Chile – Sebastián Piñera, die Ein-Prozent-Elite und die Militärs

chile-–-sebastian-pinera,-die-ein-prozent-elite-und-die-militars

30-11-19 01:14:00,

Teil 1: zwischen Absturz in den Abgrund und autoritärem Abenteuer. Seit 40 Tagen wird Chile von barbarischen Polizeieinsätzen gegen überwiegend friedliche Massenproteste geschüttelt. Indes liefert sich eine Minderheit vermummter Jugendlicher hinter Barrikaden – angebliche Anarchisten, die sich „Primera Línea“ („Vordere Reihe“) nennen, doch laut Mutmaßungen von Regierung und Teilen der Medien mit (sic!) „Kriminellen und Drogenhändlern gemeinsame Sache zur Zerstörung Chiles“ machen – kriegsähnliche Straßenschlachten mit Chiles Carabineros. Das Bombardement mit Tränengas, mit ätzenden Chemikalien versetztem Wasser und falschen, tödlichen Gummigeschossen mit 80 Prozent Bleischrot sowie die aus der Gegenrichtung fliegenden Pflastersteine und Molotov-Cocktails haben mehrere Innenstädte des Landes in rasende, krachende und rauchende Schlachtfelder verwandelt. Von Frederico Füllgraf.

Die obendrein praktizierten Brandstiftungen und Plünderungen befeuern allerdings die Kriminalisierung und Austrocknung der Kundgebungen mehrerer Millionen Menschen, die quer durch oder fern sämtlicher Parteien seit dem 18. Oktober „Schluss!“ sagen zum seit 40 Jahren herrschenden, ultraliberalen Wirtschaftssystem mit der von seiner skrupellosen 1-Prozent-Elite errichteten katastrophalen sozialen Ungleichheit.

Aus der Sicht der Arbeiter und Angestellten bedeutet die Brandstiftung und Plünderung eines verhassten, hochversicherten Supermarktes einen Schuss in den Ofen. Juan Moreno, Vorsitzender der Angestellten-Gewerkschaft der Walmart-Handelskette in Chile, richtete daher einen Appell an die Gelegenheits-Kriminellen: „Wenn sie einen Supermarkt ausplündern, nehmen sie nicht nur die Waren, sondern auch unseren Arbeitsplatz mit“. Die Warnung Morenos wird jedoch von tausenden, nicht versicherten Kleinhändlern geteilt, deren Läden, wenn nicht ebenso von erbosten Feuerlegern oder opportunistischen Plünderern angegriffen, zumindest in Mitleidenschaft gezogen werden und bankrott gehen.

Dass die US-Handelskette Walmart Zielscheibe von Hassentladungen ist, wundert nicht, gehört sie doch in den Augen der meisten Chilenen zur Gruppe der abusadores, also der Kartellbetreiber und finanziellen Notzüchtiger, wie die privaten Krankenkassen, Papierhersteller und großen Apotheken. Ja, über Walmart – insbesondere über seinen nach Chile emigrierten Miterben Benjamin Walton, die Liaison dessen chilenischer Ehefrau mit der rechtsradikalen Szene, die milliardenschweren Steuerschulden und den Teilbankrott des Konzerns in Lateinamerika – ist allerdings eine Menge zu berichten, doch das wird Inhalt eines weiteren, zukünftigen Artikels auf den NachDenkSeiten sein.

Divide et impera: Piñeras Umformung der Forderungen und Spaltung der Opposition

Jedenfalls gelingt es Präsident Sebastian Piñera, krakeelende Rechte und Salonlinke gegen den gemeinsamen Feind zu vereinen: das „Lumpenproletariat“. Seit Ausbruch der Proteste macht der Marxsche Begriff mit abwertendem Unterton wieder die Runde.

 » Lees verder