Jenseits der Projektionen

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16-08-19 08:52:00,

Die Familie steht uns nun bei unserem Weg zu uns selbst nicht mehr im Wege. Doch da befindet sich eine Menge anderer Menschen, die wir uns mehr oder weniger ausgesucht haben. Viele davon erscheinen uns fremd, suspekt. Mit verschlossener Miene sitzen wir uns in den öffentlichen Transportmitteln gegenüber, genervt drängeln wir uns in der Menge aneinander vorbei, teilnahmslos stehen wir hintereinander in der Schlange und passen darauf auf, dass sich keiner vordrängelt.

Die anderen sind verdächtig und wollen uns potenziell nichts Gutes. Sie nehmen uns den Parkplatz oder die Arbeit weg. Sie verstehen uns nicht. Sie provozieren oder langweilen uns. Wie einfach wäre das Leben ohne nervige Nachbarn, meckernde Kollegen und schlechte Autofahrer! Immer wieder werden wir mit diesen Idioten konfrontiert. Es ist wie verhext: Kaum lässt uns einer halbwegs in Ruhe, steht schon der nächste da und macht uns das Leben schwer.

Da bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als uns in unsere virtuellen Gemeinschaften zurückzuziehen. Mit einem Klick hat man ein paar neue Freunde mehr, die wenigstens das liken, was man selbst auch likt und die sich sogar dafür interessieren, was man gerade Belangloses macht. Und wenn man einander überdrüssig geworden ist, ist man sich mit einem Klick auch schnell wieder los.

Leider verlernen wir dabei, mit unseren Nächsten aus Fleisch und Blut zu kommunizieren und auch dann, wenn wir gemeinsam unter einem Dach leben, bleiben wir uns oft fremd. Selbst hier trauen wir einander nicht über den Weg. Wer sagt schon zu seinem Partner: „Ich fühle mich heute so klein und verletzlich. Nimm mich bitte einfach mal in die Arme.“ Stattdessen schleudern wir ihm entgegen: „Immer machst du …! Nie hast du …!“ Wer erzählt schon seinen Liebsten von seinen Zweifeln und Ängsten und versucht nicht, sie hinter guter oder schlechter Laune, geschäftigem Treiben oder einer der vielen Masken zu verstecken, die wir so oft aufsetzen, dass wir oft gar nicht mehr spüren, wie sehr sie drücken?

Meistens ist uns ja selbst nicht klar, wie wir uns eigentlich fühlen und wie es uns gerade wirklich geht. Wie könnten wir auch? Wir sind ja die meiste Zeit durch irgendetwas abgelenkt und damit beschäftigt, möglichst keine Leere entstehen zu lassen.

Wer weiß schon, wer er ist, abgesehen von dem, was im Personalausweis oder im Profil der virtuellen Netzwerke steht?

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