Teste dich frei!

09-01-21 11:05:00,

Während Deutschland darüber streitet, ob bei entfernungsmäßig definierten Ausgangsbeschränkungen die Straßenkilometer, jene der öffentlichen Verkehrsmittel oder die Luftlinie als Definition herhalten und auch Höhenmeter zu berücksichtigen sind, liefern sich die unfreiwilligen Corona-Komödianten in Österreich ein Wettrennen um den gesellschaftlichen Gebrauch von Wattestäbchen. Deren mehr oder weniger regelmäßiges Eindringen in Nasenlöcher soll künftig über den Besuch einer Theatervorstellung, den Kauf eines Buches beim örtlichen Händler oder einen Kaffeehausbesuch entscheiden.

Den bislang amüsantesten Vorschlag lieferte die Regierungskoalition. Am 24. Januar 2021 sollte der harte Lockdown, während dem die derzeit gültige 24-stündige Ausgangssperre nur zum Einkaufen für das Lebensnotwendige, den nicht aufschiebbaren Gang zum Arbeitsplatz oder zum Luftschnappen gebrochen werden darf, beendet werden. Für die Woche davor war nach wochenlanger Peitsche die Ausgabe von Zuckerbrot an eigens eingerichteten Teststraßen vorgesehen, das man in Form eines Tröpfchens aus der Nase bei entsprechender Färbung das Adverb „negativ“ verpasst bekommt.

Versehen mit einem Stempel des Gesundheitsamtes sollte man sich dann positiv bewegen können, und zwar — allen Ernstes — 48 Stunden lang für einen Theaterbesuch, der freilich um 19 Uhr hätte enden müssen, damit man zur dann gültigen Sperrstunde um 20 Uhr zu Hause sein konnte, und eine Woche lang für den Besuch eines Gasthauses.

Für nicht zum Scherzen aufgelegte Lesende darf ich den Regierungsvorschlag nochmals zusammenfassen: In der Woche vom 18. bis 24. Januar wollten ÖVP und Grüne ihre im Dezember gescheiterte Massenteststrategie — damals beugten nur 13,5 Prozent der WienerInnen für das Einschieben des Wattestäbchens den Kopf nach hinten — wiederholen und dafür einen Anreiz schaffen, den sie als „Frei-testen“ propagierten.

Sogenannt „negativ“ Getestete hätten 48 Stunden lang tagsüber ins Theater oder in die Buchhandlung gehen können und eine Woche lang ins Wirtshaus.

Für den Streit, warum das Virus in der Buchhandlung oder im Konzertsaal nach der Negativ-Testung 48 Stunden lang inaktiv ist, im Wirtshaus diese Inaktivität indes eine Woche lang anhält, fand sich beim besten Willen der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalt ORF kein Virologe. Spaßverderber eben.

Die „Frei-Test“-Strategie scheiterte an einer Stimme im Bundesrat, der zweiten Parlamentskammer. Die Opposition wollte nicht mitspielen, und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Die FPÖ neidet den Wattestäbchen ihre Hauptrolle, die liberale „Neos“ träumen nach wie vor — wie aus der Zeit gefallen — von einer liberalen Demokratie, während die Sozialdemokraten von den Wattestäbchen nicht genug kriegen können.

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