Die Satanismus-Formel

30-01-21 07:56:00,

„Ohne künstliche Regeln gibt es eine natürliche Ordnung innerhalb einer Gesellschaft, aber deren Entwicklung wird von den Vorstellungen behindert, dass die Menschen gleich sind, gleiche Rechte hätten und dass die Fähigen eine Art moralische Verpflichtung hätten, die weniger Fähigen und Unfähigen mitzutragen. Dies schränkt nicht nur die Fähigen in ihrer Entfaltung ein, sondern nimmt den weniger Fähigen auch jede Motivation, sich selbst um ihr Leben zu kümmern und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“

So schreibt es Lars Peter Kronlob in „Die Philosophie des Satanismus“.

Es wird im öffentlichen Diskurs selten so klar ausgesprochen, aber diese Sätze umreißen das dominierende Paradigma unserer Epoche. Im ersten Teil dieses Abschnitts wird die Gleichheit der Menschen radikal in Frage stellt, ein Abschied von der Ära der Demokratie und des Sozialstaats. Im zweiten Teil beweinen sich die Systemgewinner selbst als Opfer der Verlierer, ohne dass reflektiert wird, wie es zu ungleicher Verteilung von Geld, Posten und Fähigkeiten kommen konnte. Eine naturgegebene Rangordnung soll nicht künstlich durch falsche Rücksichtnahme eingeebnet werden. Im dritten Teil zeigt sich der quasi pädagogische Anspruch des „Förderns und Forderns“. Soziales Mitgefühl würde den „Unfähigen“ nur die Chance nehmen, selbst eigenverantwortlich ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, und wer schlecht geschmiedet hat — selbst schuld.

Fasziniert las ich im letzten Jahr dieses Buch über den Satanismus, geschrieben nicht von einem Kritiker oder Analysten, sondern von einem Befürworter dieser Geisteshaltung. Ich hatte geglaubt, ich würde von Teufelsanbetung und Schwarzen Messen erfahren, erwartete, in eine Gruselwelt à la „Rosemarys Baby“ einzutauchen. Ich fand eine eher nüchterne Aufzählung von Denkansätzen, die man — stünde nicht „Satanismus“ auf dem Buchumschlag — ebenso gut als Kompendium des Wirtschaftsliberalismus hätte lesen können. Zunächst ein paar Klarstellungen:

  1. Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, die reale Existenz eines Satans oder Teufels zu behaupten. Ich selbst glaube nicht daran — und Satanisten auch nicht, wie wir noch sehen werden. Also keine „Dämonisierung“ des Neoliberalismus im buchstäblichen Sinn — so als glaubte ich, dass der Teufel einer Angela Merkel, einem Friedrich Merz oder Joe Biden souffliert hätte. Vielmehr geht es mir darum, Merkmale einer ökonomistischen, materialistischen und sozialdarwinistischen Weltanschauung herauszuarbeiten, die ich für bedenklich halte.
  2. Es geht mir nicht darum, vor dem Satanismus zu warnen. Der Name, den sich die Bewegung gegeben hat,

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