Unsere stärkste Waffe!

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15-05-19 07:16:00,

Mein Magen knotet sich zusammen, als ich auf KenFM ein Video der französischen Website Le Vent se lève ansehe. Die Warnung, dass die Bilder „auf sensible Menschen verstörend wirken können“ ignoriere ich. Als ich am Ende des Videos fassungslos im stillen Zimmer sitze und aus dem Fenster hinter meinem Schreibtisch starre, breche ich in Tränen aus. Traurigkeit und Angst mischen sich mit Wut. Was ist denn los in dem Land, wo ich neun Jahre lang lebte? Was ist los in unserer Welt? In unserem privilegierten Europa?

Mich überrascht meine Reaktion. Schließlich hatte ich schon einiges über die Bewegung der Gelbwesten und die brutalen Reaktionen der französischen Ordnungskräfte gelesen. Doch die Bilder und vor allem die Stimmen und Worte der Menschen, die der Polizeigewalt zum Opfer fielen, sind etwas anderes. Wenn wir diese Opfer tatsächlich sehen und hören, statt nur über sie zu lesen, werden sie zu Menschen wie wir und berühren unsere Emotionen.

Beklommen fahre ich ins Büro und denke die ganze Busfahrt an dieses Video und die Situation in Frankreich. Fühlt es sich näher für mich an, als für andere Deutsche, da ich die Sprache verstehe und selbst dort gewohnt habe? Ich erinnere mich an die schon damals unfreundliche und beängstigende Polizei, die bei allen Franzosen, die ich kennenlernte, einen schlechten Ruf hatte.

Als ich einmal mit Freunden in der Innenstadt von Lyon von einer Truppe gewalttätiger Jugendlicher verfolgt wurde, wurde einem von uns mit einer Eisenstange der Arm gebrochen. Selbst eine Stunde nach unserem Anruf kam kein Streifenwagen, um uns zu helfen oder Anzeige erstatten zu lassen. Das sind längst verdrängte Erinnerungen, die nun im Bus wach werden, wenn ich die Erzählungen der Opfer Revue passieren lasse.

Als ich im Büro ankomme, beginne ich mir die Seite „Le Vent se lève“ anzusehen und bin beeindruckt. Sie ist ein mit Rubikon vergleichbares Projekt, das sich für unabhängigen Journalismus einsetzt, sich aus Spenden finanziert und gegen den Neoliberalismus engagiert. Auf Facebook haben sie bereits über 80.000 Abonnenten. Die Gründer der Website sind gerade einmal zwischen 21 und 26 Jahre alt und studieren zum Teil noch.

Ich fühle mich mit diesen jungen Franzosen verbunden und denke an den Abgeordneten und Journalisten François Ruffin, seinen berührenden Film über die Gelbwesten und seine unabhängige Zeitung Fakir.

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Russland bald stärkste Volkswirtschaft Europas und fünftgrößte der Welt?

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22-12-18 09:59:00,

Grafik: CC0

Wie sich Wladimir Putin die wirtschaftliche Zukunft seines Landes vorstellt

Nach dem Fall der UdSSR in 1992 drohte Russland unter Jelzin (1991-2000) ein Dritte Welt-Staat zu werden. Putin brachte die Wende. Auf der letzten Pressekonferenz gab er an, Russland werde bald, noch vor Deutschland, fünfstärkste Volkswirtschaft der Welt werden. Das nach der Kaufkraftparität (PPP) gerechnete Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich seit 2000 mehr als verdreifacht. Auch andere volkswirtschaftlichen Indikatoren konnten sich deutlich verbessern. Nach PricewaterhouseCoopers wird Russland Deutschland 2030 als die stärkste Wirtschaft Europas ablösen und die Führerschaft nicht mehr abgeben. Wie realistisch ist dieses Szenario? Was sind die Risiken, was die Chancen dieser Prognose? Ist es denkbar, dass dieses Überholungsmanöver sogar früher gelingt?

Kapitalismus “von oben” funktioniert, Volkswirtschaft geht vor Betriebswirtschaft

Daran kann zunächst gezweifelt werden. Denn die staatlichen Eliten sind wenig am betriebswirtschaftlich und renditeorientierten “Kapitalismus von unten” interessiert. Die Apparatschiks der Neuzeit fürchten aus Angst vor Machtverlust diese fremde ökonomische Denkweise und lassen eine Demokratisierung der Wirtschaft nur zögerlich zu. Politiker und Verwalter sind bekanntlich keine Manager. Mittelstand und Existenzgründungen werden kaum gefördert, Korruption und Rechtsunsicherheit bleiben weiterhin stark präsent, die Konsumgesellschaft steckt noch in den Kinderschuhen.

Ungeachtet dieser Mängel feiert der russische “Kapitalismus von oben” auf dem Weltmarkt nicht nur beim Rüstungsexport punktuelle Erfolge, sondern auch in der Raumfahrt oder beim Bau von Kernkraftwerken. Ohne die russischen Sojuz-Raketen könnte unser Astro-Alex nicht zur ISS fliegen. Umgekehrt wird man im Forbes-Ranking der globalen Konsumgüter- und Dienstleistungskonzerne keine Russen finden. Der hiesige Staatskapitalismus ist vielmehr vergleichbar mit den erfolgreichen Emerging Markets, wie China oder Vietnam, die allerdings mehr “Kapitalismus von unten” zulassen. Keinesfalls ähnelt er einem Rentierstaat (OPEC- und Golfländer), der primär von Rohstoffexporten “lebt”. Russland verfügt über eine breite Produktionsbasis und konnte dank dieser Diversifikation trotz Ölpreisverfall und Westsanktionen die Krise von 2015/2016 wirtschaftlich besser überstehen als z.B. Saudi-Arabien.

Russische Großkonzerne (Gazprom, Lukoil, Rosneft, Sberbank) in den Schlüsselsektoren Öl/Gas, Banken und Bergbau befinden sich mehrheitlich im Staatsbesitz. An Gazprom, dessen Aktie an Westbörsen notiert sind, besitzt der Staat 50,1%. Der Multi spielt in der russischen Wirtschaft eine hyperaktive Rolle nicht nur in ordnungspolitischen Fragen (Subventionen, Regulierungen, Staatsaufträge), wie viele seiner Pendants im Westen. In sicherheitsrelevanten Wirtschaftsbereichen ist der Unterschied zum Westen nur marginal.

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