Die narzisstische Gesellschaft

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16-02-19 10:03:00,

Seinen wohl sichtbarsten Ausdruck findet das wachsende Bedürfnis zu narzisstischer Selbstdarstellung der eigenen Person gegenwärtig in den sozialen Medien des Internets. Der Narzissmus des einzelnen Menschen muss aber immer auch in Beziehung zu den ihn umgebenden gesellschaftlichen Zusammenhängen untersucht sowie dem jeweiligen kulturellen und politischen Hintergrund gesehen werden. So wurde kürzlich in einer repräsentativen Befragung der Zusammenhang von „Parteipräferenz und Narzissmus“ ermittelt. Die im Oktober 2018 veröffentlichte Studie erbrachte ein interessantes und für so manchen Betrachter sicherlich zum Teil auch unerwartetes Ergebnis. Doch was genau ist eigentlich Narzissmus? Wodurch zeigt er sich? Und wie konnte er zu einer den einzelnen Menschen sowie die gesamte Gesellschaft prägenden Erscheinung werden?

Bei der Behandlung psychischer Probleme habe er – schreibt Alexander Lowen – in den letzten Jahrzehnten seiner ärztlichen Tätigkeit bei seinen Patienten „eine ausgeprägte Veränderung“ festgestellt: Die klassischen Neurosen früherer Jahre, „die sich in lähmenden Schuldgefühlen, Ängsten, Phobien oder Zwangsvorstellungen manifestierten“, seien immer weniger geworden. Zugleich habe aber die Anzahl von Patienten stetig zugenommen, die in seine Praxis kommen und „über Depressionen klagen“, die „einen Mangel an Gefühl, eine innere Leere, ein tiefes Empfinden von Frustration und Unerfülltheit“ beschreiben (1).

In der Regel handelt es sich dabei – so Lowen – um egoistische, auf ihre eigenen Interessen ausgerichtete Menschen, denen es aber zugleich an einem soliden Selbstgefühl mangelt, und die ihr Dasein oftmals nur noch als leer und sinnlos erleben können. Ausgesprochen wichtig ist ihnen jedoch der Eindruck, den sie auf andere Menschen machen, die Wirkung, die sie auf ihre soziale Umwelt ausüben. In ihrer Arbeit sind sie, trotz ihrer inneren Leere und ihrem Mangel an Gefühl, meist auch sehr erfolgreich und wirken oft sogar als „zu tüchtig, zu mechanisch, zu perfekt, als daß sie menschlich sein könnten. Sie funktionieren eher wie Maschinen als wie Menschen“ (2).

So fällt es ihnen auch leicht, persönlich Eindruck zu machen, und ihre „meisterhafte Fähigkeit, die Feinheiten der Selbstdarstellung zu handhaben“, kommt ihnen im Berufsleben immer wieder zugute (3). Es sind Menschen, bei denen „zwischen der Art, wie sie in der Welt funktionieren, und dem, was in ihnen vor sich geht, eine Spaltung besteht“ (4).

Lowen sieht in dieser Art von Persönlichkeitsstörung, die er als Narzissmus bezeichnet, eine für die heutige Zeit typische Erscheinung, mit der nicht nur der individuell-psychische Zustand vieler Menschen beschrieben werden kann,

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