Das weibliche Prinzip

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14-05-19 07:43:00,

Fast immer in der europäischen Geschichte war die gesellschaftliche Stellung der Frau niedriger als die des Mannes. Doch es gibt Unterschiede in Art, Intention und Qualität dieser Abwertung gegenüber dem Mann, die historisch wandelbar sind. Der Kapitalismus entwickelte sich nicht natürlich aus dem Feudalismus. Das wäre eine viel zu bequeme Analyse. Er war vielmehr eine Reaktion der Feudalherren, die die antifeudalen Kämpfe zu unterdrücken suchten. Die Identität und Tätigkeit der Frau spielte dabei eine entscheidende Rolle (1).

Das wesentliche Element des Feudalismus war die Leibeigenschaft, die sich nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches und dem damit verbundenen Ende der europäischen Sklaverei durchgesetzt hatte. Und zweifelsfrei war sie ein Instrument der Unterdrückung, denn diese Art der Ausbeutung beruhte auf unmittelbarem Zwang: Leibeigene waren verpflichtet, ihren Grundherren Frondienste zu leisten und standen körperlich voll in deren Gewalt. Man muss allerdings zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei den Leibeigenen meist um selbstversorgende Bauern handelte, die ein eigenes beziehungsweise vom Lehnsherrn bereitgestelltes Flurstück besaßen. Sie hatten also Zugang zu ihren eigenen Reproduktionsmitteln.

Die Produktion von Gütern — also diejenigen Arbeiten, welche die Bauern für ihre Herren und sich selbst verrichteten — und die sogenannte Reproduktion der Arbeitskraft — sprich Regeneration durch beispielsweise essen oder schlafen — waren nicht voneinander getrennt. Sie bildeten viel mehr eine symbiotische Einheit, denn die Bauern nutzten ihre Arbeitskraft beispielsweise zum Anbau von Gemüse, das sie später gebrauchten, um ihre Arbeitskraft wieder zu reproduzieren — und natürlich, um Abgaben leisten zu können. Die Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft, meist häusliche Arbeit, die oft von Frauen verrichtet wurde, besaß damit theoretisch keinen geringeren Wert als die der Männer. Ein Zustand, der sich im Kapitalismus drastisch ändern sollte (1, 2, 3).

Die Frauen waren ihrem Mann schon damals untergeordnet. Allerdings stand die Autorität des Grundherren über der Autorität des Ehemannes. Man hatte sozusagen einen gemeinsamen „Feind“, wodurch die Spaltung von Mann und Frau gemildert wurde. Zudem soll es das sogenannte „Ius primae noctis“ gegeben haben, das Recht des Lehnsherrn, die Hochzeitsnacht mit der Braut des Leibeigenen zu verbringen. Die tatsächliche Existenz dieses Rechts wird heutzutage kontrovers diskutiert und teilweise als „Propagandalüge der Aufklärer“ bezeichnet. Doch selbst, wenn dieses Recht schon damals nur als Gerücht umging: Man kann sich vorstellen, welch außerordentliche Wut und auch Bindung dies beim Leibeigenen-Paar geschaffen haben muss.

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Das Prinzip Hoffnung

Das Prinzip Hoffnung

21-07-18 01:12:00,

Der Platz, an dem sich die Moderatorin und Friedensaktivistin Julia Szarvasy (32) und der Schriftsteller und Rubikon-Autor Dirk C. Fleck (75) zum Sommergespräch trafen, hätte idyllischer nicht sein können. Die prächtigen Bäume, der plätschernde Fluss, das Vogelgezwitscher bilden einen merkwürdigen Kontrast zum Inhalt des Gesprächs, in dem es darum geht, wie man dem von den Menschen längst eingeleiteten Ökozid, der irgendwann an den Nerv allen Lebens geht, als Mahn-Wesen noch begegnen kann.

Wer den selbstmörderischen Charakter eines giergesteuerten Wirtschaftssystems, dem die Politik weltweit den roten Teppich ausrollt, einmal durchschaut hat, wer die ungeheuerliche Tatsache erkannt hat, dass die Schraube der Vernichtung bis zum Anschlag gedreht wird, für den gibt es kein Zurück mehr – auch wenn den meisten klar ist, dass sie in ihrer Verzweiflung lediglich als Rufer in der Wüste agieren.

Das vorliegende Video ist deshalb so interessant, weil es zwei sehr unterschiedliche Standpunkte offenbart, die wohl dem Altersunterschied der beiden Diskutanten geschuldet sind. Da die Menschen offensichtlich nicht begreifen, dass wir mit dem gigantischen Ressourcenverbrauch, mit der Luft- und Wasserverschmutzung, mit den „Segnungen“ der Gentechnologie, mit der Hypothek des Atommülls, den vom Zaun gebrochenen Kriegen und den von uns verursachten Veränderungen der klimatischen Bedingungen sehr bald auch ein anderes gesellschaftliches Klima in Kauf zu nehmen haben, fühlt sich Julia in ihrer Aufklärungsarbeit eher noch mehr gefordert, während Dirk ganz offen gesteht, dass er nicht mehr die Kraft hat, sich der Walze aus Dummheit und Ignoranz entgegenzustellen.

Er plädiert dafür, sich die Folie eines zu nichts führendem gesellschaftspolitischen Kampfes von der Seele zu reißen, um wieder in Verbindung mit dem Mysterium der Schöpfung zu kommen – dem wahren Leben, wie er es nennt. Ein Mensch, der auf diese Weise zur Ruhe gekommen ist und seinen inneren Frieden zurückgewonnen hat, besitzt aufgrund seiner Aura mehr Überzeugungskraft als jede politische Predigt und ist daher politischer als jeder moralisch noch so hochgerüstete Agitator.

Dirk C. Fleck

Dirk C. Fleck, Jahrgang 1943, studierte an der Deutschen Journalistenschule in München, volontierte beim Spandauer Volksblatt in Berlin, kreierte dort mit dem „Magazin“ die erste Wochenendbeilage einer deutschen Tageszeitung, war Lokalchef der Hamburger Morgenpost, sowie Redakteur bei Tempo, Merian und Die Woche. Er arbeitete als regelmäßiger Kolumnist für Die Welt und die Berliner Morgenpost und war für den Stern,

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