Nationaler Narzissmus am Beispiel des kollektiven Gedächtnisses vom Zweiten Weltkrieg

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14-08-19 10:42:00,

Hintergrundbild: Bundesarchiv, Bild 183-H26353 / Eric Borchert / CC-BY-SA 3.0

Menschen überschätzen nach einer Studie den Beitrag ihrer Länder, auffällig ist, dass die Bedeutung der einstigen Sowjetunion für den Sieg über Deutschland unterschätzt wird

Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt bereits 75 Jahre zurück. Die meisten Menschen, die jetzt leben, haben ihn und seinen Ausgang nicht selbst erlebt. Aber es gibt ein kollektives Gedächtnis, das durch Narrative in Erzählungen, Geschichtsbüchern, Filmen und Feiern gebildet wird, die nationale Identität prägt und dazu beitragen kann, Beziehungen zwischen Ländern und aktuelle Konflikte zu beeinflussen. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun eruiert, welches Wissen Menschen in 11 am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten über den Krieg haben und welchen Beitrag sie ihren Ländern für den Krieg und dessen Beendigung zuschreiben.

Den Ausgangspunkt der Studie, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen ist, stellt die Erkenntnis dar, dass die Sicht sehr ethnozentrisch geprägt sein kann. In einer – allerdings nicht repräsentativen – Umfrage unter Studenten aus 35 Ländern sollten diese prozentual angeben, wie hoch der Beitrag ihrer Länder zur Weltgeschichte ist. Die Russen gaben 61 Prozent, die Inder 50 Prozent, die Italiener 40 Prozent an. Insgesamt summierten sich die Schätzungen auf über 1000 Prozent. Dieser Narzissmus funktioniert auch innerhalb eines Landes, die Bewohner der amerikanischen Bundesstaaten überschätzten ebenfalls deutlich deren Bedeutung für die USA. Und auch individuell neigen die Menschen narzisstisch zur Überschätzung ihres Anteils, beispielsweise wenn Paare gefragt werden, welchen Beitrag sie an der Haushaltsarbeit leisten.

“Wir haben den Krieg gewonnen”

Bekannt ist auch, dass die Amerikaner glauben, dass letztlich der Kriegseintritt der USA zum Sieg im Ersten und Zweiten Weltkrieg führte, woraus sich das Narrativ ableitet: “Wir haben den Krieg gewonnen.” Das habe sich in Schulbüchern, Filmen, Erzählungen und den Erinnerungen der Soldaten niedergeschlagen. In Russland werde das sehr unterschiedlich betrachtet und gibt es ein anderes Narrativ.

Die Wissenschaftler sehen unterschiedliche nationale Narrative als bedeutsam an, weil sie die internationalen Beziehungen oder Nicht-Beziehungen prägen: “Als Russland beispielsweise 2008 in Georgien einmarschiert ist, unterschieden sich die Narrative der Invasion zwischen der russischen und der georgischen sowie internationalen Sicht stark. Dasselbe trifft zweifellos auf den israelisch- palästinensischen Konflikt, die Kontroverse zwischen der Türkei und Armenien oder zwischen Pakistan und Indien sowie vielen ähnlichen Kontroversen zwischen Nationen oder Menschen auf der Welt zu.”

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Der Narzissmus der Linken

Der Narzissmus der Linken

28-02-18 09:03:00,

Zwar stellt der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm vielleicht ganz richtig fest, dass »die Liebe zu anderen und die Liebe zu uns selbst […] keine Alternativen [darstellten]« (1), sondern gegenteilig: So »wird man bei allen, die fähig sind, andere zu lieben, beobachten können, dass sie auch sich selbst lieben«. Doch das Problem beim Narzissten ist, dass er ja eben nicht zuerst die anderen respektiert, um sich seinen Selbstrespekt zu zollen. Letzteren sichert er sich über den Umweg mangelnden Respekts anderen gegenüber. Während Fromm, romantisch wie eh und je, davon ausging, dass der Bezug zu anderen und der zu sich selbst über dem Strich einer Addition steht, hat der Narzisst gemeinhin den Strich zwischen sich und den anderen gezogen und damit deutlich gemacht:

Unterm Strich zähl’ ich.

Narzissmus kann natürlich viele Gesichter haben. Ein jedes von ihnen gefällt sich natürlich selbstverliebt im Spiegelbild. Es gibt den klassischen Narzissmus, den man heute noch in jeder Straßenbahn erblicken kann. Gefallsüchtige junge Leute, eitel bis zum Anschlag, dauerhaft mit sich beschäftigt. Sie danken innerlich jeden Tag dem höheren Wesen, das uns das Mobiltelefon und dessen Funktion der Selfie-Fotographie geschenkt hat. Denn so ein mobiles Telefon kann man ganz pragmatisch als portablen Spiegel benutzen. Natürlich vergisst man bei diesem Dankgebet niemals, dass dieses höhere Wesen nicht ansatzweise so hübsch ist, wie man sich selbst wähnt. Selbstvergessen darf man bei gut organisierter Selbstliebe nicht sein: Das könnte den so mühsam aufgebitchten Selbstwert in eine Talsohle abgleiten lassen.

Dann gibt es etwas, was man als Wissensnarzissmus titulieren könnte, ausgelebt von Personen, die sich selbstverliebt im Antlitz ihres Wissens sonnen. Manchmal ist es nur Partikularwissen, irgendeiner, der zum Beispiel alle Bundesligaergebnisse seit 1963 kennt und sich ob dieses Wissens selbst so sehr bewundert, dass er sich dabei vergisst und gar nicht mehr bemerkt, dass er eigentlich ein Freak ist. Und dann gibt es da noch diejenigen, die tatsächlich etwas wissen – oder die nur meinen, Allwissen getankt zu haben. Letztere sind eine schwierige Klientel.

Auf eine gute Allgemeinbildung und alles, was darüber hinausgeht, kann man sicherlich stolz sein. Wenn man diese Grundlage aber dazu verwendet, um auf alle anderen herabzublicken, wird es unangenehm. Es ist eigentlich tragisch, dass man als inkarnierte Enzyklopädie, vollgepackt mit gesammeltem Wissen, immer noch die vermeintlich bildungsfernen Schichten benötigt, auf die man verächtlich blicken kann,

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