Auf der Suche nach dem mehrfachen Mehrwert

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18-10-19 07:37:00,

Im Zuge der letzten Jahre ist die Aufmerksamkeit für den Klimawandel deutlich angestiegen. Kaum ein Gespräch unter Freunden, das sich nicht irgendwann um das Klima dreht. Und auch in der öffentlichen Diskussion ist das Thema plötzlich ganz oben auf der Tagesordnung. Endlich!

Auch die Klimaforscher haben plötzlich entdeckt, dass es einen Domino-Effekt gibt, der das Klima sehr rasch ändern könnte.

Ich habe in meinem abschließenden Bericht an das Sekretariat für Zukunftsforschung schon 1996 eingehend vor den selbstverstärkenden Effekten im Klimasystem gewarnt und dies in mehreren Artikeln noch einmal verdeutlicht. Zuletzt 2005 in einer Artikelserie für Telepolis mit dem Titel „Kommt das Jahrhundert der Jahrhundertkatastrophen?“:

Gleichzeitig habe ich damals in meiner Panik, dass unser Klimasystem tatsächlich „kippen“ könnte, einen Ansatz entwickelt, wie wir aus der selbstzerstörerischen Dynamik des ökonomischen Mehrwerts aussteigen können: indem wir die Ökonomie erweitern, von einem einfachen — immer nur individuell berechneten Mehrwert — zu einem mehrfachen Mehrwert.

Damals hatten wir im Sekretariat für Zukunftsforschung zahlreiche gute Ideen, wie wir eine nachhaltige Gesellschaft entwickeln können, und waren aktiv daran beteiligt, als das nördliche Ruhrgebiet zum „Emscher Park“ umgebaut werden sollte. Mit unseren Ideen stießen wir aber immer wieder gegen „ökonomische Betonmauern“. „Wer soll das bezahlen?“, war eine beliebte Frage, oder „Ihre Ideen sind gut, aber wenn ich das mache, bin ich in drei Monaten meinen Posten los“, sagte mir einmal ein Vorstandsvorsitzender einer großen Firma.

Dann fiel mir jedoch auf, dass sowohl Ökonomie wie auch Ökologie denselben Wortstamm haben: Oikos.

Befasst man sich einmal eingehender mit dem Unterschied zwischen Ökonomie und Ökologie, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis: Beide sind im Grunde Lehren vom guten Haushalten.

Sowohl Ökonomie als auch Ökologie leiten sich etymologisch vom griechischen Wort Oikos ab. „Oikos“ ist das Haus oder der Haushalt, „Nomos“ ist die Lehre oder das Gesetz, Ökonomie ist also die Lehre vom guten Haushalten. „Logos“ ist der Sinn oder der Lehrsatz. Ökologie ist also ebenfalls eine Lehre vom guten Haushalten. Wo liegt da eigentlich der Widerspruch?

Ökonomie ist die Lehre vom eigenen Haushalten — was ist meins und wie kann ich es mehren?

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Rojava – Auf der Suche nach Erdogans Terroristen

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26-12-18 09:51:00,

Ankunft in Semalka/Nordsyrien Foto: Elke Dangeleit

  1. Rojava – Auf der Suche nach Erdogans Terroristen

  2. Schweigen der Mächtigen


  3. Auf einer Seite lesen

Warum ist Europa nicht daran interessiert, dass das größte Volk der Welt ohne Staat Frieden findet?

Alles deutet mittlerweile auf einen unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Türkei hin. Nach Einschätzungen von lokalen Beobachtern besteht Erdogans Plan darin, im Gebiet der Grenzstadt Tall Abyad, (kurdisch: Gire Spi) bis Raʾs al-ʿAin (kurdisch: Serekaniye) einen Keil zu treiben, damit Kobane vom Kanton Cizire (häufig auch: Dschasira oder Jazira) abgetrennt wird. Dort soll dann an Stelle eines “arabischen Gürtels” ein “türkischer Gürtel” geschaffen werden.

Wie beim Einmarsch in Afrin Anfang dieses Jahres ist es auffällig still in Europas Politzentralen. Lediglich die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini äußerte Besorgnis über die türkischen Angriffspläne auf Nordsyrien. Unsere Autorin machte sich im Oktober auf den Weg nach Nordsyrien, um Erdogans “Terroristen” zu suchen.

Ankunft

Im Büro der Grenzstation auf irakischer Seite sind die Grenzformalitäten schnell erledigt. Mit mir wollen noch weitere Europäer, Holländer, Franzosen, Amerikanern u.a. nach Semalka, wie die Grenzstation auf syrischer Seite heißt. Sie kommen in Gruppen und scheinen von Hilfsorganisationen zu sein. Es gibt also doch internationale Hilfe in Nordsyrien.

Ich frage mich, warum sich Deutschland so schwer damit tut. Auf einer Sicherheitskonferenz in Bahrain erklärte Verteidigungsministerin Ursula van der Leyen, eine Wiederaufbauhilfe, von der Assad profitieren würde, sei nicht vorstellbar. Dabei wäre doch eine lokale Wiederaufbauhilfe im auch schon seit Assads Zeiten benachteiligten Norden des Landes eine Unterstützung, von der nicht das Assad-Regime, sondern die Menschen der selbstverwalteten Region profitieren würden.

In weniger als 5 Minuten sind wir mit einer kleinen Fähre am anderen Tigris-Ufer angekommen.

Ein Grenzbeamter begrüßt uns freundlich und geleitet uns zur Gepäckkontrolle. Die penible Kontrolle ließ ich hier gerne über mich ergehen – wer will schon, dass sich IS-Leute wegen laxer Kontrolle einschmuggeln? Auch hier sind die Passformalitäten schnell erledigt. Auch hier äußerst freundliche Beamte – nicht nur uns Ausländern gegenüber. Bis jetzt habe ich noch keine martialisch dreinblickenden, bis unter die Zähne bewaffneten Milizen gesehen.

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Auf der Suche nach den Steuer-Milliarden

Auf der Suche nach den Steuer-Milliarden

24-08-18 07:37:00,

Bund, Länder und Gemeinden verzeichnen Steuereinnahmen in Rekordhöhe. Trotzdem ist die Infrastruktur in Deutschland in desolatem Zustand. Und nichts funktioniert. Was geschieht mit unserem Geld?

In § 3, Abs. 1 der Abgabenordnung (AO) steht ein interessanter Satz: »Steuern sind Geldleistungen, die nicht eine Gegenleistung für eine besondere Leistung darstellen und von einem öffentlich-rechtlichen Gemeinwesen … allen auferlegt werden …« Mit anderen Worten: Die Bürger müssen zwangsweise Steuern zahlen, haben dafür aber nichts zu erwarten. Etwas unter Androhung von Gewalt zu nehmen, ohne etwas dafür zu geben, wäre Raub. Und deshalb werden schon Kinder und Jugendliche in ihren heruntergekommenen Klassenzimmern darüber aufgeklärt, was der Staat mit seinen Rekord-Steuereinnahmen eigentlich anstellt.

Er baut zum Beispiel für uns Straßen, sorgt für eine moderne Infrastruktur und Bildungseinrichtungen, hilft den Schwachen und Armen und überweist einen großen Betrag an die Rentenkasse, ohne den die Altersbezüge nicht mehr finanzierbar wären. Und natürlich müssen Menschen mit höheren Einkommen (in der linken Klassenkampf-Rhetorik gern als »die mit den breiten Schultern« bezeichnet) mehr zahlen als ärmere Bürger. Weil der Staat mit dem Geld seiner Bürger angeblich so viel Gutes leistet, gilt Steuerhinterziehung eben schlicht als asozial. Wer dabei erwischt wird, verliert seine Reputation. Es sei denn, er ist Fußballmanager.

Einlullende Sozialromantik

Soweit die gutmenschliche Robin-Hood-Sozialromantik. Dass mittlerweile schon Bürger mit etwas mehr als mittleren Einkommen fiskalisch als »größte abzuzockende Subjekte« gelten, ist zwar eine Tatsache, soll an dieser Stelle aber nicht unser Thema sein. Noch interessanter erscheint nämlich die Frage, wie Deutschland, deren Finanzminister sich von den Medien regelmäßig für steigende Steuereinnahmen feiern lassen, das Geld der Bürger investieren. Eigentlich müsste das Land über eine hervorragende Infrastruktur verfügen, die auch langfristig den Erfolg der Wirtschaft und damit letztlich auch die Finanzierung des Sozialstaates ermöglicht. Doch das Gegenteil ist der Fall.

In einer Umfrage des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft gaben 72 Prozent der Unternehmen an, sie fühlten sich durch schlechte Straßen beeinträchtigt, teilweise sogar »sehr beeinträchtigt«. Dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen werden immer wieder aufgeschoben, Schäden nur provisorisch repariert. Jede achte Straßenbrücke in Deutschland gilt inzwischen als marode. Das bedeutet in der Terminologie der Ingenieure, dass die Verkehrssicherheit dieser Brücken zum Teil stark beeinträchtigt ist. Kommt es dann zu massiven Schäden mit der Folge, dass eine Brücke monatelang gesperrt werden muss,

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Auf der Suche nach Europa

Auf der Suche nach Europa

18-08-18 11:47:00,

Als Bürger in Paris aus dem TGV steigt, rennen die Menschenmassen mit ihren nervigen Rollkoffern ihn fast um. Er zieht den Reißverschluss seiner Windjacke bis oben zu und steckt die Hände in die Taschen, lässt sich von dem Strom mitziehen. Erst einmal irgendwo eine heiße Tasse Kaffee trinken. Ohne seinen Kaffee ist er zu nichts zu gebrauchen. Bürger betritt das schmuddelige Bahnhofscafé und sieht sich um. Er geht direkt zur Theke, hinter der die müde Kellnerin ihn gleichgültig anschaut.

„Un café, s’il vous plaît.“

Dafür reicht sein Schulfranzösisch gerade noch. Die Frau hinter der Bar stellt ihm einen Espresso hin. Ach Mist. Diese Franzosen. Haben die keinen normalen Kaffee? Genervt trinkt er die Tasse in einem Schluck aus, knallt zwei Euro auf den Tresen und geht. Ziellos durch die Stadt. Noch ohne einen blassen Schimmer, was er hier eigentlich genau soll.

Er ist überrascht vom Charme, den die Pariser Straßen und Gassen selbst bei diesem Mistwetter versprühen. Er fühlt sich wohl, genießt den Spaziergang. Lange Zeit folgt er einem Kanal, der links und rechts von noch kahlen Bäumen gesäumt wird, die aber langsam erste Knospen zeigen. Zu beiden Seiten des Wassers alte Wohnhäuser mit kleinen Geschäften und Cafés. Ab und zu eine Brücke. Er lässt sich treiben und genießt die frische Luft in seinem Gesicht. Dieser Fall scheint irgendwie anders zu sein als seine anderen Fälle.

Gestern erhielt er die Nachricht von ihrem angeblichen Verschwinden. Ein anonymer Anrufer lockte ihn auf die Fährte. Er hat keine Ahnung, wer sie ist und wie sie aussieht. Europa. Ein ungewöhnlicher Name. Er klingt nach Schönheit. Bürger verließ sich wie immer auf sein Bauchgefühl. Das schickte ihn nach Paris. Leider hatte sein Bauchgefühl nicht daran gedacht, dass es in Frankreich keinen ordentlichen Kaffee gibt. Und ohne seinen Kaffee ist er unausstehlich. Dieser Mini-Espresso. So was kann auch nur ein Franzose oder ein Italiener trinken. Stundenlang an einem Fingerhut nippen. Nein danke.

Er schaut sich um. Inzwischen steht er mitten auf einem riesigen Platz mit einer beeindruckenden Statue. Eine Frau, die majestätisch einen Olivenkranz in die Höhe hält. Um diesen Platz herum Autos, Fahrräder, Scooter. Krach. Ein Penner mit einer Aldi-Tüte auf einer Bank. Bürger geht auf ihn zu und setzt sich zu ihm. „Bongschur.“

Ohne aufzusehen sagt der Penner in fließendem Deutsch:

„Ich habe auf dich gewartet.

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