenhäusern längst nicht mehr von Patienten, sondern von „Kunden“ gesprochen wird. Von Marcus Klöckner

Sie haben gerade einen Dokumentarfilm, der sich mit unseren Krankenhäusern auseinandersetzt, auf die Beine gestellt. Wie lautet das Fazit aus Ihrer Arbeit mit dem Thema?

Leslie Franke: Seit der Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf „Fallpauschalen“ steht für deutsche Klinken nicht mehr der kranke Mensch, sondern der Erlös aus seiner Behandlung im Vordergrund. Wie es Professor Giovanni Maio in unserem Film treffend ausdrückt: „Das Problem, was wir haben, ist im Grunde, dass das Denken dahin geht, dass man den Patienten nicht als einen Menschen betrachtet, dem es zu helfen gilt, sondern als einen Menschen, mit dem man etwas machen kann. Der Patient, der zum Mittel wird, der Patient, den man benutzt, um Erlöse zu optimieren. Die Frage ist nicht mehr, was braucht der Patient, sondern was bringt der uns?“

So schlimm?

Leslie Franke: Genauso. Es wird auch nur noch von einer Gesundheitswirtschaft gesprochen, aus der sich der Staat zunehmend herauszieht, alles soll der Markt regeln. Der Mensch wird zum Werkstück, das wie in einer Fabrik vorne eingefüllt, fließbandmäßig bearbeitet wird, um dann möglichst schnell wieder hinten ausgespuckt zu werden, um optimale Erlöse zu generieren.

Warum haben Sie den Titel „Der marktgerechte Patient“ gewählt?

Herdolor Lorenz: Insbesondere in den privaten Klinikkonzernen spricht man nur noch ungern vom Patienten (lat.

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“Mehr als 3 Stunden um Mensch zu sein” – Über 100.000 Menschen gegen den 12-Stunden-Tag – Kontrast.at

“Mehr als 3 Stunden um Mensch zu sein” – Über 100.000 Menschen gegen den 12-Stunden-Tag – Kontrast.at

01-07-18 07:35:00,

Über 100.000 Menschen haben am 30. Juni 2018 gegen den 12-Stunden-Tag demonstriert. 100.000 Menschen haben viele Gesichter – sie fordern mehr als drei Stunden am Tag, um Mensch zu sein.

Mit einer Großdemo hat der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) am Samstag gegen den 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche protestiert. Zehntausende waren dem Aufruf der Gewerkschaften gefolgt und zogen vom Wiener Westbahnhof zum Heldenplatz. Während manche auf dem Westbahnhof noch darauf warteten, loszugehen über die Mariahilfer Straße anzutreten, erreichte die Spitze des Demozugs bereits den Heldenplatz.

5 Tage später – am 5. Juli wollen ÖVP und FPÖ den 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche im Parlament beschließen.

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Der digitale Mensch

Der digitale Mensch

31-05-18 12:05:00,

Als der Religionshistoriker Gershom Scholem, Inhaber des Lehrstuhl zur Erforschung jüdischer Mystik an der Universität Jerusalem 1965 hörte, dass im Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rehovot ein hochkomplexer neuer Großrechner in Betrieb genommen werden sollte, schlug er vor, diesen „Golem I“ zu nennen. Scholem, 1897 in Berlin geboren, gilt als Wiederentdecker der Kabbala, jener mystischen, meist mündlich weitergegebenen jüdischen Geheimlehre. Mit der Geschichte vom Golem, des ersten Roboters der Neuzeit, den der legendäre Prager Rabbi Löw zur Abwehr antisemitischer Zeitgenossen aus einem Klumpen Ton geformt haben soll, war Scholem aus Mitteleuropa vertraut.

ALES FING IN PRAG AN…

Um vier Uhr morgens (nach jüdischem Kalender des 20. Adar 5340, nach christlichem des 17. März 1580) verließen, so die Legende, drei Prager, Rabbi Löw, sein Schwiegersohn und ein Schüler die hunderttürmige Stadt. Ihr Ziel: Eine Lehmgrube an der Moldau.

Im Nebel des Morgengrauens formten sie mit ihren Fingern (lat. digites) aus dem feuchtem Flusslehm eine drei Ellen hohe menschliche Figur. Einen digitalen Menschen also. Ganz, wie es in den Schriften stand, befahl Rabbi Löw seinem Schwiegersohn, siebenmal um den Lehm-Cyborg herumzugehen und dabei eine bestimmte Formel (tzirufim) aufzusagen. Die Tonfigur begann zu glühen. Nun umschritt Rabbi Löws Schüler die Figur siebenmal: Der Golem (hebräisch für “dumm”, ”ungeformt”) wurde feucht und dampfte, es wuchsen ihm Haare und Fingernägel. Als letzter schritt der Rabbi selbst siebenmal um den Golem herum. Gemeinsam stellten sich die drei Beteiligten zu Füßen des Golem auf und sprachen den Satz aus der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott blies ihm den lebendigen Atem in die Nase, und der Mensch erwachte zum Leben.“ Da öffneten sich die Augen des Golem.

Rabbi Löw befahl dem nackten Lehmroboter, sich aufzurichten. Die drei Männer zogen ihm das mitgebrachte Gewand eines Schammes (eines Synagogendieners) an. Rabbi Löw gab dem Golem den Namen Joseph nach dem talmudischen Joseph Scheda, der halb Mensch gewesen sei und dem Rabbi in vielen Bedrängnissen beigestanden haben soll.

DER ERSTE KÜNSTLICHE ARBEITER

In der Stube des Rabbi saß der Golem stets leblos in der Ecke. In Betrieb genommen wurde er erst durch Rituale aus dem „Sefer Jezirah“, dem Buch der Formung, des ältesten schriftlich überlieferten Werks der Kabbala. Um den Golem einzuschalten, musste ihm Rabbi Löw einen Zettel mit dem „Schem“, dem Namen Gottes, unter die Zunge legen. Heute würden wir wohl “Application” zu diesem Zettel sagen.

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Der Mensch ist das größte Geheimnis

Der Mensch ist das größte Geheimnis

06-02-18 10:55:00,

Von Maik Hosang

 

Grund dieser jahrzehntelangen Verdrängung – denn bis Mitte des 20. Jahrhunderts war er bekannter als heute – ist letztlich Böhmes „Ganzheitlichkeit“ oder „Integralität“, welche sich mit den Normen moderner instrumenteller Wissenschaft nicht fassen lässt. Gelingt es dieser neuen Ausstellung und Buchveröffentlichung, Böhme wieder lebendiger werden zu lassen?

Ja und Nein. Ja, weil Buch und Ausstellung einen so noch nicht dagewesenen Gesamtblick zu Böhme bieten. Das Grundgerüst dazu bilden sieben Begriffe, die – nach Meinung der Macher – zentral für Böhme waren: Natur, Finsternis, Schöpfung, Kosmos, Wiedergeburt, Licht und Freiheit. Nein, weil trotz aller scheinbaren Ganzheitlichkeit doch wiederum vorwiegend ein religiös-mystischer Blick auf Böhme geworfen wird. Dies zeigt sich bereits an der Auswahl der sieben Begriffe. Um dieser mystizistischen Sicht auf Böhme etwas entgegenzusetzen, hatte ich bereits vor Jahren im Wikipedia-Eintrag zu Böhme das zu viele Gerede um seine Gottesbegriffe durch seine beiden zentralen Kategorien „Freiheit“ und „Sophia als weibliche Weisheit“ ergänzen wollen. Die Freiheit hat man immerhin in den Text aufgenommen, die „weibliche“ Weisheit nicht. Und wenn man schon zentrale Begriffe bei Böhme herauskristallisiert, dann hätte man für ein modernes Verständnis statt „Finsternis“ und „Licht“ in heutiger Zeit doch besser „Mensch“ und „Liebe“ – die für ihn letztlich wesentlicher sind – nehmen sollen.

Wer ein erstes gutes Bild über Böhme mitsamt seiner Wirkung auf Kultur und Kunst bekommen will, dem seien das neue Buch und auch die Ausstellung dennoch empfohlen. Wer noch mehr von Böhme verstehen will, ergänze dies jedoch um die den Geist Böhmes noch besser treffende philosophische Romanbiografie, welche die Griechin Edith Mikeleitis bereits vor rund 50 Jahren veröffentlichte. Aus diesem ist auch die Überschrift dieses Textes entnommen. Man findet dieses einst sehr populäre Buch z.B. digital hier.

 

Alles in Allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme. Denken · Kontext · Wirkung Herausgeber: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Claudia Brink, Lucinda Martin, 196 Seiten, 124 farbige Abb., Sandstein Verlag 2017, € 18,- ISBN 978-3-95498-328-5. Auch als Bundle mit Textband für € 35,-

 

Dr. Maik Hosang ist ist Philosoph, Zukunftsforscher und Sozialökologe und lebt in der Nähe von Görlitz.

 

 

 

 

 
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Wie der Mensch die Kontrolle über den Algorithmus behalten kann

Wie der Mensch die Kontrolle über den Algorithmus behalten kann

19-01-18 01:18:00,

Seitdem Justizminister Heiko Maas (SPD) die Regulierung von Algorithmen auf die politische Agenda gesetzt hat, ist das Thema fast so prominent wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). „Der Angriff der Algorithmen“, so lautet die irreführende Übersetzung eines Buches von Cathy O‘Neil (im Original Weapons of Math Destruction, 2015), das die Entwicklung und Anwendung so genannter algorithmischer Entscheidungssysteme in den Vereinigten Staaten von Amerika thematisiert. Es stellt oft die Basis der hiesigen Debatte dar und leitet sie dennoch in die falsche Richtung.

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Das Buch illustriert, wie es dazu kam, dass Maschinen – aka Algorithmen, aka Software – darüber entscheiden, welcher Mensch etwa zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird, welcher Mensch welche Bildungsangebote zur Auswahl bekommt oder auch wie hoch das Strafmaß von Straftätern ausfallen soll. Diese Entscheidungen sind abhängig von individuellen Bewertungen. Die Berechnung dieser Bewertungen basiert auf Scoring, bekannt aus dem Bereich der Kreditvergabe, und soll auf Basis von gesammelten Erfahrungen aus der Vergangenheit möglichst zuverlässige Prognosen für die Zukunft geben. Die Frage ist natürlich, welche Daten der Ermittlung eines individuellen Wahrscheinlichkeitswertes zugrunde gelegt werden, in welche Beziehung diese Daten zueinander gesetzt werden und zu welchem Zweck die Bewertung gebildet wird.

Das Buch kritisiert, dass die algorithmischen Entscheidungssysteme undurchsichtig sind: Die Anwendung und Funktionsweise ist Betroffenen in den meisten Fällen nicht bekannt. Oft unterliegen die Algorithmen der Geheimhaltung – ihre Schöpfer begründen das mit Geschäftsgeheimnissen und potentieller Manipulation. Viele Möglichkeiten der Kontrolle und Beeinflussung maschineller Entscheidungen entfallen dadurch. Die Entscheidungssysteme werden überdies gern zweckentfremdet: Die Kredit-Scoring stellt dann etwa nicht nur Grundlage der Kredit-Vergabe, sondern auch der Berechnung von Prämien bei Autoversicherungen dar – unabhängig vom individuellen Fahrverhalten. (Hier dazu eine Analyse der Bertelsmann-Stifung).

Das ist sehr praktisch für reiche Erben: Sie können theoretisch auch besoffen Auto fahren, ohne Rückwirkung auf die Prämie. Wer dagegen aus ärmeren Verhältnissen kommt, sollte nicht zerknirscht sein, wenn ihm trotz exzellenter Fahrweise höhere Raten aufgebrummt werden – so funktioniert das System. Fast täglich häufen sich nun die Berichte über gravierendere Fälle fehlerhafter oder diskriminierender maschineller Entscheidungen. Diese sollen hier nicht wiederholt werden. Statt dessen widmet sich der Beitrag der Situation in Deutschland und der Frage von nahe liegenden rechtlichen Lösungsansätzen,

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