Yoga ist politisch

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15-03-19 08:15:00,

Kerstin Chavent: Liebe Gudrun Kromrey, was hat Sie dazu gebracht, aus der Medienwelt auszusteigen und sich voll und ganz dem Yoga zu widmen?

Gudrun Kromrey: Mit Mitte Fünfzig hatte ich ein Burnout, besser gesagt eine Sinnkrise. Der Druck des ewigen Höher, Schneller, Weiter erschien mir zunehmend sinnentleert. Ich fühlte mich als Gefangene meines eigenen Unternehmens und der Branchen, für die wir arbeiteten.

Hinzu kam ein schleichendes Gefühl, dass das alles um mich herum nicht in die richtige Richtung läuft. Ich hasste es, mir vorzustellen, dass mit meinen hohen Steuergeldern Banken gerettet werden. Hinzu kam Wut über die Demokratie erodierenden Sätze, wie: „too big to fail“, Wut auf erkennbar lobbygesteuerte politische Entscheidungen, die die Rechte der Frauen, der Tiere und der Natur stumpf ignorieren. Das Prinzip Konsumismus als Mittel, die zunehmende soziale Ungerechtigkeit zu verschleiern, kotzte mich mehr und mehr an. Und ich konnte angebliche Entscheidungsträger in Anzügen nicht mehr ertragen.

Und dann kam Yoga. Ich belegte einen Yogakurs an der örtlichen VHS. Am Anfang kam ich dort immer zu spät und völlig gestresst an. Aber dann war plötzlich etwas ganz Neues, ganz Ungewohntes spürbar, wenn ich mich auf der Matte beim Yoga bewegte und entspannte. Da war wieder Kraft, pure Lebensenergie. Da war ich.

Spannend, dachte ich. Wie macht dieses Yoga das?

Das faszinierte mich. Ich entschied mich, eine Yogalehrerausbildung zu absolvieren. Auch weil das der krasseste Gegensatz zu meinem bisherigen erfolgs- und leistungsorientierten Leben war. Ich wickelte sehr sozial verträglich für die Mitarbeiter meine Firma ab.

Es ist übrigens spannend, dass in einem vom Wachstum geprägten System keine Vorlagen existieren, ein gut laufendes und finanziell sehr gesundes Unternehmen einfach zu liquidieren. Zum Glück begleitete mich, nachdem er die erste Irritation überwunden hatte, ein guter Steuerberater.

Ich stellte fest, dass Yoga gar nicht so viel mit schlanken Muskeln und einem flachen Bauch zu tun hat, sondern dass dahinter eine uralte, sehr schlüssige Philosophie, Psychologie und Ethik stecken.

Die wohl mehr als 2.000 Jahre alten Yoga-Sutras — Leitfäden für ein gutes Leben, individuell und für die Gesellschaft — des Gelehrten Patanjali sind deutlich weitgehender und „moderner“ als die im Vergleich dazu eher beschränkten christlichen 10 Gebote. Außerdem ist Yoga keine Religion, man muss hier an nichts und an niemanden glauben, außer an sich selber.

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