Die Normalität des Hasses

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08-12-18 10:26:00,

Anfang November erschien der Song „Alle hassen Nazis“ der Berliner Band Kafvka. Das dazugehörige Musikvideo entstand im Oktober auf der teilenden #unteilbar-Demo in Berlin. Das Oxymoron der teilenden Unteilbarkeit, also die Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe, wird uns diesen gesamten Artikel hindurch begleiten.

Bevor wir uns jedoch der Forderung widmen, Hass zu normalisieren, soll erst einmal begründet werden, warum ein Musikvideo Gegenstand dieses Artikels ist, welches zum Zeitpunkt dieser Niederschrift nicht einmal zehntausend Klicks auf YouTube verzeichnet hatte. Kafvkas Song spiegelt am allerdeutlichsten ein gesellschaftliches Phänomen wieder, das in Zeiten von #wirsindmehr und #unteilbar vor allem im links-liberalen Milieu der gehobenen Mittelschicht und der Grünen-Wählerschaft Einzug hält: „Wir sind die Guten! Die anderen sind böse Nazis oder provinzielle Proleten. Wir hingegen sind die weltoffenen, kultivierten Bildungsbürger.“

Doch was singt, beziehungsweise schreit Sänger Jonas von Kafvka in dem Musikvideo dem Zuschauer entgegen? Im Refrain heißt es:

„Das ist ja nicht einmal links, was ich sag,

guck mal, wir sind ja nicht einmal links-radikal,

das ist einfach nur normal,

alle hassen Nazis,

alle hassen Nazis.“

Der Refrain ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Einerseits maßt sich die Band an, für einen sehr großen Teil der Nicht-Nazi-Bevölkerung – wobei diese Grenze im heutigen Schwarzweißdenken sehr schwammig ist – sprechen zu können. Woher will die Band bitte wissen, dass Millionen Menschen Nazis hassen? Also wirklich hassen! „Hassen“ und „nicht mögen“ ist immerhin noch ein brisanter Unterschied.

Das wirklich Fatale ist am Ende jedoch, dass Hass zur Normalität erklärt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass jeder, der gegen eine gewisse Gruppe von Menschen – Nazis – keinen Hass empfindet, nicht normal sei. Je nach Kontext ist „normal“ oder „unnormal“ entweder positiv oder negativ konnotiert. Jemand, der die Gesellschaft als „krank“ betrachtet, würde den Vorwurf, unnormal zu sein, eher als Kompliment verstehen. Hier ist „normal sein“ jedoch eine erstrebenswerte Eigenschaft.

Soll das nun ein Aufruf sein, mit Nazis zu sympathisieren? Nein! Doch zwischen Antipathie und Hass liegt ein sehr breites Feld. Nur bleibt dieses Feld unsichtbar, wenn man wie auf einem Schachbrettmuster nur schwarze und weiße Felder sieht. Und natürlich erklingt in meinen Ohren beim Anblick eines glatzköpfigen Neonazis nicht der Ohrwurm von John Paul Young: „Love is in the air“.

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Der Wahnsinn der Normalität

Der Wahnsinn der Normalität

04-08-18 01:35:00,

Herr Mies, Sie publizieren viel zu Krieg und dem sogenannten Tiefen Staat. Wie würden Sie die aktuelle Weltlage skizzieren und warum ist Aufklärung über den Tiefen Staat Ihrer Ansicht nach notwendig?

Zunächst will ich mich ganz kurz auf die aktuelle Weltlage beziehen. Da sehe ich Chaos auf der ganzen Linie, Herr Wernicke. Chaos als die letzte Vorstufe zur Dystopie! Es geht realiter um das Endspiel des Planeten, bevor er sich der Spezies Mensch entledigt.

Dieses Chaos ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Menschen gemachtes Resultat der ökonomischen, politischen und technologischen Prozesse, die Jahrhunderte zurückliegen und aufeinander aufbauen (1).

Die Spitze dieser Prozesse währt nunmehr knapp 30 Jahre. Ich meine damit konkret den Kollaps der UdSSR und den Aufstieg des US-amerikanischen und EU-Brutalkapitalismus als Formation, die ich als „neoliberalen Faschismus in Lauerstellung“ (2) bezeichne.

Die „Demokratie, wie wir sie kannten“, also die parteienbasierte parlamentarische Demokratie unter den Bedingungen des Marktradikalismus und der Herrschaft der Finanzindustrie, halte ich für ein völliges Fehlkonstrukt zur Lösung unserer Probleme. Wir leben in Scheindemokratien, die aus puren Klasseninteressen propagandistisch am Leben gehalten werden.

Das alles hört sich nicht besonders ermutigend an und reizt auch nicht zum Widerstand, wenn man sagt: Die Dystopie ist unausweichlich.

Nein, das ist sicher nicht ermutigend, aber das ist die Wirklichkeit und die Augen zu verschließen, hilft zum einen nicht weiter, zum anderen ist eine solche Haltung für denkende Menschen unwürdig. Die Dystopie ist aber nicht zwingend unabwendbar.

Sie tritt jedoch zwingend ein, wenn die Menschheit so weiter macht wie bisher. Sie tritt auch nur dann ein, wenn „die Lämmer weiter schweigen“, um den Begriff Rainer Mausfelds zu verwenden. Aktuell sieht es aber nicht danach aus, dass „die Lämmer“ sich gegen die Wölfe erheben werden. Vielleicht werden „die Lämmer“ ja durch bislang unvorhergesehene Ereignisse aus dem Schlaf gerissen, um in der Begrifflichkeit zu bleiben.

Die andere und sehr viel entscheidendere Frage ist aus meiner Sicht, ob man für fundamentale Umorientierungen in einer Gesellschaft die „schlafenden Schafe“ überhaupt aufwecken muss, oder ob nicht vielmehr eine intelligente Minderheit — „die kritische Masse“, das sind ja unter anderem auch die Leser, an die sich RUBIKON wendet — ausreicht, um das pseudo-demokratische Schmierentheater zum Einsturz zu bringen, zum Beispiel diese unsägliche große Ignoranten-Koalition in Deutschland. Denn zu keiner der überlebenswichtigen Fragen liefern die führenden Politchargen und deren Medienkomparsen irgendwelche Lösungen.

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